HWWI-Chef Straubhaar: Massive Zweifel an Italien

"Italien wird die Märkte durch Reform- und Sparanstrengungen nicht mehr überzeugen können", sagt der Ökonom Thomas Straubhaar (HWWI). Für ihn sind Euro-Bonds der letzte Ausweg aus Europas Schuldenkrise.

Der italienische Premier Silvio Berlusconi bei einem EU-Gipfel in Brüssel. Italien droht immer wieder zum Problem an den Märkten zu werden, meint der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar. Und: „Nur durch Euro-Bonds
Der italienische Premier Silvio Berlusconi bei einem EU-Gipfel in Brüssel. Italien droht immer wieder zum Problem an den Märkten zu werden, meint der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar. Und: "Nur durch Euro-Bonds

„Italien wird die Märkte durch Reform- und Sparanstrengungen nicht mehr überzeugen können“, sagt der Ökonom Thomas Straubhaar (HWWI). Für ihn sind Euro-Bonds der letzte Ausweg aus Europas Schuldenkrise.

Der Ökonom Thomas Straubhaar wirbt für die Einführung von Euro-Bonds. Das werde die Märkte beruhigen, sagte der Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) am Dienstag der Deutschen Welle. "Da bin ich absolut überzeugt." Die Euro-Bonds müssten greifen, wenn einzelne Länder nicht mehr in der Lage sein sollten, sich an den privaten Kapitalmärkten Geld zu "vernünftigen Konditionen" zu leihen.

Dabei setzt Straubhaar auch Hoffnung in das für Dienstagnachmittag anberaumte Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. "Wenn Sarkozy und Frau Merkel in Paris vor die Kameras treten und sagen – ‚Wir, Deutschland und Frankreich, garantieren mit diesen Euro-Bonds, dass es sich nicht mehr lohnt, auf Italien oder Portugal oder andere Länder zu spekulieren‘ – dann wird der Spekulation schlagartig der Boden entzogen."

Zugleich forderte Straubhaar Fristen für Euro-Bonds zwischen drei und fünf Jahren. Im Gegenzug für die gemeinsamen Schuldscheine müssten die Staaten Teile ihrer Souveränität abgeben und sich beispielsweise sagen lassen, was sie für ein höheres Steueraufkommen zu tun hätten. Zugleich müsse es Vorgaben für den Schuldenabbau, die Privatisierung von Staatseigentum und Wachstumsförderung geben.

Euro-Bonds könnten den ins Visier der Finanzmärkte geratenen Staaten Entlastung bei der Aufnahme von Krediten zu verschaffen. Während Länder wie Griechenland oder Italien in einem solchen Fall künftig geringere Zinsen für ihre Schulden zahlen müssten, kämen auf Deutschland höhere Kosten als bisher zu.

Unterdessen hat Jakob von Weizsäcker, Mitentwickler der Euro-Bonds nach dem sogenannten ‚Bruegel‘-Modell (EURACTIV.de vom 22. Juni 2011), die Idee der Gemeinschaftsanleihen verteidigt. "…wir befinden uns in einer Situation der Teilhaftung, so oder so", sagte Weizsäcker am Montag dem Deutschlandfunk. "Heute machen wir das über europäische Rettungsschirme."

Straubhaar über Italien: "Der Zug ist abgefahren"

Straubhaar begründet seine Forderungen nach europäischen Gemeinschaftsanleihen auch mit der Lage Italiens. "Italien wird die Märkte durch Reform- und Sparanstrengungen´nicht mehr überzeugen können", erwartet Straubhaar am Montag der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. "Der Zug ist abgefahren, da zu spät gehandelt wurde." Es werde immer wieder die Frage aufkommen, ob Italien die Maßnahmen tatsächlich umsetze. Italien drohe so immer wieder zum Problem an den Märkten zu werden. "Nur durch Eurobonds können die spekulativen Angriffe glaubwürdig abgewehrt werden."

Inzwischen kommen Zweifel auf, ob Italien seinen angekündigten Sparkurs durchsetzen kann. Der größte Gewerkschaftsbund des Landes drohte am Sonntag mit einem Generalstreik. Bei Arbeitgebern und Unternehmen stößt eine Solidaritätssteuer für Besserverdiener auf Skepsis. Bei einem Einkommen über 150.000 Euro werden zehn Prozent verlangt. Manager könnten sich deshalb verstärkt Arbeit außerhalb Italiens suchen und so den Trend der Abwanderung von qualifizierten Arbeitern verstärken, warnt der führende Wirtschaftsverband Confindustria (EURACTIV.de vom 15. August 2011).

EURACTIV/rtr/awr

Links


Presse

Deutsche Welle: "Politik muss die Oberhand gewinnen": Interview mit Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) (16. August 2011)

Deutschlandfunk: "Wir sagen nicht, dass mit unserem Modell alle Probleme gelöst werden". Mitentwickler der Euro-Bonds verteidigt seine Idee
Jakob von Weizsäcker im Gespräch
(15. August 2011)

Handelsblatt.de: CDU-Politiker befeuern Eurobond-Debatte (16. August 2011)

Deutschlandfunk.de: Altmaier: Eurobonds verringern den Spardruck (15. August 2011)

ARD: ARD-Sommerinterview mit SPD-Chef: Gabriel für Eurobonds mit Auflagen (14. August 2011)

Welt.de: "Euro-Bonds wären nicht gut für Deutschland" Interview Philipp Rösler (15. August 2011)

Bundesfinanzministerium: Keine Rettung um jeden Preis – Dr. Wolfgang Schäuble im Gespräch mit dem Spiegel (15. August 2011)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de:

Wirtschaft: Frankreich und Deutschland schwächeln (16. August 2011)

"Kein Teufelszeug": CDU-Politiker offen für Euro-Bonds (16. August 2011)

Euro-Bonds: Pro und Contra zu gemeinsamen Anleihen (15. August 2011)

Rettungsschirm, Italien, Leerverkäufe – Debatte zur Schuldenkrise (15. August 2011)

"Euro-Bonds ohne Transferunion". Standpunkt der Euro-Bonds-Erfinder (22. Juni 2011)