Hinz und Kunz statt Marx und Engels
Networking auf kommunistisch: Man muss wissen, wie man an Sachen rankommt, muss Hinz und Kunz kennen. Doch die Ausreisewelle reißt viele Löcher ins Beziehungsgeflecht, die nicht mehr zu stopfen sind. Der eine Hinz, der andere Kunz sind abgehauen. Lokalaugenschein im DDR-Alltag vor zwanzig Jahren.
Networking auf kommunistisch: Man muss wissen, wie man an Sachen rankommt, muss Hinz und Kunz kennen. Doch die Ausreisewelle reißt viele Löcher ins Beziehungsgeflecht, die nicht mehr zu stopfen sind. Der eine Hinz, der andere Kunz sind abgehauen. Lokalaugenschein im DDR-Alltag vor zwanzig Jahren.
„Ich kann das Wort Ausreise schon nicht mehr hören.“ Der 50-jährige Leipziger Josef B. ist des Themas mehr als überdrüssig. Im Betrieb, in der Verwandtschaft, unter Freunden, in jeder Warteschlange, überall ist es das Thema Nummer eins. Nur im DDR-Fernsehen und in den Zeitungen ist es strikt tabu. Was viele DDR-Bürger erst recht ärgert, kriegen sie doch übers Westfernsehen die Fakten mit.
Das Wort „Ausreise“ fällt selten. Die Leipziger sprechen vom Rübermachen. Oder umschreiben es mit der „billigen Dreitagesreise“: DDR, Ungarn, Österreich. Billig, weil ohne Rückfahrkarte. In Wahrheit muss man die Rückfahrtkarte mitkaufen, um sich nicht gleich als Ausreisewilliger erkennen zu geben.
Die Lücken sind nicht zu übersehen. In Lokalen liegen Zettel auf den Tischen: „Keine Bedienung“, „Wegen Krankheit…“, „Aus technischen Gründen…“ Gastronomen ärgern sich, weil die Büroleute von den Betriebsleitungen nicht einspringen. Warenlieferungen bleiben aus. Wegen fehlenden Personals gibt es in manchen Gaststätten seit Wochen keine alkoholfreien Getränke.
Während der Leipziger Herbstmesse erleben Gäste, die ihr frühzeitig bestelltes Privatquartier aufsuchen wollten, ihre Wunder. Die Gastgeberfamilie („Messemuttis“) ist einfach nicht da. Und schon länger nicht gesehen worden. „Wahrscheinlich haben die ihren Urlaub verlängert…“, heißt es am Zimmervermittlungsschalter sarkastisch.
Österreich-Karte für Ungarn-Reisende
100.000 DDR-Bürger dürften 1989 allein bis September bereits „rübergemacht“ haben, viele sogar legal. Mindestens eine Million soll noch auf die Erlaubnis warten. In der Bevölkerung gehen viele – ironische – Gerüchte um. Eines besagt, die Führung werde alle hinauslassen. Scherzhaft wird kolportiert, dass Ungarn-Reisende gleich eine Österreich-Wanderkarte mitbekommen.
Der Aderlass macht sich überall bemerkbar. Wenn ein Rentnerehepaar quasi gegen den Trend vom Ungarn-Urlaub heimfährt und der Zugschaffner bedauert, er könne ihnen für die 18-stündige Fahrt nur Kaffee und Bockwurst servieren. Denn die zwei Kellner seien abgesprungen. Oder wenn der Lkw-Fahrer eines Betriebs von einem Tag auf den anderen den Cheffahrer ersetzen muss. Der ist nämlich ausgereist, und niemand hat’s gewusst.
Als nach den Sommerferien der Unterricht los geht, ist beim Fahnenappell in den Schulen die erste Frage: Wer fehlt?
„Für die Regierung beten“
Die Fürbittentafel in der Leipziger Thomaskirche unterliegt einer Art Selbstzensur. Jeder Bürger kann dort einen Zettel mit einem persönlichen Gebetsanliegen anbringen. Wer hier seine Aggressionen auf die politische Führung auslässt, wird seinen Zettel nicht lange hängen sehen.
Fast alle Fürbitten betreffen das Thema Ausreise. „… weil ich das Land verlasse mit meinem Mann und meinem Kind, weil ich in diesem Staat 40 Jahre unmündig war. Gott mit Euch, die die Kraft haben und hierbleiben.“ – „Ich fürchte, dass auch meine engsten Freunde das Land verlassen. Steh uns allen bei!“ – „… weil das die Hölle ist, denn wir sind geboren, um frei zu sein!“
Die Liste ist lang. „Ich möchte meine Geschwister in der BRD besuchen, wann ich will und nicht ohne Mann und nur mit Anlass!“ – „Wir haben trotz zwei Jahre Wartens noch keine Ausreise. Unsere Tochter kommt jetzt in die Schule.“ – „Ich bitte, dass der Staat uns mehr Freiheit gibt und mehr Vertrauen für uns alle gewährleistet.“ – „Was soll aus unseren Kindern werden ohne Freiheit?“ – „Ich habe Angst, dass die Mauer noch 100 Jahre bleibt.“
Viele Gläubige haben bereits versucht, durch Besetzung des Gotteshauses die Hilfe der evangelischen Kirche bei der Ausreise zu erzwingen. Ohne Erfolg. Bei ganz wenigen Ausnahmen, wenn es etwa um das Schicksal eines Kindes bei der Familienzusammenführung geht, schaltet sich die Kirche ein. Dann klappt es meist auch. „Ansonsten lehnen wir das prinzipiell ab“, sagt der Küster. „Wir müssen hierbleiben, wo Gott uns hingestellt hat. Und Gott hat uns hierher in die DDR gestellt.“ Und: „Wir müssen für die Regierung beten.“ Die Kirche sieht ihre Aufgabe anderswo: „Die Leute gehen hier psychisch kaputt. Denen müssen wir erst wieder auf die Beine helfen!“
Auf den Antennen mancher Trabis und Wartburgs oder auf dem 31 Jahre alten Skoda, der kurzerhand zum „schwarzen Taxi“ als „Bürgerhilfe“ umfunktioniert wurde, wehen weiße Fähnchen: öffentliches Bekenntnis der Ausreisewilligen. Ein neuartiger Gruß unter DDR-Bürgern lautet: „Inka?“ – Immer-noch-keine-Ausreise?
Wenn hohe Funktionäre schon im Westen sind
Ausreisen gehen im Spätsommer 1989 wesentlich lautloser vor sich als früher. Bisher musste man mit jahrelangen Schikanen rechnen, sobald man den Antrag gestellt hatte. Nun wird die Ausreise immer mehr zum Routinefall. Vom Antrag erfahren natürlich sofort der Betriebs- und der Schulleiter. Aber immer öfter ändert sich für den Auswanderer zunächst gar nichts. Er wird vielleicht genauer beobachtet, ob er auch bis zum letzten Moment seine volle Leistung erbringt. Erst am allerletzten Arbeitstag erfahren die Kollegen vom Abschied eines „Ausreißers“.
Relativ lautlos geht es am ehesten dort zu, wo sich die strammsten SED-Funktionäre höchstpersönlich schon in den Westen abgesetzt haben. Es sollen nicht wenige sein. Aber das Misstrauen der Behörden etwa bei Eltern, die ihren ausgereisten Sohn in Hamburg besuchen wollen und die Tochter als Pfand zurücklassen, ist immer noch groß. Da wird schon bei den Nachbarn herumgeschnüffelt, ob ihnen vielleicht billige Möbel angeboten worden sind.
Der interessanteste Teil der „Leipziger Volkszeitung“ dürfte der Inseratenteil sein. Das Gros unter „Haushaltsauflösung“ hat mit Ausreiseanträgen zu tun.
Die Flutwelle westwärts reißt aber empfindliche Lücken nicht nur in die offizielle Infrastruktur des Arbeiter- und Bauernstaats, sondern auch in das fein gesponnene inoffizielle Versorgungsnetz.
Da die planwirtschaftliche Versorgung im Alltag nur in überraschenden Ausnahmefällen funktioniert, hat jeder Ostdeutsche sein Geflecht aus Beziehungen sorgfältig aufgebaut. Nur so lässt sich überleben. Ein Leipziger stellt alle Ideologie auf den Kopf: „Wissen Sie, bei uns muss man nicht Marx und Engels kennen, sondern Hinz und Kunz.“
Bückware und Bestechungen
Die Ausreisewelle schwemmt den einen Hinz, den anderen Kunz hinweg. Die Lücken sind kaum noch zu schließen. Es fehlt an Lebensmitteln, Materialien und Dienstleistungen an allen Ecken. Preußische Tugenden sind im täglichen Sumpf von Bestechungsgeldern, Tauschgeschäften und Schwarzmarkt untergegangen.
„Bückware“ – die Verkäuferin bückt sich unter die Ladentheke, um zurückgehaltene Ware hervorzuholen – gibt es nur für Leute mit Beziehungen.
Der Gemüsehändler legt dem Metzger Ware zurück, der zieht den Schinken aus dem Verkehr und besorgt sich damit ein Paar Schuhe. Der Schuhverkäufer hat Devisen und muss damit das Baumaterialienlager bestechen, damit er für die Sanierung seiner Wohnung Leitungsrohre bekommt. Dieses Beziehungsgeflecht macht alle von allen abhängig.
Ein Taxifahrer, der eben am Stadtrand von Leipzig sein Einfamilienhaus baut und dringend Fenster braucht, erzählt: „Wenn der Chef des Materiallagers nach Mitternacht von der Kneipe heimgefahren werden will, ruft er mich einfach an. Was soll ich machen, ich muss aus dem Bett, obwohl ich gar nicht Dienst habe, und den heimbringen. Ich kann mir das nicht erlauben, sonst flieg ich aus dem Beziehungsnetz raus!“
Telefonattrappe: Bitte warten
Dass der Fahrer überhaupt angerufen werden kann, macht ihn schon zum Privilegierten. Nur wer beim Staatssicherheitsdienst arbeitet oder „Kämpfer“ ist, also im Ernstfall seinen Betrieb verteidigen will, der hat rasch seine neue Telefonnummer.
So mancher Besucher der Leipziger Herbstmesse, der wegen der beschränkten Hotelkapazitäten im Privatquartier übernachtet, muss feststellen, dass der mattschwarze Telefonapparat im Vorzimmer seiner Gastgeber gar kein Telefon ist, sondern eine Attrappe. In den Neubaugebieten am Stadtrand geht die Telefonleitung zwar bis in die Wohnung, „aber auf den Anschluss warten wir schon sechs Jahre“, erzählt ein Reisebüromitarbeiter. „Hoffentlich haben wir jetzt die Hälfte der Wartezeit hinter uns.“
Ein 75-jähriger Rentner, ehemaliger Lehrer, wartete 14 Jahre lang auf ein Telefon, wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau sogar mit Dringlichkeitsantrag. Das Problem ist mittlerweile hinfällig. Die Frau ist vor kurzem gestorben, das Telefon jetzt erst recht nicht bald in Aussicht.
Im Fall einer Übersiedlung wird das Telefon wieder abmontiert. Der neue Mieter muss sich wieder mit einer Attrappe begnügen.
Das Telefon ist jedoch die allerletzte Sorge eines Häuslbauers. „Wer sich eine Datscha hinstellen will und keine Beziehungen hat, für den ist das eine Lebensaufgabe“, schildert einer, dessen Haus in nur einem Jahr fertig war. Gekostet hat ihn das Tempo ungefähr doppelt so viel, wie das Haus sonst wert ist.
„Aus der Wirtschaft mehr herausholen“
„Der Erich“, erzählt ein Kirchenangestellter und meint den Staatsratsvorsitzenden Honecker, „der hat vor ein paar Jahren gesagt: ‚Wir müssen aus der Wirtschaft mehr herausholen.’ Und genau das macht jetzt ein jeder auf seine Weise.“ Die Geste mit der hohlen Hand verrät alles.
Selbst öffentliche Institutionen haben ihre Probleme. Für eine Gebäuderenovierung besorgte man sich Kupferdrähte im Westen. Dann stellte sich heraus, dass auch Isolierbänder und Steckdosen im ganzen Bezirk Leipzig nicht aufzutreiben seien. So wird überall viel improvisiert und auf Kosten der Sicherheit gepfuscht. Erst recht, wenn besagte Institution sogar auf den Elektriker vergeblich wartet und daher der Chauffeur des Institutsdirektors einspringen muss.
„Ich arbeite bei der Gebäudewirtschaft“, erzählt ein junger Elektromeister aus dem Betrieb. „Wissen Sie, was wir machen?“ Er liefert gleich selbst die plastische Antwort: „Einen Scheiß nach dem anderen.“ Niemand sei für irgendetwas zuständig, jeder rede sich auf die nächsthöhere Ebene aus. „Entweder mach ich alles falsch, oder dieses System ist falsch.“ Die Frage meint er rhetorisch. Denn sein Entschluss, in den Westen auszusiedeln, steht bereits fest.
Ostberlin immer bevorzugt
Diebstähle von Spülkästen oder Armaturen aus öffentlichen Bedürfnisanstalten sind typische Verzweiflungstaten von Häuslbauern. „Wer eine WC-Schüssel (Anmerkung: Für meine österreichischen Leser schrieb ich damals: Klomuschel) will, muss schon ein paar Hunderter hinblättern, damit er nicht vertröstet wird." Badewannen, gebraucht, werden in Zeitungsinseraten zu Höchstpreisen gehandelt. Glühbirnen sind reine Zufallstreffer. Man kriegt zwar welche, aber jede zweite ist schon kaputt, bevor man sie hineindreht.
Berlin wird in jeder Beziehung bevorzugt. Daher gilt die Hauptstadt der DDR nicht als typisch. Man unterscheidet zwischen der DDR und Ostberlin. Wenigstens zu Messezeiten, also zweimal im Jahr, wird auch Leipzig besser versorgt als der Rest der Republik. Pfirsiche, Wassermelonen, in der Messewoche überall in der Stadt erhältlich, haben sonst Seltenheitswert.
Schnell spricht sich herum, wo es was gibt. Aus dem Nichts formiert sich eine lange Schlange vor dem Gemüsegeschäft, das nichts anderes als grünen Paprika verkauft. Der Stand mit den Zwetschken findet kaum Interesse. Davon hat jeder schon genug zu Hause.
„In Thüringen gibt’s nicht einmal Tomaten und Gurken“, ist zu erfahren. „Und die wehren sich nicht! Das wär in Leipzig nicht möglich!“
Ernte ohne Traktoristen
Allgemeiner Frust, Arbeitsunlust und die Auswanderungswelle, verbunden mit den Lieferverpflichtungen an die Sowjetunion, wirken sich aus. Die Traktoristen werden so schlecht bezahlt, dass sie gar nicht mehr zur Ernte fahren, sondern Disziplinarstrafen bevorzugen.
Auch der Linienverkehr muss zusammengestrichen werden. Der Abgang von Bus- und Straßenbahnfahrern sowie das Zugpersonal lässt sich nicht mehr ausgleichen. Busse sind im Notstand – im wortwörtlichen Sinn.
Der eigene Pkw ist nicht immer eine brauchbare Alternative. Entweder hat man noch keinen, weil man nicht nur auf die Wohnung viele Jahre, sondern auch die Zuteilung seines Trabant oder Wartburg fast zwei Jahrzehnte wartet, oder aber das Auto steht. Die Ersatzteilversorgung ist so katastrophal, dass die Autofahrer, wenn sie ihren Zweitakter in die Werkstatt bringen, befürchten müssen, dass die Mechaniker anderswo dringend benötigte Kleinteile ausbauen und etwa einen Benzin- durch einen gewöhnlichen Wasserschlauch ersetzen.
Ein neuer Trabant kostet 19.000 DDR-Mark, ein neuer Wartburg an die 30.000. Nach einigen Jahren hat der Trabant seinen Wert verdoppelt. Auf dem Schwarzmarkt zahlt, wer sich die Wartezeit ersparen möchte, 50.000 Mark in bar. Und das bei einem Durchschnittsverdienst von 1000 Mark monatlich. Ein 20-jähriger Trabant kostet immer noch 25.000 Mark.
Wiedersehen in Gießen
Doch am empfindlichsten leidet unter der Ausreisewelle die medizinische Versorgung. Die Ärzte – sie verdienen kaum mehr als ein Produktionsarbeiter – setzen sich reihenweise ab. In der Luther-Stadt Wittenberg soll es keinen einzigen Arzt mehr geben. Auf dem Land herrschen katastrophale Zustände. Aber auch in den Städten müssen Operationen von Knochenbrüchen mehrfach verschoben werden. Auf ein neues Gebiss wartet man zwei Jahre.
In zahlreichen Krankenhäusern sind bereits Stationen geschlossen worden. Betriebsärzte müssen die Aufgaben von Allgemeinmedizinern (für die österreichischen Leser: Praktischen Ärzten) übernehmen. Behandlungstermine, Operationen werden hinausgeschoben. Ganze Landkreise haben inzwischen keinen Augen- oder HNO-Arzt mehr. Wer vom Spitalsaufenthalt kommt, berichtet, praktisch nur ganz junge Assistenzärzte und ältere Medizinalräte gesehen zu haben.
Die Tochter einer Ärztin, eine zwanzigjährige Studentin, wundert sich, dass die Leute vier Stunden lang in der Arztpraxis warten, geduldig hineingehen und geduldig herauskommen. „Die Patienten müssten doch als allererste einmal einen Aufstand machen“, meint sie. „Die ertragen das lange Warten nur deshalb, weil der Arztbesuch in ihre Arbeitszeit fällt.“
Der Mittelbau in der DDR wird immer dünner. In der Zentralen Aufnahmestelle im hessischen Gießen (nahe Frankfurt am Main) findet so mancher seinen Jahrgangskollegen wieder. Oder seinen zuständigen SED-Funktionär.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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