„Hier sagt man Servus“

Flucht von Ostberlin nach Westberlin – über die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich und die Bundesrepublik. Viele Zehntausende wählten diesen Weg. Auch zwanzig Jahre danach ist den Leuten jedes Detail gegenwärtig. Ihre Fluchtutensilien haben sie aufgehoben. Ein Rucksack, ein Smoking oder das entscheidende “Fietzerl” von der Österreichkarte.

Simone Veitenhansl und ihr Fluchtrucksack von 1989  (Foto: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde)
Simone Veitenhansl und ihr Fluchtrucksack von 1989 (Foto: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde)

Flucht von Ostberlin nach Westberlin – über die Tschechoslowakei, Ungarn, Österreich und die Bundesrepublik. Viele Zehntausende wählten diesen Weg. Auch zwanzig Jahre danach ist den Leuten jedes Detail gegenwärtig. Ihre Fluchtutensilien haben sie aufgehoben. Ein Rucksack, ein Smoking oder das entscheidende “Fietzerl” von der Österreichkarte.

„Hier sagt man Servus.“ Auf ihrer allerersten Ansichtskarte, die sie aus Wien nach Hause in die DDR geschickt hat, grüßte die damals 19-jährige Simone Veitenhansl ihre Eltern rein österreichisch. Ihr war dabei zum Heulen: „Ich bin in Wien, es war nicht leicht! Ihr habt‘s nicht verdient. Seid bitte so lieb und versucht, mir zu verzeihen. Bis bald.“

Die Karte mit dem „Servus“ erinnert Simone an den Herbst 1989, als Zehntausende DDR-Bürger so wie sie versucht hatten, von Ungarn aus Österreich und die Bundesrepublik zu erreichen.

Die erste Station für sie alle war das Burgenland, Österreichs östlichstes Bundesland, das kaum wo erwähnt wird. Zuletzt hatte man vom Weinskandal Mitte der achtziger Jahre davon gehört. Doch Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der burgenländischen Bauern, Gastwirte, Postautobusfahrer und Feuerwehrmänner sind legendär, und der glykolfreie burgenländische Wein gehört zu den besten der Welt.

Zehntausende über die grüne Grenze

Begonnen hat es Anfang Mai 1989 mit dem Abbau der veralteteten Grenzanlagen in Ungarn; dann ging das Foto der Außenminister Alois Mock (Österreich) und Gyula Horn (Ungarn) um die Welt, wie sie am 27. Juni den Stacheldraht symbolisch durchtrennten, gefolgt vom Paneuropäischen Picknick bei Sopron am 19. August 1989, als mehr als 600 Ostdeutsche die dreistündige Grenzöffnung zur Flucht nutzten. Ende August warteten 150.000 DDR-Bürger in Ungarn auf die Weiterreise. Ab 11. September hinderten die Ungarn die DDR-Bürger nicht mehr am Grenzübertritt nach Österreich. Gleich in den ersten drei Tagen nach der Öffnung machten 18.000 Flüchtlinge über die grüne Grenze ins Burgenland davon Gebrauch.

Smoking fürs Bewerbungsgespräch

Ulf Müller war mit einem schwarzen Sakko dabei. „Ein ganz altes, ich glaub aus den vierziger Jahren. Das war das schönste, das ich auftreiben konnte."

Damit wollte der damals 25-Jährige nach der Flucht einen Job im Westen suchen und sich zum Bewerbungsgespräch vorstellen. Dass sich ein Smoking dafür nicht eignet, das wusste er damals noch nicht, erzählt er. Aber der Smoking im Gepäck machte an der Grenze wenigstens seine Geschichte von einer Hochzeit glaubwürdiger, auf die eingeladen zu sein er vorgab.

Anfang Oktober war es, ein paar Wochen vor dem Fall der Mauer. Auf keinen Fall durfte seine Familie von den Plänen erfahren. „Viele in meiner Verwandtschaft haben nämlich bei der Stasi gearbeitet.“ Als er daheim anrief, wollte ihn die Familie zur Rückkehr überreden. Die Stasi-Beschäftigten fürchteten nämlich, durch sein „Rübermachen“ selbst Probleme zu kriegen.

Berlin-Budapest-Wien-Essen-Bochum-Berlin: Der Lebensweg des 45-Jährigen dauerte viele Jahre. Im Ruhrgebiet baute er eine eigene Goldschmiedefirma auf, sieben Angestellte, viel Erfolg, viel Stress. Er verkaufte das Unternehmen und zog nach Berlin zurück. „Aber ich bin noch immer nicht richtig in Berlin angekommen, ich fühl mich wie im Urlaub.“ Er machte in Westberlin eine Art Pension mit dreißig Ferienwohnungen auf.

"Angst? Ich war voller Adrenalin"

Die Fahrt im abgedunkelten Bus von der deutschen Botschaft in Budapest nach Österreich und Deutschland fand er wenig spektakulär. Ganz anders erlebte Simone Veitenhansl aus Berlin ihre Flucht, vier Wochen vor dem legendären Picknick. Am späten Abend lief das Mädchen mit seinem damaligen Freund über die Grenze. Sie hörten Warnschüsse und Hunde aus der Ferne, im Wald knackste es überall, aber sie sahen niemanden. Am Stolperdraht blieb sie hängen und blutete. Ob sie Angst gehabt habe? „Ich war so angespannt und voller Adrenalin. Und trotzdem war in mir eine Leere mit ganz vielen ‚e‘“, erzählt sie.

Der Schock, als sie gegen 23 Uhr auf der österreichischen Seite nur ungarische Autos sahen: Waren sie in den Weinbergen irrtümlich wieder zurückgeraten? Erst das herzliche Willkommen im Gasthaus brachte Gewissheit: Geschafft! Sie schlugen sich nach Wien durch, schliefen in einem Parkhaus, zogen sich in einer öffentlichen Toilette um.

Mikroteilchen der deutschen Geschichte

Dann das komische Gefühl, als sie an der deutschen Botschaft in Wien ihre Ausweise abgeben mussten und getrennt wurden; der Schrecken, als sie zu einer Vernehmung hineingebeten wurden; die Angst, etwas Falsches zu sagen und wieder zurückgeschickt zu werden.

Der Vater war erst „superstolz“ auf sie, weil ausgerechnet sie, das einzige Mädchen der vier Kinder, in den Westen ging. Aber zu einer Sonderausstellung der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde, in der Simones ganz persönliche Geschichte gezeigt wurde, da wollte er dann doch nicht kommen. Enttäuscht rätselt sie über sein Desinteresse. „Immerhin habe ich ja doch ein Mikroteilchen der deutschen Geschichte erlebt."

Ein Fietzerl Österreich

Wie eine Reliquie bewahrt Regina W. ein buntes Papierschnipsel auf. Ein Fietzerl von einer Landkarte, das für sie persönlich große Bedeutung hat.

Die Flüchtlinge hatten ja keine Ahnung, was sie nach dem Grenzübertritt Ungarn/Burgenland erwartet und wo sie sich befanden. “Eine Österreich-Landkarte hätte ich auf keinen Fall mitnehmen dürfen, damit hätte ich mich sofort verraten.” Regina hatte eine Ungarnkarte bei sich und vorsorglich nur einen ganz kleinen, unverdächtigen Teil des burgenländischen Grenzteils drangelassen, um nicht den geringsten Verdacht zu erregen.

Sie nennt es ihr “Fietzerl Österreich", und dieses "Fietzerl Österreich", das sie in Todesangst mit sich führte, war und ist für sie das Synonym für ihr neues Leben in Freiheit.

Die roten Rosen sind angekommen

1989 war auch für Stefan Schuberts Leben prägend. Bis er den überglücklichen Eltern das Codewort ausrichten lassen konnte – “Die roten Rosen sind angekommen” – vergingen drei Tage. Seine Flucht von Ost- nach Westberlin dauerte von 23. August 9.15 Uhr bis 25. August 19.30 Uhr.

Beruflich und persönlich war er erfolgreich. Es ging ihm hervorragend. Geboren 1955 in der Lausitz, Außenwirtschaft studiert, im Export von Schwermaschinen gearbeitet, später als Drogist selbstständig gemacht. Aber er war kein Parteimitglied. Er hatte keinen Reisepass, durfte nur auf Messen nach Budapst und Prag, und seit er einmal mit der österreichischen Voest Alpine zu tun hatte, stand er unter Spionageverdacht und wurde beschattet. Er wollte da raus. Einen Ausreiseantrag wollte er nicht stellen, sondern via Ungarn zu Freunden nach Westberlin gelangen. Die Entscheidung hatte er wiederholt hinausgezögert.

Keine Flucht im Kofferraum

Am 23. August 1989 begab er sich am Flughafen Budapest in die Hand ihm völlig fremder Leute, eines Österreichers und einer Westberlinerin. Die erste Idee war: Menschenschmuggel im Kofferraum. Der Österreicher machte mit seinem Pkw erst eine Testfahrt.

An dem extrem heißen Augusttag ging Stefan Schubert mit der Westberliner Begleitung in ein Lokal nahe Sopron. Dort warteten sie auf den Pkw und versuchten, etwas zu essen. Aber er fühlte sich überhaupt nicht wohl. Es irritierte ihn, wenn Leute Fotos machten. Dann der erste Schreckmoment: Der Kofferraum des Österreichers war doch kontrolliert worden. Also keine Kofferraumflucht.

Stefan Schubert war sich aber seiner Sache ganz sicher: “Ich hatte die Nase so voll, ich wollte auf keinen Fall zurück.”

Er musste also zu Fuß flüchten. Das Auto mit österreichischem Kennzeichen brachte ihn Richtung Neusiedler See nahe Lutzmannsburg (ungarisch: Locsmánd), eine Marktgemeinde im burgenländischen Bezirk Oberpullendorf.

An der Stelle mit dem geringsten Abstand von Straße und Grenze sollte er aus dem fahrenden Auto springen – mit nichts am Körper außer Kleidung. Alle persönlichen Gegenstände hatte er zurückgelassen. Auch seine Begleiterin – ihr Schleuser-Honorar betrug 15.000 D-Mark – hatte nichts bei sich als einen Kompass.

Im Urwald ohne Orientierung

“Es war stockdunkel, in dem Urwald hatten wir keine Orientierung. Auch meiner Begleiterin war die Gegend unbekannt.” Aber die Angst, ertappt zu werden, trieb sie weiter.

In der Nähe befand sich eine Kaserne noch auf ungarischem Boden. Permanent kamen Patrouillen. Er und die Berlinerin mussten robben, schliefen unterwegs an einem Bach vor Erschöpfung ein. Um sechs Uhr früh wachten sie auf. Soldaten patrouillierten immer wieder ganz nah vorbei. Sie hörten sie sogar reden. Sie blieben am Boden. Die Grenzstraße, die sie überqueren mussten, war zu gut einzusehen.

Im Maisfeld mit 1,50 Metern Höhe, “da raschelte es wie Metall”. Sie hörten einen Patrouillenwagen, eine Mannschaft von Grenzsoldaten, Hunde. Kein Zweifel: Sie wurden schon gesucht – aber nicht gefunden. “Vielleicht war es Absicht, dass sie uns übersehen haben, vielleicht war es Glück.”

Die Grenztürme vor Augen

Sie hatten nichts zu trinken und nichts zu essen. “Wir waren katastrophal vorbereitet.” Sie blieben im Maisfeld. Die Hitze machte den Tag unerträglich. Sie hatten die Grenztürme vor Augen, hörten ständig Geräusche auf- und abfahrender Fahrzeuge, die sich nicht lokalisieren ließen. Sie sahen aber keine einzige Person. Dass die Grenztürme nicht mehr besetzt waren, wussten die beiden nicht.

Erst am frühen Abend erreichten sie völlig ermattet den Grenzpunkt. Österreich betraten sie, indem sie völlig verrosteten Stacheldraht niedertraten.

Der erste Mensch im Westen war ein Burgenländer, der mit dem Traktor sein Feld pflügte. “Wir haben ihm gewinkt, er gab uns einen Schluck Wasser und brachte uns ins Gasthaus Pacher. Dort brachen wir sofort zusammen und schliefen eine Nacht." Am nächsten Morgen ging’s nach Wien und über Frankfurt nach Westberlin.

Ein Jahrzehnt arbeitete er in Düsseldorf im Management eines Konzerns, heute ist er selbstständig. Nicht als Drogist, sondern als Cafetier auf dem schmucken Marktplatz von Linz am Rhein, südlich von Bonn. “Ich hatte die Konzernarbeit, die Zahlendreherei und die Reiserei satt. So ein Café war mein Kindheitstraum.” (www.markt-cafe-linz.de)

Die Westberlinerin, die (nicht nur) ihn damals nach Österreich geschleust hatte, weilt vorerst in der Karibik.

Stefan Schubert hat Einsicht in seine Stasi-Akte beantragt. “Ein halbes Jahr hab ich die Unterlagen hier liegen gehabt, bevor ich hineingeschaut habe. Ich hab’s erst jetzt geöffnet. Das kostet viel Kraft. Es macht alles gegenwärtig.”

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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