Helmut Kohl: Einheit unter drei
Die Welt wartete auf eine Erklärung: Was hat das wiedervereinigte Deutschland vor? Welchen Kurs nimmt es? Wieviel Angst muss man vor dem neuen Riesen haben? Einheitskanzler Helmut Kohl hat die Weltpresse vor sich – und sagt zwei Stunden lang fast nichts. Und das "unter drei".
Die Welt wartete auf eine Erklärung: Was hat das wiedervereinigte Deutschland vor? Welchen Kurs nimmt es? Wieviel Angst muss man vor dem neuen Riesen haben? Einheitskanzler Helmut Kohl hat die Weltpresse vor sich – und sagt zwei Stunden lang fast nichts. Und das „unter drei“.
Nach dem Fall der Mauer stand Deutschland im Mittelpunkt. Medien aus vielen Ländern entsandten zusätzliche Korrespondenten nach Bonn oder nach Berlin. Der Verein der Auslandspresse (VAP) verzeichnete auf Anhieb mehr als 100 neue Mitglieder aus aller Welt. Vielleicht nicht, weil ich damals zum Vorsitzenden des VAP gewählt wurde, der ich von 1990 bis 1995 war, sondern doch eher, weil die internationalen Medien wissen wollten, was das wiedervereinigte, das große, starke Deutschland, seine Regierung und seine 82 Millionen Einwohner mit ihrer geballten Wirtschaftskraft vorhaben.
Treffen im Amerikanischen Club
Um das zu erfahren, luden wir den Bundeskanzler mehrmals zum Gespräch ein. Einmal empfingen wir ihn beispielsweise im Amerikanischen Club in Plittersdorf am Rhein. Zum Amerikanischen Club, den es längst nicht mehr gibt, führte die Kennedyallee in Bonn, damals bundesdeutsche Hauptstadt. Der Club lag vier Kilometer vom Bonner Kanzleramt und 600 Kilometer vom Mauerfall-Berlin entfernt. Jener Stadt, die zu besuchen Kohl nach der Volkskammerwahl im März 1990 gezählte 180 Tage lang keine Zeit hatte.
Kohl war bestens gelaunt, sprach infolge der Wiedervereinigung auch über die demographische Entwicklung Deutschlands und belehrte in dem Zusammenhang schmunzelnd die VAP-Kollegen, dass ihr Vorsitzender (= ich) als Österreicher mit drei Söhnen sein Soll erfüllt habe und dass sich ein Bundeskanzler nicht um alles persönlich kümmern könne und so weiter. Was die Kollegen aber vielleicht viel mehr interessiert hätte: Was hat dieses neue große Deutschland vor? Wie wird es mit seinen Nachbarn umgehen? Welche Rolle wird es in Europa übernehmen? Will es eine Weltmacht werden? Was ist mit den noch in Deutschland stationierten Alliierten aus Ost und West? Droht eine Berliner Republik?
Kaffee und Keks im Kanzleramt
Zum nächsten Termin, auf den wir allerdings sehr, sehr lange warten mussten, lud uns Kohl dann gleich direkt zu sich ins Kanzleramt ein. Es gab Kaffee und Kekse. Er redete mit uns zwei Stunden.
Als Journalist aus Wien, wo ein Kanzler zum Hintergrundgespräch hinter ehrfuchtgebietende Doppeltüren in imperialem Gemäuer am Ballhausplatz lädt, hatte ich mich ja längst auf Bonner Gegebenheiten umgestellt. Soll heißen: Ein Gespräch mit dem deutschen Bundeskanzler musste im nüchternen Raum des nüchternen Kanzleramts der provisorischen Hauptstadt stattfinden. Unser Raum war von der Außenwelt nur durch eine Glaswand getrennt. Die Szene war transparent wie ein Aquarium. Hätte man sich draußen an der Wache vorbei in den Garten des Kanzleramts schwindeln können, hätte man gesehen, wie sich Helmut Kohl zwei Stunden lang mit Korrespondenten abgab. Natürlich hätte man von außen kein Wort verstanden. Aquarium eben.
Russen, Chinesen, Amerikaner – und die Mutter
Genau so hatte man sich in Bonn „UNTER DREI“ vorzustellen. Der Regierungschef des größten und wohl wichtigsten Landes des Kontinents erklärte Journalisten die Welt – von China über Russland bis Amerika. Er redete über Währungsunion und Sparpaket, plauderte Ratschläge seiner Mutter aus, mokierte sich über die Wehleidigkeit mancher Deutscher und schilderte, wie er Deutschland fit fürs nächste Jahrtausend machen wollte.
Aber: Alles, alles musste gleichsam hinter Glas bleiben. Von dieser Hinterglasplauderei durfte nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Es war – wieder einmal – nur ein Hintergrundgespräch, nur „unter drei“, obwohl es mit seiner Pressestelle anders abgesprochen war. Wir hätten ja Zitate gebraucht.
On the records, off the records
Ein Gespräch „unter eins“ würde jedes Zitat mit Quellenangabe erlauben. Auf neudeutsch: on the records. Beispiel: „… sagte Bundeskanzler Helmut Kohl“.
„Unter zwei“ verbietet jegliche Quellenangabe. Hier könnte man Kohls Aussagen so wiedergeben: „… heißt es in der Umgebung des Bundeskanzlers“.
Und „unter drei“ ist reine Hintergrundinformation. Off the records. Keinesfalls zum Zitieren freigegeben. Würde ein Politiker in der Zeitung wiederfinden, was er einem Journalisten im Vertrauen, also „unter drei“, gesagt hat, er würde vehement abstreiten, jemals die wiedergegebene Äußerung getan zu haben. Oder er würde zumindest behaupten, dass alles aus dem Zusammenhang gerissen sei. Und selbstverständlich würde er diesem Journalisten nie wieder „etwas stecken“. Obwohl: Irgendwie will ja ein Politiker auch seine Hintergrundinformation nicht umsonst gesagt haben. Zwischen den Zeilen oder in einem Kommentar findet sich die Idee vielleicht wieder. Wenn sie es wert war.
Kohl sprach also „unter drei“. Ganz so, als hätte er Dinge auszuplaudern gehabt, die ganz neu und höchst vertraulich gewesen wären und bi- oder gar multilaterale Spannungen hätten erzeugen können.
Floskeln unter dem Siegel der Verschwiegenheit
Tat er aber nicht. Das meiste kannten wir schon aus Fernsehinterviews, Pressekonferenzen oder Wahlkampfreden. Aber bei unserem Termin bekam das schon Bekannte einen besonders exklusiven Charakter. Denn wir hörten es jetzt unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Als Hintergrundinformation. Direkt vom Kanzler. Nur für uns.
So durften die Korrespondenten genau genommen nicht schildern, wie hocherfreut der Kanzler über den Wahlsieg Boris Jelzins war, zu dessen Unterstützung sich Kohl ja sehr weit aus dem Fenster gewagt hatte. Oder wie sehr Kohl bei seinem langen Telefonat mit dem russischen Wahlsieger die physische Präsenz Jelzins regelrecht gespürt habe und sich – ich darf hier leider keine Anführungszeichen setzen – über selbsternannte Gesundheitsexperten genauso lustig machte wie über die früheren Kreml-Astrologen. Solche Dinge müssten mit „heißt es in Bonn“ oder „verlautet in Regierungskreisen“ umschrieben werden. Wenn überhaupt.
Mehr präsent kann ein Regierungschef nicht sein
Keine zehn Minuten lässt Kohl die Korrespondenten warten, abgesehen von den paar Jahren, die zwischen Anfrage und Termin verstrichen sind. Plötzlich füllt er mit seinen 1,93 Metern den Türrahmen aus, in der Höhe und in der Breite. Mehr präsent kann ein Regierungschef nicht sein. Hinter ihm der ebenfalls fast zwei Meter große Regierungssprecher Peter Hausmann sowie Andreas Fritzenkötter (2,04 Meter), Chef von Öffentlichkeitsarbeit und Medienpolitik des Kanzleramts.
„Guten Tag“, sagt Kohl knapp und schwungvoll. „Und für die Österreicher unter Ihnen: Grüß Gott.“ Seine Österreichaffinität ist somit dokumentiert, bevor er noch den ersten Satz gesprochen hat. Ein offizieller Wien-Besuch steht bevor, der erste seit zwölf Jahren. Da er aber ohnehin so häufig nach Österreich reise, habe er da überhaupt keinen Nachholbedarf, beugt der Bundeskanzler jeglicher Kritik gleich vor, pardon, heißt es in Bonn.
Keine „Message“ für die Weltpresse
Mehr als 150 Deutschland-Korrespondenten sind da. Sie kommen aus sechzig Ländern. Sie berichten in ganz vielen Sprachen für ganz viele Millionen Menschen. Sie arbeiten für Zeitungen, Rundfunkanstalten, Fernsehstationen und Nachrichtenagenturen. Online-Journalisten kannte man damals noch nicht, glaube ich.
Ein anderer Regierungschef würde diese geballte Präsenz der Weltpresse für eine „Message nach draußen“ benützen. Würde eine gut zitierbare Äußerung liefern, die ihm weltweit Schlagzeilen sichern würde.
Immer wieder totgesagt
Nicht so Kohl. Hat er nicht nötig. Auf seine Medienberater hätte er nie gehört, wenn sie ihm eine "Message" vorformuliert hätten. Längst ist er der Doyen unter den westlichen Regierungschefs. Die meisten Journalisten sind ihm ohnehin suspekt. Seine spöttischen Seitenhiebe auf die Schreiberlinge hätten schon damals ein Buch gefüllt. Zu viele von den deutschen Journalisten hatten ihn bereits politisch totgesagt – und sich geirrt. Zu Hause hat er eine Sammlung der ungezählten Schlagzeilen und Titelseiten liegen, die sein baldiges Ende verkündeten. Die Mappe war ein Geschenk von Freunden zu seinem Zehn-Jahre-Regierungsjubiläum 1992.
Genugtuung gegenüber Journalisten
Seine Genugtuung, trotzdem immer noch Kanzler zu sein, findet sich in koketten Sprüchen immer wieder. Und dürfte man aus dem VAP-Gespräch zitieren, würde man von seiner tiefen Überzeugung berichten, dass selbst die SPD-Fraktion für seinen Verbleib votieren würde, wenn sie einmal wirklich ganz geheim abstimmen dürfte.
Die Macht als Jungbrunnen: Der Einheitskanzler macht keinen verbrauchten Eindruck. Seine Aufbruchstimmung lässt mich zweifeln, ob er den Urlaub am Wolfgangsee überhaupt nötig hat, den er ein paar Tage nach seiner offiziellen Wien-Visite antreten wollte.
„Mein Chef erklärt mich für verrückt“
„Mein Chef erklärt mich für verrückt“, klagt ein niederländischer Kollege halblaut beim Rausgehen, was sich im selben Moment wohl auch alle anderen denken: „Ich sitze zwei Stunden beim deutschen Bundeskanzler und darf nichts darüber schreiben!“
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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