Havel stellt Wachstumsbesessenheit infrage [DE]
Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat sich mit einem bewegenden Appell für mehr Demut gegenüber der Natur an die Teilnehmer der Eröffnungskonferenz der "Green Week" gerichtet. WTO-Chef Pascal Lamy sprach offen über das Spannungsverhältnis zwischen Handelsvorschriften und dem Schutz der biologischen Vielfalt.
Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat sich mit einem bewegenden Appell für mehr Demut gegenüber der Natur an die Teilnehmer der Eröffnungskonferenz der „Green Week“ gerichtet. WTO-Chef Pascal Lamy sprach offen über das Spannungsverhältnis zwischen Handelsvorschriften und dem Schutz der biologischen Vielfalt.
Auf der Eröffnungsveranstaltung der alljährlichen „Green Week“, organisiert von der Europäischen Kommission, sagte der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel, dass die Art und Weise, wie die Menschen die Erde ausnutzten, ihren Mangel an Respekt gegenüber der Natur deutlich zeige.
Die Welt sei ein riesiges Mysterium, dem wir mit Demut begegnen sollten, sagte er gegenüber seinem Brüsseler Publikum, welches sich aus Eurokraten, Lobbyisten und NGO-Aktivisten zusammensetzte. So stellte er die Grundlage des wirtschaftlichen Wachstums offen infrage. Man könne nicht davon ausgehen, dass es ein ewig währendes Wachstum geben werde , sagte er und verwies damit auf eine Idee in dem 1972 veröffentlichten Bericht des Club of Rome („The Limits to growth“).
Er fuhr fort, dass es sich hierbei nicht um Philosophie, sondern um ein ganz konkretes Merkmal des modernen Lebens, das sich in der Urbanisierung, steigenden Kriminalitätsraten und des allgemeinen Gefühls der Entfremdung bemerkbar mache.
Des Weiteren hinterfragte er den Sinn von Umweltministerien. Warum sollte sich nur ein besonderes Ministeriums mit der „Natur und Anständigkeit“ befassen? Seiner Ansicht nach sollte Anstand ein vorrangiges Prinzip aller Ministerien sein.
In einer Video-Live-Übertragung sagte der ehemalige Handelskommissar und jetzige WTO-Chef Pascal Lamy, dass im Rahmen der internationalen Handelsbeziehungen zweifellos mehr für die Verbesserung des Schutzes der biologischen Vielfalt getan werden müsse.
Unter Bezugnahme auf das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) sagte er, dass man sich bewusst sei, dass kleinere Probleme aufgrund der unterschiedlichen Vorschriften und Ziele vorhanden seien. Er räumte ein, dass die derzeitige Situation die Länder spalte. Auf der einen Seite stünden jene Staaten, die eine Vereinbarung über biologische Vielfalt anstrebten, auf der anderen Seite diejenigen, welche die Regeln der WTO ändern wollten.
Da die Entscheidungen in der WTO einstimmig getroffen würden, sei es daher keine leichte Aufgabe, einen Kompromiss zu finden, sagte Lamy,. Ein Beispiel für derzeitige Spannungen sei der Wunsch pharmazeutischer Unternehmen, Zugang zu der reichen Tier- und Pflanzenwelt einiger Entwicklungsländern zu erhalten, um diese zu nutzen. Wie auch immer der Ausgang dieser Diskussion sei, so Lamy, müssten die geistigen Eigentumsrechte zum Schutz der biologischen Vielfalt genutzt werden. Er erinnerte daran, dass die nachhaltige Entwicklung eines der wichtigsten Ziele der WTO-Charta sei.
Allerdings, fügte er hinzu, müsse man „fair, offen und eindeutig“ bezüglich der Möglichkeiten internationaler Organisationen, wie der EU oder der WTO, sein, wenn umweltpolitische Themen mit nationalen Interessen konfrontiert würden. Die Nationalstaaten verfügten nach wie vor über die größte politische Legitimität, weshalb ohne sie kein wirklicher Fortschritt möglich sei, sagte Lamy.
Achim Steiner, neu gewählter Chef des UN-Umweltprogramms UNEP sagte, dass die Wahrung der biologischen Vielfalt ein umweltpolitisches Thema sei, mit dem man anders umgehen müsse als mit Handelsproblemen.
Bernard Tramier, Leiter der Total Corporate Foundation for Biodiversity and the Sea, sagte, die größte Herausforderung der Ölunternehmen bestehe darin, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Erdölversorgung und dem Schutz der Tier- und Pflanzenwelt zu finden. Er fügte hinzu, dass Total bemüht sei, Wissenschaftler dabei zu unterstützten, ihr Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt der Tiefsee zu verbessern, indem sie die Weltnaturschutzunion (IUCN) mit ihren Ölgewinnungs- und Untersuchungsmustern in der Tiefsee vertraut machten.
Alain Huber, Forscher und Mitbegründer der Internationalen Polar-Stiftung, erklärte wie der Klimawandel die biologische Vielfalt insbesondere in der Polarregion bedroht. Er sagte, die Tiere dort – wie z.B. der Eisbär – seien größtenteils vom Plankton abhängig, welches die Grundlage der Nahrungsmittelpyramide darstelle. Durch die globale Erwärmung nehme die Versauerung der Meere zu, was das wiederum Planktons bedrohe.