Gummiknüppel zur Geburtstagsparty
Michail Gorbatschow verlässt Berlin. Die 40-Jahr-Feier geht zu Ende. Die Staatsgewalt bäumt sich auf. In Zivil und in Uniform schlägt sie auf Demonstranten ein, während Berlin-Besucher ausgesperrt bleiben. Ich beobachte die Demo vom Entstehen an der berühmten Weltzeituhr bis zum blutigen Ende. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer.
Michail Gorbatschow verlässt Berlin. Die 40-Jahr-Feier geht zu Ende. Die Staatsgewalt bäumt sich auf. In Zivil und in Uniform schlägt sie auf Demonstranten ein, während Berlin-Besucher ausgesperrt bleiben. Ich beobachte die Demo vom Entstehen an der berühmten Weltzeituhr bis zum blutigen Ende. Vier Wochen vor dem Fall der Mauer.
Fast wäre es ein schönes Jubiläum geworden. Fast hätte sich die DDR-Führung der Errungenschaften der vergangenen vierzig Jahre ungestört berühmen können. Nicht einmal der Gast aus Moskau hat das Fest durch kritische Worte gestört. Fast.
Es kam anders. Kaum war Michail Gorbatschow abgereist, brach heraus, was vorher in beängstigender, verdächtiger Ruhe zurückgehalten worden war. Hunderte Demonstranten wurden verhaftet, Hunderte verletzt. Foto- und Rundfunkreportern wurde das Werkzeug aus der Hand geriss
Weltzeituhr als Treffpunkt
Ganz harmlos hat es angefangen. Am Samstag (7. Oktober 1989), dem vierzigsten Gründungstag der DDR, versammeln sich junge Leute am Ostberliner Alexanderplatz unter der Weltzeituhr. Der Platz ist wegen der offiziellen "Geburtstagsparty" gut besucht. Es gibt Jazz und Blasmusik, Bier und Würstel, Kitsch und Kunsthandwerk.
Die Urania-Weltzeituhr ist stets beliebter Treffpunkt am Alex. Die 24 Seiten entsprechen 24 Zeitzonen der Erde. Zonen, die den DDR-Bürgern in der Regel verborgen sind.
Ein paar junge Leute an der Weltzeituhr singen die "Internationale". Dann skandieren "Jetzt oder nie Demokratie!", schreien "Wir bleiben hier!" und "Stasi raus!" Fordern "Freiheit für die Inhaftierten" und rufen "Neues Forum, Neues Forum!"
Rasanter Zulauf
Sehr rasch bekommt das Häuflein Demonstranten Zulauf. Ein paar Hundert sind es, die vom Alexanderplatz zum Marx-Engels-Forum ziehen. Rasant werden es mehr, die Gruppe schwillt an. Vor dem Palast der Republik sind es schon an die 5000. "Gorbi, hilf uns!", hallt es in die Dämmerung.
Die Rufe dringen bis in den Palast der Republik hinein. Mieczyslaw Rakowski, damals Erster Sekretär der Polnischen Arbeiterpartei, fragte Gorbatschow, ob er ihm die Rufe übersetzen solle. Gorbatschow habe ihm geantwortet: "Nein, ich spüre es. Das ist das Ende." Dieses Zitat erfuhren die Gäste der Quadrina-Verleihung am 3. Oktober 2009 an Michail Gorbatschow im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin.
Aus dem Palast winken sympathisierende "Kulturschaffende" hinunter – bis sie, wie mir einer später schildert, aufgefordert werden, sofort die Fenster zu schließen.
Eine Mauer aus Volkspolizisten stoppt die Menge. "Keine Gewalt, keine Gewalt!" Die Sprechchöre der Demonstranten entsprechen dem Appell des Neuen Forums, das vorher auf Handzetteln eindringlich davor gewarnt hat, sich von den Sicherheitsleuten provozieren zu lassen.
Skinheads im Stasi-Sold
Derer gibt es mehr als genug. An jeder Ecke Ostberlins stehen sie, meist zu zweit. Ihre unauffällige Freizeitkleidung kann man fast schon wieder Uniform nennen. Sie tragen schnelle Sportschuhe. Dazu kommen noch ein paar im Staatssold stehende Punks und Skinheads.
Aus einer Ecke strömen plötzlich lastwagenweise weitere Stasi-Leute ins Getümmel. Sie alle sind mit kurzen Regenschirmen ausgerüstet, obwohl es nicht regnet. Die Volkspolizei versucht offenbar, alle einzukreisen. Soll der weitläufige Platz rund um das überdimensionierte Marx- und Engels-Denkmal etwa eine Art "Platz des Himmlischen Friedens“ werden? War nicht auch dort Gorbatschow zu Besuch, kurz bevor Peking Hunderte Studenten abschlachtete?
Die Atmosphäre ist explosiv aufgeladen, die Luft knistert. Weder die Demonstranten noch die Exekutive haben Erfahrung im Umgang mit Massendemonstrationen. Der Schock über den blutigen Aufstand vom 17. Juni 1953 hat bis jetzt Protestkundgebungen verhindert. Wird eine Seite die Beherrschung verlieren?
Sogar ADN-Fotografen verfolgt
Einzelne Stasi-Leute sehr wohl. Die ersten Verhaftungen werden vorgenommen. Und zwar durch Leute in Zivilkleidung. Journalisten werden Kameras aus der Hand gerissen. Wie konfus die zivilen Aufpasser reagieren, zeigt das Einschreiten gegen einen Fotografen der DDR-eigenen (!) Bildzentrale der Nachrichtenagentur ADN – vor den Augen des Chronisten. Der Fotograf schreit den Geheimdienstler an, er sei doch von der ADN, zeigt ihm seinen Ausweis. Vergeblich, die Kamera verschwindet.
Ebenfalls vor meinen Augen stürzt sich ein Stasi-Mann auf einen Rundfunkreporter und reißt ihm die Tasche mit dem Tonbandgerät von der Schulter, mit dem eine Prügelszene aufgenommen werden sollte, sagt "Beschlagnahmt!" und will damit verschwinden. Zwei Polizisten steckt er einen Zettel und das beschädigte Gerät zu. Einer der Polizisten behauptet sofort, er persönlich habe den Radioreporter vorher belehrt und aufgefordert, Aufnahmen zu unterlassen. Die Behauptung hält er nicht aufrecht, als er merkt, dass der Reporter in mir einen Zeugen vom Gegenteil hat. Das Gerät bleibt dennoch konfisziert.
Kinder und Jugendliche als Straßensperren
An der Kreuzung Prenzlauer Allee/Dimitroffstraße ein Schock: Die – immer noch friedlichen – Demonstranten werden durch eine Straßensperre gestoppt. Der Sperre besteht aus Menschen – nicht nur Volkspolizisten, nicht nur Geheimdienstlern, nicht nur Betriebskampfgruppen, sondern auch aus Kindern und Jugendlichen!
Hunderte Angehörige der Freien Deutschen Jugend (FDJ) im Pubertätsalter werden den demonstrierenden jungen Leuten gegenübergestellt.
Jugendliche gegen Jugendliche: Es handelt sich zum Teil um jene FDJ-Kader, die am Abend zuvor im feierlichen, doch sehr unheimlich wirkenden Fackelzug geordnet durch die Berliner Straßen marschiert sind. Sie kommen aus der Provinz, vor allem aus Sachsen. Sie haben keine Ahnung, worum es hier geht. Ihnen ist eingetrichtert worden, hier sei eine "Konterrevolution" zu bekämpfen.
Nicht nur Burschen, auch Mädchen stehen Arm in Arm als Bollwerk gegen die Freiheitsliebenden, stemmen sich gegen den Ansturm, verlieren rasch die Kontrolle. Sie sind selbst äußerst unsicher. "Alle Ordnungsgruppen", brüllt ein Berufsjugendlicher mit Armbinde ins Chaos, "zurück zur Kreuzung!"
Fahrgäste aus den Bussen gezerrt
Manche Jugendliche im FDJ-Hemd zögern bei den Befehlen. "Wer nicht will, kann gehen!", bekommen sie zu hören. Auch Mitglieder der GST – der Gesellschaft für Sport und Technik – sind dabei, Nahkämpfer und Funkamateure mit ihren paramilitärischen Hobbys.
Prügelszenen, Schreiduelle, Verhaftungen: An dieser Kreuzung wird es äußerst kritisch. In der drängenden Menschenmasse eingekeilt sind die Trabant- und Wartburg-Autos, die nicht mehr weiter können. Ein Linienbus steht quer über die Kreuzung, umringt von Menschen. Er kann keinen Zentimeter weiter. Aus allen Bussen und Straßenbahnen, die ins Krisengebiet führen, werden indessen alle Fahrgäste herausgeholt und herausgezerrt. Es soll keinen weiteren Zulauf geben. Das Blaulicht der Rettungsautos blitzt im Stakkato die Verletzten an, die auf der Trage abtransportiert werden.
Der Zug bewegt sich weiter in Richtung Gethsemanekirche. Es ist später Abend geworden. Kolonnen von Mannschaftswagen der Polizei lassen die Zuschauer – alle mit den Demonstranten sympathisierend – zur Seite springen. Ein weiterer Pulk aus Dutzenden Polizeiautos mit Blaulicht rast heran. Im Film wäre es eine tolle Szene.
Hunde, Stiefel, Messer, Schirme
Jetzt sprechen der Gummiknüppel, der Stiefel, der Regenschirm, die Faust. Die Staatsmacht wird in Zivil sowie in Uniform aktiv. Wahllos werden Leute verfolgt, zu Boden gerissen, getreten, gegen Autos gestoßen, mit Hunden gejagt, mit Messern bedroht. Und lastwagenweise abtransportiert. Wohnungsfenster, aus denen Pfiffe kommen, kriegen eine Ladung aus dem Wasserwerfer ab.
Ein Demonstrant, der sich im Gewirr versehentlich einen Augenblick in die Kette der FDJ-Leute eingehängt hat, wird arg misshandelt. Doch Augenzeugen am Straßenrand schreien die Schläger so bedrohlich an, dass er wieder freigelassen wird.
Blaulicht und Feuerwerk
Der Himmel darüber funkelt in allen Farben: Von Friedrichshain herüber ist das brillante Höhenfeuerwerk zu sehen. Ein Geburtstag, den die DDR nicht bald vergessen wird.
Um halb zwei Uhr nachts erst löst sich die Demo auf, die mehrfache Einkesselung wird beendet. Die Wasserwerfer rollen ab. In Ostberlin, in Dresden, in Potsdam, in Plauen, in Leipzig. Vorerst hat die Staatsgewalt gesiegt. In Berlin war es die letzte große Demonstration unter diesen Vorzeichen. Als dann am 4. November knapp eine Million Menschen zusammenkommt, sind die Machtverhältnisse fast schon umgedreht.
Ein Nachspiel gibt es noch am 8. Oktober an der Gethsemane-Kirche. Dort stecken 3000 Leute, die sich an der Mahnwache für inhaftierte Bürgerrechtler beteiligen. Als die Menschen die Andacht verlassen, sehen sie sich von Polizeieinheiten eingekesselt. Sie werden aufgefordert, einzeln aus dem Kessel zu treten. Stattdessen setzen sich alle mit brennenden Kerzen zum Sitzstreik nieder. Auch hier agieren Spezialeinheiten: Mit Schlagstöcken vertreiben sie die Demonstranten, 500 wurden verhaftet, viele misshandelt.
Die Journalistenvisa laufen alle am Sonntag, dem Tag nach dem DDR-Geburtstag, ab, und die Grenzen sind dicht. Anlässlich der 40-Jahr-Feiern der Staatsgründung und des Besuches von Michail Gorbatschow verweigert die DDR westlichen Besuchern die Einreise nach Ostberlin. Die DDR bleibt unter sich. Den Leuten macht das Angst.
Nackt und in der Hocke rauf und runter
Etwas später erhalte ich Protokolle zugespielt, die schilderten, was den "zugeführten", also festgenommenen Leuten in jener Nacht und danach widerfahren ist.
Ein paar Aussagen: "Wahllos wurde auf alles, was sich bewegte, mit diesen Schlagstöcken eingedroschen." – "Die Mutter wurde von ihrem zwölfjährigen Mädchen getrennt." – "Eine Frau versuchte, ihren Mann aus den Griffen der Zivilkräfte zu befreien. Sofort stürzten sich sechs Einsatzkräfte auf sie und schlugen auf sie ein." – "Einen Mitgefangenen ließen sie nackt in Hockstellung die Treppen rauf und runter hüpfen." – "Vor den Augen des Kindes wurde ein Mann auf dem Hof von der Volkspolizei ins Gesicht geschlagen und von drei Mann geprügelt."
Protokoll einer Nacht
Wahllos herausgegriffene Zitate aus den "Gedächtnisprotokollen" von DDR-Bürgern aus den Tagen und Nächten nach dem 7. Oktober, in denen sich die Staatsgewalt noch einmal aufgebäumt hat – mit brutalen Einsätzen und teils sadistischer Behandlung beim Verhör, das tiefnachts begann und bis Mitternacht des nächsten Tages dauerte.
Die Sicherheitskräfte griffen willkürlich Leute heraus und "führten sie zu", wie es im DDR-Amtsdeutsch hieß. Auch Personen, die an den Demonstrationen überhaupt nicht beteiligt waren. Unter den "Zugeführten" befanden sich auch Schulkinder und eine Schwangere.
Mütter von Kleinkindern getrennt
So transportierte man sogar einen Facharzt "zur Klärung eines Sachverhalts" aufs Revier, wo er sich mit 25 jungen Leuten ausziehen musste. Mütter wurden bis zum nächsten Tag festgehalten, obwohl zu Hause Kleinkinder warteten. Völlig unbeteiligte Anrainer wurden aus ihren Autos gezerrt, verprügelt und abgeführt.
Stundenlang mussten die Festgenommenen in abnormalen Stellungen in Garagen verharren, durften nicht aufs WC gehen, nicht sprechen, sich nicht im Raum umsehen. Demonstrativ schmatzend aßen die Vopos (Volkspolizisten) vor den hungrigen Festgenommenen.
Betrunkene und übermüdete Polizisten
Wer einschlief, wurde geschlagen und angebrüllt. Mädchen, die an Haaren und Armen abgeschleppt worden waren, mussten die Fußböden in den Toiletten schrubben. Wer sich zu schnell oder zu langsam bewegte, wurde – von mehreren Polizisten gleichzeitig – geschlagen.
Aus den Protokollen geht hervor, dass viele Polizisten betrunken und völlig übermüdet waren. Die Aufseher schüchterten die Festgenommenen immer wieder mit Hunden ein. Freilich merkten manche Opfer an, dass sich einige Uniformierte auch menschlich verhalten hätten.
Zum Ausklang der offiziellen Jubiläumsfeiern ging das Land ganz knapp am Bürgerkrieg vorbei. Ein Angehöriger der Nationalen Volksarmee (NVA) schilderte dem Chronisten, wie auch die Soldaten mit Gummiknüppeln ausgerüstet und in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden seien. Sie hätten notfalls die Volkspolizisten und die Stasi-Leute unterstützt – "obwohl sich wahrscheinlich achtzig Prozent von uns geweigert hätten, weil wir genauso denken wie die Demonstranten".
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
Copyright: Ewald König. Abdruck nur nach Genehmigung durch den Autor. Termine für Lesungen und Diskussionen nach Vereinbarung. Kontakt: Ewald König • Postfach 080 535 • 10005 Berlin • Mail: [email protected] oder [email protected]