Glante (SPD): "CCS wird eine Brücke sein"
Die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist eine praktikable und sinnvolle Technologie, sagt der EU-Energiepolitiker Norbert Glante (SPD). Die Braunkohle sei für Deutschland weiterhin wichtig, manche Ökostrom-Vision unrealistisch und nicht finanzierbar. Im Interview mit EURACTIV.de fordert Glante eine Abgrenzung der SPD von den Grünen und mehr europäisches Denken in der Energiepolitik.
Die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid (CCS) ist eine praktikable und sinnvolle Technologie, sagt der EU-Energiepolitiker Norbert Glante (SPD). Die Braunkohle sei für Deutschland weiterhin wichtig, manche Ökostrom-Vision unrealistisch und nicht finanzierbar. Im Interview mit EURACTIV.de fordert Glante eine Abgrenzung der SPD von den Grünen und mehr europäisches Denken in der Energiepolitik.
ZUR PERSON
Norbert Glante (SPD) sitzt als Energieexperte im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) des EU-Parlaments. Der Brandenburger Ingenieur und Informatiker ist zudem Vizepräsident der Europäischen Energiestiftung (EEF).
Beim sogenannten CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage) soll das bei der Stromproduktion in Kohlekraftwerken anfallende Kohlendioxid abgeschieden und unterirdisch gelagert werden. In Deutschland wird rund die Hälfte des Stroms in Stein- und Braunkohlekraftwerken produziert.
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EURACTIV.de: Bundesregierung und Bundesländer verhandeln derzeit ein Gesetz zur unterirdischen CO2-Ablagerung (CCS). Ihre Heimatregion ist direkt betroffen. Mit 180 Millionen Euro EU-Förderung will der Energieversorger Vattenfall bis 2015 ein CCS-Demonstrationskraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde errichten (EURACTIV.de vom 28. Juni 2010). Wie stehen Sie zu der umstrittenen Technik?
GLANTE: Ich bin von Hause aus Techniker und halte CCS für eine praktikable und sinnvolle Technologie. CCS wird uns nicht für immer und ewig helfen, Kohlestrom zu nutzen, aber sie wird eine Art Brücke für vielleicht 50 bis 80 Jahre sein. Sie können damit die CO2-Emissionen eines Kohlekraftwerkes erheblich senken, auch wenn noch technische Hürden zu meistern sind.
EURACTIV.de: Warum ist die Braunkohlenutzung künftig noch notwendig?
GLANTE: Die Braunkohleverstromung ist für uns in Brandenburg nach wie vor wichtig. Viele sagen, wir brauchen die Braunkohle nicht mehr, wir haben genug Erneuerbare. Aber das ist ein eine eingeschränkte Sicht. Die Braunkohle ist ein einheimischer Energieträger, der ohne Subventionen wettbewerbsfähig ist. Natürlich hinterlässt der Tagebau große Löcher, die man renaturisieren muss. Aber das funktioniert mittlerweile ganz gut. CCS wird vor allem im internationalen Rahmen wichtig, wenn Sie sehen, wie stark China auf die Kohlekraft setzt.
"CO2 ist nicht giftig"
EURACTIV.de: Bei CCS geht es nicht nur um die Energieversorgung…
GLANTE: Was in der Diskussion immer wieder unter den Tisch fällt, sind die Anwendungsbereiche außerhalb der Kohleverstromung. In Brandenburg erprobt zum Beispiel der Stahlkonzern Arcelor Mittal die Technik, um seine Emissionen zu senken. Viele emissionsintensive Branchen werden immer mehr Geld für CO2-Zertifikate aufbringen müssen und sind deshalb an dieser Technik zur Emissionsvermeidung interessiert.
EURACTIV.de: In der Bevölkerung gibt es massive Vorbehalte gegen die Technologie. In Brandenburg protestiert beispielsweise die Bürgerinitiative "CO2-Endlager-Stoppen". Können Sie die Ängste vor unkalkulierbaren Risiken bei der CO2-Lagerung nachvollziehen?
GLANTE: Nachvollziehen kann ich, wenn jemand Angst hat, weil ihm entscheidende Informationen fehlen. Bei Begriffen wie "Endlager" geht bei den Menschen sofort die Jalousie runter. Die Assoziation ist sofort "Gorleben" – das geplante Atommüllendlager. Auch wird im Zusammenhang mit CCS von einem "giftigen Gas" gesprochen, das gelagert werden soll. Aber CO2 ist nun einmal nicht giftig. CO2 ist in jedem Mineralwasser.
Wir brauchen hier Aufklärung. Sollte CO2 tatsächlich eines Tages in größeren Mengen aus einem unterirdischen Speicher austreten, kann dies der Fauna schaden und damit die Landwirtschaft beeinträchtigen. Auch das Grundwasser kann gefährdet sein. Darüber müssen wir reden. Das bedeutet, dass der Betreiber einer solchen Anlage die entsprechenden Vorkehrungen treffen muss. Aber die Wissenschaft ist der Meinung, dass die sichere Lagerung möglich ist. Auf dieses Urteil müssen wir uns auch verlassen können. Die meisten Protestler sind im Grunde Braunkohlegegner. Sie machen die Rechnung auf: Kein CCS bedeutet keine saubere Kohleverstromung und damit das Ende des Braunkohletagebaus.
"Wir sollten die Braunkohle nicht frühzeitig aufgeben"
EURACTIV.de: Umweltverbände und die Grünen vermuten, dass die großen Energiekonzerne mit der Idee von der "sauberen Kohle" lediglich den Umstieg auf Ökostrom bremsen wollen…
GLANTE: Nein, das glaube ich nicht. Wir müssen auch sehen, welche Potenziale uns die Erneuerbaren tatsächlich bieten. An die Vision bis 2050 auf 80 Prozent Ökostrom zu kommen, oder sogar auf 100 Prozent, glaube ich nicht. Das erscheint mir unrealistisch und nicht finanzierbar. Wir sollten die Braunkohle nicht frühzeitig aufgeben.
Momentan erleben wir doch, dass wir Energie zwar effizienter nutzen, aber zugleich mehr verbrauchen. Früher hatten wir alle einen großen Röhrenfernseher. Mittlerweile haben wir energiesparende TV-Geräte, aber dafür haben die Leute gleich drei davon, und dazu zwei Computer. Diese Entwicklung geht weiter.
"Die Menschen sind misstrauisch"
EURACTIV.de: Die Energieversorger RWE und Eon nehmen in Deutschland Abstand von CCS-Projekten. Vattenfall hat mit rechtlichen Problemen und Bürgerprotesten zu kämpfen. Der französische Anlagenbauer Alstom hat mit einem amerikanischen Partner dagegen schon ein CCS-Kraftwerk in den USA in Betrieb genommen. Hat Deutschland den Einstieg in die CCS –Technologie schon verpasst?
GLANTE: Die Akzeptanzfrage stellt sich ja hierzulande nicht nur bei CCS. Egal, ob Sie ein neues Kohlekraftwerk, ein neues Gaskraftwerk, Überlandleitungen, Windparks oder Biomassekraftwerke bauen wollen, es gibt eine Bürgerinitiative, die sagt "Uns stinkt’s". Manche meinen, dass sei typisch deutsch, aber solche Verallgemeinerungen sind natürlich immer schwierig. Aber es stimmt, wir haben in Deutschland besonders viel Angst vor neuen Technologien.
Wir müssen die Prozesse für solche Projekte transparent gestalten und den Menschen von Anfang an deutlich machen, worum es geht. Was sind die Chancen und was sind die Folgen? Bei der CCS-Frage wurde ich schon mit der absurden Angst konfrontiert, es würden am Ende alle ersticken.
Wenn zum Beispiel Hertha BSC im Berliner Olympiastadion vor 40.000 Menschen spielt, hat niemand Angst, weil er auf einem riesigen Erdgasspeicher sitzt, der sich unter dem Olympiastadion befindet. Wenn da mal ein Leck wäre und jemand eine Zigarette entzündet, dann knallt es. Wenn dort CO2 gelagert wäre, würde für die Menschen selbst im Falle eines Lecks keine Lebensgefahr bestehen. Aber selbst bei solchen Vergleichen schütteln die meisten den Kopf. Dieses Akzeptanzproblem hat sicher auch etwas mit der Politikverdrossenheit zu tun. Die Menschen sind misstrauisch. Sie denken, die politischen Entscheidungsträger planen über ihre Köpfe hinweg.
"Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose"
EURACTIV.de: Auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger ist skeptisch, wenn es um die CCS-Technik in Deutschland geht. Es scheine ihm ein kaum durchsetzbarer "Länderfinanzausgleich", wenn Kohlekraftwerke aus dem Ruhrgebiet per Pipeline ihr Kohlendioxid (CO2) in Schleswig-Holstein oder Brandenburg einlagerten, wo die besten Standorte hierfür wären….
GLANTE: Die Skepsis bei Pipelines ist sicher berechtigt. Ich habe das in Brandenburg erlebt, als der Gasanbieter Wingas eine Leitung von Greifswald nach Tschechien bauen wollte. Dafür brauchten sie nach einer bestimmten Strecke einen so genannten Verdichter, der in Groß Köris entstehen sollte, südlich von Berlin. Der Verdichter ähnelt einer Industrieanlage mit einem Schornstein für die Abluft. Dagegen hat sich sofort ein Bürgerprotest formiert. Obwohl der Verdichter quasi keine Emissionen freisetzt und auch die Lautstärke gedämpft wird, sagte man vor Ort, man will das nicht, weil es den Tourismus stört. Wenn schon ein solches Projekt solche Schwierigkeiten macht, sehe ich große Probleme, CO2-Pipelines zu genehmigen. Aber wir müssen an diesen Technologien arbeiten. Der Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose und alles ist gut.
EURACTIV.de: Könnte sich die SPD in der Industriepolitik stärker von den Grünen abgrenzen?
GLANTE: Es würde mich freuen, wenn wir dies in Deutschland täten. Wenn Energiepolitik in der deutschen SPD nur noch von dem Umweltpolitiker Ulrich Kelber oder von Hermann Scheer, dem Vorsitzenden des Weltrats für Erneuerbare Energien (WCRE), gemacht wird, dann ist mir das zu einseitig.
"Man will den nationalen Energiemix nicht aus der Hand geben"
EURACTIV.de: Nun hat die schwarz-gelbe Regierung gestern ihr Energiekonzept 2050 beschlossen. Wie bewerten Sie die Strategie?
GLANTE: Ich habe den Eindruck, dass Themen wie die Laufzeitverlängerung, die Erneuerbaren und die CO2-Abscheidung zu sehr aus dem deutschen Blickwinkel diskutiert werden. Wir brauchen hier mindestens den europäischen, wenn nicht gar den globalen Kontext.
Außerdem spielt die Braunkohle im Energiekonzept keine Rolle. Sie wird nicht einmal erwähnt. Die Biomasse-Ziele sind meines Erachtens zu ehrgeizig. Die Biomasseproduktion darf nicht in die Konkurrenz zum Lebensmittelanbau treten. Ich sehe schon in Hamburg und Rostock Schiffe mit Biomasse ankommen, die dann auf LKW durch ganz Deutschland zu den Kraftwerken gefahren wird.
EURACTIV.de: Man könnte ja beispielsweise mit osteuropäischen Staaten wie Polen Partnerschaften bei der Biomasse eingehen…
GLANTE: Das könnte man. Aber man hat einfach noch immer die nationale Brille auf. Wir müssten uns heute fragen, wo bekommen wir in Europa die Biomasse her, oder wo lässt sich Photovoltaik effizienter nutzen als in Deutschland. Das hieße aber, dass man sich europaweit abstimmt. Dagegen gibt es immer noch Widerstand. Man will den nationalen Energiemix nicht aus der Hand geben.
Netzausbau – "Wir müssen ganz Europa in den Blick nehmen"
EURACTIV.de: Müsste es eine eigene europäische Kooperation bei den Erneuerbaren geben?
GLANTE: Die Chance wäre ja dagewesen, als die Klimaziele ausgemacht wurden. Man hätte sich schon früher gemeinsam fragen müssen, wie wir den 20-Prozent-Anteil für die Erneuerbaren bis 2020 erreichen. Wenn EU-Energiekommissar Günther Oettinger Vorschläge für europäische Synergien macht, müssten der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Umweltminister Norbert Röttgen aber auch mitziehen.
EURACTIV.de: Die gemeinsame Infrastrukturplanung wäre ein europäisches Integrationsprojekt?
GLANTE: Ja, natürlich. Wir haben den EU-Energiebinnenmarkt ja längst beschlossen. Wenn wir diesen Binnenmarkt wirklich ernst meinen und ein europäisches Netz planen, dann kann unsere Frage ja nicht sein, wie Windstrom von Schleswig-Holstein nach Bayern gelangt, sondern wir müssen ganz Europa in den Blick nehmen. Wir brauchen hier Höchstspannungsnetze, wir müssen Italien genauso mitdenken wie Schweden oder Polen.
EURACTIV.de: Inzwischen wird die Förderungspraxis für die Erneuerbaren in Deutschland kritisch hinterfragt. Speziell die Photovoltaik gilt als überfördert. Ist es Zeit für eine ehrliche Bilanz?
GLANTE: Das würde ich sofort unterschreiben. Das Problem ist, die Erneuerbaren gelten per se als die "guten" Energien. Alles, was Sie in diesem Bereich machen, ist erst einmal gut. Aber dahinter steckt knallharte Ökonomie, und es muss auch Wettbewerb herrschen. Uns wird erst langsam bewusst, was uns das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Einspeisevergütungen kosten. Angesichts des geringen Anteils der Photovoltaik an der Gesamtenergieerzeugung müssen wir überlegen, ob es vertretbar ist, riesige Kosten auf die Verbraucher und die Industrie umzulegen.
Solarenergie – "Zweckgetriebene Prognosen"
EURACTIV.de: Jahrelang verbreitete die Solarbranche Optimismus. Es gibt Diagramme, da steigt der Anteil des Solarstroms bis ins Jahr 2100 kontinuierlich auf nahezu 100 Prozent. Immer wieder wurde gesagt, die sogenannte "Netzparität" stehe kurz bevor, also der Moment, in dem Solarstrom nicht mehr teurer ist als konventioneller Strom.
GLANTE: Es gibt natürlich immer zweckgetriebene Rechnungen und Prognosen. Es ist völlig klar, dass momentan die Produktionskosten für Solarstrom viel höher liegen als die von Kohle- und Atomstrom. Wenn man sich die Spitzenpreise an der Leipziger Strombörse EEX anschaut, ist man natürlich trotzdem schnell wettbewerbsfähig. Aber es geht nicht um die höchsten Endpreise, sondern um die Herstellungskosten. Und da ist noch keine Wettbewerbsfähigkeit erkennbar. Die Preise für konventionelle Energie werden sicherlich steigen, die für erneuerbare Energie werden sinken. Wann und wo man sich trifft, lässt sich nicht so einfach sagen. Ich bin mit diesen Prognosen sehr vorsichtig.
Links
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Hinweis: Mehr zur zukünftigen EU-Energiepolitik finden Sie im EURACTIV.de YellowPaper. Die Sonderpublikation versammelt Analysen, Visionen, Ideen und Forderungen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Wichtige Dokumente und Internetseiten zu CCS
Brandenburg: CCS-Forum
EU-Kommission: CCS-Förderungsprojekte in der EU
EU-Kommission: Übersicht zu CCS
Unternehmen
Vattenfall: Übersicht zu CCS
Vattenfall: CCS-Demonstrationsprojekt in Brandenburg
NGOs
Greenpeace: Keine Lösung, sondern Risiko. Stellungnahme zu CCS
Greenpeace: Vattenfall täuscht die Bevölkerung. Interview mit dem Klima-Experten Karsten Smid (17. Juni 2010)
Bürgerinitiative CO2-Endlager-Stoppen: Internetseite
Internetseiten und Dokumente zur EU-Energiepolitik
EU-Kommission: Die Europäische Energiestrategie 2011 bis 2020. Rede von Energiekommissar Günther Oettinger (30. Juni 2010)
EU-Kommission: Speech at the Presentation of Greenpeace/DLR – Study "Energy [R]evolution" on the future of European energy use (8. Juli 2010)
EU-Kommission: Transparenzplattform zu den Nationalen Energieaktionsplänen
EU: Richtlinie 2009/28/EG zur Förderung Erneuerbarer Energien
Energiewirtschaftliches Institut Köln (EWI): European RES-E Policy Analysis. A model based analysis of RES-E deployment on the conventional power market (26. April 2010)
Bundesregierung: Energiekonzept. Neun Punkte für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung (6. September 2010)
Bundesregierung: Energieszenarien für ein Energiekonzept der Bundesregierung (August 2010)
European Energy Forum (EEF): Internetseite