Gesundheitspersonal aus dem Ausland: EU-Staaten in der Zwickmühle
Angesichts des Personalmangels im Gesundheitswesen ist die Versuchung für viele EU-Staaten groß, Menschen aus dem Ausland anzuwerben. Doch das schadet den oft fragilen Gesundheitssystemen der Herkunftsländer, wie die EU-Kommission warnt.
Um Engpässe bei ihrem eigenen Gesundheitspersonal auszugleichen, werben viele europäische Länder Personal aus dem – in der Regel weniger wohlhabenden – Ausland an, sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU.
Einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2022 zufolge sind einige EU-Länder „sehr stark auf internationale Anwerbung angewiesen, um Lücken bei den Arbeitskräften im Gesundheitswesen zu schließen.“
Europa könne jedoch nicht einfach im großen Stil Fachkräfte aus ihren Herkunftsländern abwerben, betonte Francisco Perez-Canado von der Generaldirektion Gesundheit der Kommission in dieser Woche bei einer Anhörung im Bundestag.
„Wir haben eine Situation, in der wir ein sehr attraktives Umfeld für Arbeitnehmer aus dem Ausland bieten, und wir müssen Strukturen schaffen, die negative Folgen für unsere Partner vermeiden“, betonte er.
Aus Sicht des Beamten steht die Abwerbung von Personal aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in einem Spannungsverhältnis zu den Bestrebungen der EU, im Gesundheitsbereich eine größere internationale Rolle zu spielen.
Schließlich gehe es bei vielen der Projekte, die die EU hierbei umsetzen wolle, genau darum, das Gesundheitssystem und -personal in den Partnerländern aufzubauen – und das werde durch Abwanderung in reichere Regionen wie die EU unterminiert.
Im November letzten Jahres hatte die EU-Kommission eine globale Gesundheitsstrategie vorgelegt, die unter anderem eine Liste potenzieller internationaler Kooperationsprojekte enthielt, an denen sich die EU-Länder beteiligen könnten.
Eine solche Zusammenarbeit erfordere ein „Gleichgewicht in den Beziehungen zu Volkswirtschaften mit niedrigem oder mittlerem Einkommen“, so Perez-Canado.
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EU-Länder trödeln bei Maßnahmen
Für Perez-Canado besteht ein Ansatz zur Lösung des Dilemmas in der Umsetzung von „zirkulären“ Modellen. Die Idee dabei ist, dass Fachkräfte im Gesundheitswesen für einen bestimmten Zeitraum in der EU bleiben und danach mit zusätzlichen Weiterbildungen und im Ausland erworbenen Kenntnissen in ihre Herkunftsländer zurückkehren.
Ein weiterer wichtiger Hebel seien digitale Lösungen, erklärte er. So könnten beispielsweise Verträge für Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, die nach Europa kommen, Bestimmungen enthalten, wonach sie Patienten in ihrem Heimatland digitale Konsultationen anbieten können.
„Je weiter wir voranschreiten, desto mehr müssen wir digitale Werkzeuge nutzen, um das schwierige Problem des Personalmangels zu lösen“, so Perez-Canado.
Mehr digitale Ansätze mahnt auch die WHO in ihrem Bericht an, der zudem mehr Investitionen in die Ausbildung von Gesundheitspersonal im eigenen Land, die Stärkung von Weiterbildungsmaßnahmen und die Schaffung attraktiverer Arbeitsbedingungen vorschlägt.
Gleichzeitig sind aus Perez-Canados Sicht auch kurzfristige Schritte möglich, die die EU-Länder jedoch nur zögerlich umsetzten. Ein erster Schritt müsse darin bestehen, ein zuverlässiges Datenerfassungssystem für ausländisches Gesundheitspersonal aufzubauen.
„Leider sind wir noch nicht so weit“, sagte er. „Warum? Weil die Mitgliedsstaaten es nicht ausreichend unterstützen.“
„Ethische“ Rekrutierung
Ein solches Überwachungssystem fordert auch der Globale Verhaltenskodex der WHO für die internationale Rekrutierung von Gesundheitspersonal, auf den sich alle EU-Länder verpflichtet haben. Dabei handelt es sich um eine Reihe von freiwilligen Grundsätzen, die sicherstellen sollen, dass internationale Rekrutierungsprozesse „ethisch“ sind.
Der Kodex fordert von den Unterzeichnerstaaten unter anderem, „eine wirksame Personalplanung im Gesundheitswesen“ sicherzustellen, um so von vornherein „die Notwendigkeit zu verringern, zugewandertes Gesundheitspersonal anzuwerben.“
Die WHO hat zudem eine Liste von Ländern erstellt, aus denen keine Mitarbeiter angeworben werden sollten, und fordert die europäischen Länder in ihrem Bericht dringend auf, sich an diese zu halten. Die Liste enthält Länder mit „dem dringendsten Bedarf an Gesundheitspersonal im Zusammenhang mit der flächendeckenden Gesundheitsversorgung“, darunter 37 afrikanische Länder, aber auch beispielsweise Haiti, Afghanistan und Bangladesch.
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Erste Fortschritte
Eine Studie aus dem Jahr 2020 kam zu dem Schluss, dass die Datenerfassung und -überwachung zur Mobilität von Gesundheitspersonal in den europäischen Ländern verbessert werden sollte, um ethische Anwerbungspraktiken zu unterstützen.
Gleichzeitig kommen die Autoren aber zu dem Ergebnis, dass es im Allgemeinen Anzeichen dafür gibt, dass „die Länder die Grundsätze des Kodex für ethische Anwerbung zunehmend einhalten.“
Ein Indiz dafür sei, dass der Anstieg der Zahl der Ärzte aus Drittländern in den letzten zehn Jahren eher auf die „Ankunft von Ärzten aus Ländern mit Konflikten und Unbeständigkeit“ zurückzuführen sei als auf aktive Bemühungen zu Anwerbung seitens der Zielländer.
Dennoch haben auch Drittländer, die geografisch nahe an der EU liegen, mit einer Abwanderung von Ärzten und medizinischem Personal zu kämpfen.
In Albanien beispielsweise hat die Regierung vor kurzem eine Gesetzesänderung eingeführt, derzufolge Medizinstudenten, die nach ihrem Abschluss nicht für mindestens fünf Jahre im Land bleiben, ihre Studienkosten in voller Höhe zurückzahlen müssen.
Während Studierende gegen das neue Gesetz protestiert haben, argumentiert die Regierung, der Schritt sei angesichts der hohen Rate an Abwanderung in die EU notwendig.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]