Geopolitisches Minenfeld: Europas Suche nach neuen Energielieferanten
Der Einmarsch Russlands in der Ukraine hat die EU gezwungen, ihre Energieversorgung drastisch zu überdenken und sich von russischen fossilen Brennstoffen zu lösen. Die Diversifizierungsbemühungen der EU bergen jedoch auch neue Risiken.
Der Einmarsch Russlands in der Ukraine hat die EU gezwungen, ihre Energieversorgung drastisch zu überdenken und sich von russischen fossilen Brennstoffen zu lösen. Die Diversifizierungsbemühungen der EU bergen jedoch auch neue Risiken.
Russland war traditionell der Hauptlieferant fossiler Brennstoffe für die EU. Die Bindung wurde durch massive Infrastrukturprojekte wie Pipelines über Jahrzente hinweg vertieft. So kam es, dass laut Eurostat Russland im Jahr 2021 40 Prozent des Erdgases, 30 Prozent des Rohöls und 30 Prozent des Steinkohlebedarfs der EU deckte.
Als klar wurde, dass Russland mit dem fossilen Handelstreiben seinen Angriffskrieg in der Ukraine finanzierte, musste man in Brüssel handeln. Seitdem verschärft die EU nach und nach ihre Sanktionen und suchte nach alternativen Wegen, um den Energiebedarf Europas zu decken.
„Durch unsere gemeinsamen Anstrengungen und in Solidarität mit der Ukraine haben wir unsere Kohleimporte aus Russland eingestellt, 90 Prozent der russischen Ölimporte eliminiert, und die Gaslieferungen über die Pipelines sind erheblich zurückgegangen“, fasste Energiekommissar Kadri Simson die Bemühungen des letzten Jahres in einem Rundschreiben zusammen.
Eine Frage der Energie
Während der ersten Monate des Krieges in der Ukraine beherrschte eine Frage die EU-Energiewirtschaft und die Mitgliedsstaaten gleichermaßen: Wird Wladimir Putin den Gashahn zudrehen?
Obwohl Russland im Rahmen früherer „Streitigkeiten“ mit der Ukraine in den Jahren 2005 und 2006, 2009 und 2017 die Gaslieferungen nach Europa einschränkte, gingen viele davon aus, dass der Kreml nicht dazu übergehen würde, seinen größten Markt vollends abzuschneiden.
Schließlich bedeutete weniger verkauftes Gas in Europa auch weniger Geld für die Kriegskasse des Kremls.
Doch Russland nutzte sofort die Gelegenheit, die Gasströme als Druckmittel einzusetzen. Als erstes wurden Warschau und Sofia nicht mehr beliefert. Damit sendete man ein klares Signal an andere EU-Länder.
Das vom Kreml kontrollierte Energieunternehmen Gazprom begann außerdem, die Gaslieferungen durch die Nord Stream 1-Pipeline nach Deutschland nach und nach abzustellen.
Während andere europäische Länder noch mit der Herausforderung zu kämpfen hatten, die lukrativen russischen Lieferungen fossiler Brennstoffe zu reduzieren, stoppte Litauen als erstes europäisches Land alle Importe von „toxischem“ russischem Gas.
„Es war ein großer politischer Sieg, aber auch ein wirtschaftlicher Sieg – es war, als hätten wir unsere Unabhängigkeit zum zweiten Mal gewonnen, weil wir uns nie wieder mit Energie erpressen lassen würden“, heißt es dazu aus litauischen Diplomatenkreisen gegenüber EURACTIV.
„Wenn viele unserer europäischen Nachbarn, insbesondere Deutschland, dies vor dem Krieg getan hätten, wäre die Reaktion auf Russlands Einmarsch in die Ukraine zweifellos schneller und mutiger ausgefallen“, hieß es weiter.
Letztendlich war es dann aber Moskau, das den fatalen Schritt tat. Mit dem Gas-Lieferstopp, wurde Europa dazu gezwungen, seine Abhängigkeit zu verringern. Ende des Jahres war der Anteil des russischen Gases an den europäischen Einfuhren von 50 Prozent auf unter 10 Prozent gesunken.
Die Einfuhr von Kohle und anderen festen fossilen Brennstoffen wurde bereits im August verboten, ein Verbot für Rohöl und raffinierte Erdölerzeugnisse folgte, das – mit begrenzten Ausnahmen – jeweils im Dezember und Februar 2023 in Kraft trat.
Obwohl sich die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten auf ein Embargo für russisches Erdöl auf dem Seeweg geeinigt haben, scheint ein völliges Verbot von Gaslieferungen unwahrscheinlich. Denn nach wie vor sind manche Länder stark abhängig von russischem Gas.
LNG als Retter in der Not
Da weniger Energie aus Russland kam, musste die EU die Lücke schließen. Dies geschah zum Teil durch die Erhöhung der Erdgaslieferung aus Drittstaaten, durch die Aufrechterhaltung der hohen Pipelinelieferungen aus Norwegen und Algerien in die EU und durch die geringfügige Erhöhung der Lieferungen aus Aserbaidschan.
Vor allem aber sicherte sich die EU Rekordmengen an Flüssiggas (LNG), die ab 2021 um 66 Prozent zunahmen. Die USA belieferten Europa im vergangenen Jahr mit 42 Prozent seiner LNG-Lieferungen und festigten somit ihre Position als verlässliche Energiequelle für Deutschland und Europa.
„Durch die Zusammenarbeit mit zuverlässigen Partnern ist es uns gelungen, den Großteil unserer Einfuhren von russischer Kohle, Öl und Gas rasch zu ersetzen. Das schadet der russischen Wirtschaft und hilft der Ukraine bei ihren tapferen Kriegsanstrengungen“, sagte Simson.
Die EU hat außerdem ihren Gasbedarf durch die Senkung der Nachfrage und die Erzeugung erneuerbarer Energien gesenkt.
„Unsere Bürger und Industrien haben ihren Gasbedarf um 20 Prozent gesenkt, und wir haben alternative Bezugsquellen bei internationalen Partnern und durch Investitionen in neue einheimische erneuerbare Energien gefunden“, fügte die Energiekommissarin weiter hinzu.
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Was ist mit russischem Gas?
Trotz aller Bemühungen hat sich Europa nicht vollständig von russischer Energie befreit und zahlt weiterhin Geld an das Land im Austausch für Lieferungen. Insgesamt hat die EU seit Beginn des Krieges knapp 140 Milliarden Euro als Gegenleistung für russische fossile Brennstoffe gezahlt.
Auch die Einfuhren von russischem Flüssiggas (LNG) sind im vergangenen Jahr gestiegen, wenn auch nur geringfügig.
„Wenn man sich den Vergleich zwischen 2021 und 2022 ansieht, sind sie um etwa sechs Milliarden Kubikmeter gestiegen, was, so würden wir sagen, nichts im Vergleich zu dem Verlust ist, den wir in Bezug auf Pipeline-Gas aus Russland hatten“, hieß es aus EU-Kreisen gegenüber EURACTIV.
Russisches LNG wurde zudem von den Lieferungen ausgeschlossen, die von den EU-Ländern gemeinsam gekauft werden, um die europäische Energiesicherheit zu gewährleisten.
Obwohl es für die EU derzeit politisch und moralisch nicht machbar erscheint, wieder zu russischem Gas zurückzukehren, bleiben rechtliche Fragen offen.
Es wäre schwierig, zu russischer Kohle und russischem Rohöl zurückzukehren, da sie unter EU-Sanktionen fallen oder aus anderen Gründen aus dem Verkehr gezogen werden.
Fossiles Gas hingegen fällt derzeit nicht unter die Strafmaßnahmen der EU und wird trotz der Bemühungen von Hardlinern wie Polen und den baltischen Staaten wahrscheinlich nicht so bald auf die Sanktionsliste kommen.
„Die Verträge wurden nicht gekündigt, so dass es technisch gesehen eine große Frage und Herausforderung ist, ob die Unternehmen rechtlich dazu verpflichtet sind, das Gas abzunehmen, wenn Russland beschließt, mehr Gas zu liefern. Es ist wahrscheinlich, dass jemand einspringen muss“, sagte Ben McWilliams, Energie- und Klimaberater beim Brüsseler Think-Tank Bruegel gegenüber EURACTIV.
Im Vergleich zu anderen Energiequellen sei es zudem schwierig, Russlands Gas an alternative Abnehmer zu liefern. Viele Länder wollen nicht mehr mit Russland zusammenarbeiten, aufgrund der Sanktionen fehlt auch wichtige Technologie um mehr Gas zu verflüssigen um es so zu verschiffen.
„Eine Sache, die Russland wirklich verlieren wird, ist die Technologie. Vor dem Krieg arbeiteten sie an neuen LNG-Exportkapazitäten in der Arktis, aber die europäischen Energiekonzerne zogen sich zurück und es gibt Sanktionen gegen den Export von Energietechnologie“, so McWilliams.
„Ideal“ wäre es, wenn Europa nie wieder auf russische Lieferungen fossiler Brennstoffe angewiesen wäre, so Lisa Fischer, Programmleiterin beim Klima-Thinktank E3G, gegenüber EURACTIV.
Energieexperten zufolge könnte die EU bis 2025 zwei Drittel des russischen Gases ersetzen, indem sie erneuerbare Energien und die Energieeffizienz vorantreibt, und es nach 2025 schnell vollständig ersetzen.
Darüber hinaus sagte Fischer, dass die EU sicherstellen sollte, dass jedes Geld, das für Gaslieferungen ins Ausland geschickt wird, „absolut notwendig und unvermeidlich“ sei.
Andernfalls sei es eine vergeudete Investition, die man hätte einsetzen können, um die heimische Industrie effizienter und wettbewerbsfähiger zu machen, Häuser zu isolieren und erneuerbare Energien zu fördern.
Die EU drängt bereits auf die Einführung von mehr erneuerbaren Energien, um die heimische Energieproduktion zu steigern, die Treibhausgasemissionen zu verringern und die hohen Preise zu bekämpfen. Langfristig dürfte dieser Ausbau die Energiesicherheit der EU erhöhen, da sie weniger von anderen Ländern abhängig wäre.
„Erneuerbare Energien sind die beste Option, um unsere Energiesicherheit zu erhöhen. Im Jahr 2023 müssen wir uns darauf konzentrieren, so viele neue Kapazitäten wie möglich ans Netz zu bringen“, sagte Energiekommissarin Simson.
„2022 war auch ein Rekordjahr für erneuerbare Energien in der EU. Wir haben fast 50 Gigawatt an neuen Kapazitäten zugebaut, hauptsächlich aus Wind- und Solarenergie“, fügte sie hinzu.
Chinas schleichender Einfluss
Während Europa unter Rekordpreisen für Energie leidet, hat China massiv von den Energiesanktionen profitiert: Moskau lieferte rund 22 Milliarden Kubikmeter Gas sowie 53 Millionen Tonnen Kohle in das Land. Zudem lieferte Rosneft im vergangenen Jahr um 33 Prozent mehr Strom an China.
Die Ausweitung der Energielieferungen an das Nachbarland war Teil von Russlands Umorientierung nach Osten um die wirtschaftlichen Auswirkungen der westlichen Sanktionen abzumildern.
China ist in den LNG-Märkten der wichtigste „Player“ und somit auch Rivale Europas. Letztendlich droht eine indirekte Abhängigkeit von Beijing.
„Viel Gas sieht so aus, als käme es aus den USA, und das stimmt auch, aber auf dem Weg dorthin war Peking beteiligt. China hat völlige Flexibilität, ob es verkaufen will oder nicht. Letztes Jahr war es recht großzügig bei den Verkaufsmengen“, so McWilliams von Bruegel.
Er fügte hinzu, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen werde, da das Land einen Großteil der geplanten Kapazitäten aufgekauft habe.
„Man könnte in eine Welt eintreten, in der China den Swing-Aspekt dieses Marktes kontrolliert“, fügte er hinzu.
Darüber hinaus führten die strikten COVID-19-Lockdowns in China im vergangenen Jahr zu einer geringeren Nachfrage nach Gas, so dass ein größeres Angebot Europa zur Verfügung stand – eine Situation, die sich in diesem Jahr wahrscheinlich ändern wird, da das Land die Lockdowns wieder aufhebt.
Neben den Gaslieferungen ist Peking auch am Ölmarkt beteiligt und exportiert raffinierte Produkte wie Diesel und Benzin. Die chinesische Regierung legt hierfür Ausfuhrquoten fest und hat somit die Möglichkeit, das Angebot einseitig zu begrenzen.
Abgesehen von fossilen Brennstoffen ist Europa auch bei Solarpanelen und wichtigen Rohstoffen stark von China abhängig. Die EU wird sich mit diesem Thema wahrscheinlich in ihrem für März geplanten Legislativpaket befassen, in dem es um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der EU und die internationalen Lieferketten gehen wird.
„Wir müssen abwarten, wie sich die Nachfrage in Asien und das Wetter entwickeln werden“, hieß es aus EU-Kreisen. „Dennoch glauben wir, dass die EU ein attraktiver Markt bleiben wird, um LNG anzuziehen.“
Vorsicht vor neuen Abhängigkeiten
Während die EU nach Ersatz für ihre Energieversorgung sucht, muss sie vermeiden, aus einer Abhängigkeit in eine andere zu geraten.
„Es besteht natürlich das Risiko, neue Abhängigkeiten zu schaffen, sei es von vermeintlich befreundeten Ländern wie Norwegen und den USA, aber auch von Ländern mit autoritären Regimen oder einer schlechten Menschenrechtsbilanz wie Aserbaidschan und Katar, und so riskieren wir natürlich, diese Regime zu stärken“, sagte Fischer.
Und es sind nicht nur geopolitische Risiken, die durch Diversifizierung gemildert werden sollten.
„Auch wenn es sich nicht um ein politisches Risiko handelt, können physische Schäden oder Wetterereignisse zu Ausfällen führen. Nie wieder so sehr von einer Quelle abhängig zu sein, wäre die offensichtliche Schlussfolgerung“, so McWilliams.
In dieser Hinsicht wäre LNG eine praktikable Option, da es auf einem internationalen Markt mit mehreren Lieferanten basiert, fügte McWilliams hinzu.
Europa kauft jedoch auf kurzfristigen Märkten, was bedeutet, dass es mit mehr Volatilität und Risiken konfrontiert ist.
Die Unterzeichnung langfristiger Verträge wäre ebenfalls schwierig, da ein Großteil des künftigen Angebots bereits aufgekauft ist, und ließe sich nur schwer mit den europäischen Klimazielen in Einklang bringen, die eine drastische Reduzierung des Gasverbrauchs erfordern, warnte er.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]