Generation Praktikum: Mythos oder Realität?

Die Situation von Praktikanten in Europa bleibt prekär, meint der Berliner Attac-Aktivist Yannic Franken. Manches Unternehmen sei auf die hochqualifizierten Billig-Arbeitskräfte angewiesen. Das EU-Parlament will klare Regeln und eine Art Mindestlohn. Wirtschaftsverbände, Konservative und Liberale warnen vor Überregulierung.

Praktika verdrängen reguläre Jobs, sagt die jüngste Abgeordnete des EU-Parlaments. Emilie Turunen (Grüne / EFA) fordert mehr Rechte und Geld für die Generation Praktikum. Foto: EP.
Praktika verdrängen reguläre Jobs, sagt die jüngste Abgeordnete des EU-Parlaments. Emilie Turunen (Grüne / EFA) fordert mehr Rechte und Geld für die Generation Praktikum. Foto: EP.

Die Situation von Praktikanten in Europa bleibt prekär, meint der Berliner Attac-Aktivist Yannic Franken. Manches Unternehmen sei auf die hochqualifizierten Billig-Arbeitskräfte angewiesen. Das EU-Parlament will klare Regeln und eine Art Mindestlohn. Wirtschaftsverbände, Konservative und Liberale warnen vor Überregulierung.

Intelligent, fleißig und ausgebeutet. So beschrieb die Wochenzeitung Die Zeit 2005 eine ganze Generation von Hochschulabsolventen in prekären Arbeitsverhältnissen. Die "Generation Praktikum" war geboren. Fünf Jahre später scheint der Begriff verblasst. Die Wirtschaft klagt lautstark über den Mangel an gutausgebildeten Fachkräften und Akademikern. Uni-Absolventen brauchen im Schnitt nur drei Monate, um eine bezahlte Stelle zu finden, hat der Soziologe Harald Schomburg von der Universität Kassel in einer Studie herausgefunden. Die Zeit der Dauer-Praktikanten sei vorbei.

Ist die Generation Praktikum also ein "Mythos", wie der Bildungsexperte Kevin Heidenreich vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) behauptet?

Im Gegenteil, sagen die Verfasser des "Statuts zur Lage der Praktikanten in Europa". Ingenieure und Mediziner könnten vielleicht direkt in den Beruf einsteigen. Viele Geisteswissenschaftler würden jedoch eine Praktikantenstelle nach der anderen annehmen. Eine neue Form von Kurzarbeit für Hochschulabsolventen sei längst Realität, sagt der Berliner Attac-Aktivist und Co-Autor des Statuts Yannic Franken im Gespräch mit EURACTIV.de. "Viele Hochschulabsolventen haben ein unglaubliches Arbeits- und Beitragsbedürfnis und wollen beweisen, dass sie in der Lage sind, zu arbeiten." Andere hätten schlicht Angst vor Lücken im Lebenslauf. Das Geschäftsmodell mancher Firmen sei ohne die günstige Arbeitskraft von Praktikanten gar nicht tragfähig. "Hier macht man sich ein sehr hohes Verantwortungsgefühl meiner Generation zu Nutze."

Mindestlohn statt "ökonomischer Milchmädchenrechnung"

Was einzelnen Firmen nutzen mag, schadet der Volkswirtschaft, meinen die Autoren des Statuts. Franken spricht von einer "ökonomischen Milchmädchenrechnung". Die Generation, die heute einem äußerst prekären Arbeitsmarkt ausgesetzt sei, solle in Zukunft für die Renten und die immensen Schulden früherer Generationen aufkommen. Gleichzeitig werde ihnen aber die Chance verwehrt, am Arbeitsmarkt teilzunehmen und entsprechend zu verdienen. Ein Mindestlohn für Praktikanten sei daher nicht nur moralisch richtig, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hält von den Gedankenspielen nichts. Ein gesetzlicher Mindestlohn würde das Angebot an Praktikumsstellen drastisch verringern. Zwar gebe es Einzelfälle, in denen Praktikanten unfair behandelt würden. Das dürfe aber kein Anlass sein, Praktika zu sehr zu regulieren. Ähnlich sieht dies auch der DIHK-Experte Kevin Heidenreich. Praktika seien "in erster Linie Lernverhältnisse".

Lernen Praktikanten noch oder arbeiten sie längst? Für Franken ist die Antwort klar. "Die Zeit, in der Praktikanten den Kaffee kochten und lehrreiche Blicke über die Schulter warfen, ist vorbei." Vielmehr ersetzten heutzutage Praktikanten häufig reguläre Jobs. Vielerorts seien Praktikumsstellen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. "Anstatt die geleistete Arbeit angemessen zu entlohnen, wird einfach das Label Praktikum draufgepackt", sagt Franken.

Eine Studie des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) von 2008 scheint diese These zu untermauern. Demnach arbeitet rund die Hälfte aller Praktikanten in der Bundesrepublik unentgeltlich. Da fast alle befragten Praktikanten eine berufliche Ausbildung vorweisen konnten, vermuten die Autoren, "dass die entsprechenden Unternehmen auch Interesse an einer unbezahlten Arbeitskraft hatten."

Auch das Bundesarbeitsministerium muss sich die Frage gefallen lassen, inwieweit es selbst von kostenloser Arbeit profitiert. Die Behörde zahlt ihren Praktikanten grundsätzlich nichts. Genauso verfahren die meisten Ministerien.

EU-Regeln für Praktika?

Die EU-Abgeordnete Emilie Turunen (Grüne / EFA) beobachtet einen europaweiten Trend, Lohnkosten mit Praktikanten zu drücken. Die Zahl der Praktikumsangebote steige, reguläre Stellen würden in der Folge abgebaut. Turunen hat eine Resolution ins EU-Parlament eingebracht, die auf dem Statut von Franken und seinen Mitstreitern beruht. Ziel müsse es sein, den Bildungswert von Praktika zu sichern und Ausbeutung zu verhindern. Die Kernforderung: ein Grundgehalt zur Abdeckung der Lebenshaltungskosten.

Die grüne Arbeitsmarktexpertin Turunen drängt außerdem auf einen umfassenden Rechtsrahmen für Praktikanten. Dieser fehle in den meisten EU-Staaten. Arbeitszeiten seien ebenso wenig geregelt wie der Versicherungsschutz oder eine Höchstdauer von Praktika.

Yannic Franken beklagt, aus dem unklaren Rechtsstatus folgten Probleme mit den Krankenkassen und der Rentenversicherung. Besonders prekär sei die Lage in Deutschland.

Keine Revolution in Sicht

Die Politik tat sich bislang schwer, die Verhältnisse zu ändern. Ein Versuch des damaligen Bundesarbeitsministers Olaf Scholz (SPD), gesetzliche Regelungen für Praktikanten einzuführen, scheiterte 2008 am Widerstand der CDU. In Frankreich und Italien blieb die Kritik ebenfalls folgenlos. Bei dieser Frage gebe es keine vorbildlichen EU-Staaten, meint Turunen.

Vergangene Woche brachten die Bundestagsfraktionen von SPD, Grünen und die Linke neuerlich Anträge ein, die Rechte der Praktikanten zu stärken. Es sei einfach nicht hinnehmbar, "dass Unternehmen unter dem Deckmantel von Praktika billige Arbeitskräfte einstellen, reguläre Jobs ersetzen oder sogar Lohndumping betreiben", erklärte Kai Gehring (Bündnis 90/Die Grünen) in der Debatte. Philipp Murmann (CDU) sagte, seine Fraktion halte gesetzliche Regelungen in dem Bereich für unangemessen. Die "Generation Praktikum" sei ein Mythos.

Der Druck auf die Politik scheint gering. Noch 2006 fand eine Petition zur Stärkung der Rechte von Praktikanten rund 100.000 Unterzeichner. Mehr als sechzig Prozent der Praktikanten befürworten laut der BMAS-Studie von 2008 eine gesetzliche Höchstdauer von Praktika und einen Mindestlohn. Die großen Proteste der ‚Generation Prekär‘ blieben allerdings aus. 2009 kamen gerade einmal zweihundert junge Leute zum Brandenburger Tor, und riefen: "Uns gibt’s nicht umsonst!“.

Die Praktikanten verstünden sich nicht als Gruppe, erklärt Franken den schwachen Widerstand. Viele wollten sich nicht eingestehen, dass sie selbst von einem Problem betroffen sind: "Wir haben verinnerlicht, dass Praktika temporär sind. Und eh wir uns versehen, sind wir zwei Jahre lang in einer ‚temporären‘ Situation."

Keine utopischen Erwartungen

Das EU-Parlament hat Turunens Resolutionsentwurf verabschiedet. Damit ist die EU-Kommission aber lediglich unverbindlich aufgefordert, einen Gesetzesvorschlag zu machen. Dieser müsste dann den Rat und das EU-Parlament passieren. Die Chancen sind gering: traditionell scheuen die Mitgliedsstaaten Brüsseler Eingriffe in die Bildung- und Beschäftigungspolitik.

Franken weiß, dass die Erfolgsaussichten der Resolution gering sind. Er habe keine utopischen Erwartungen. Stattdessen setzt er auf einen Bewusstseinswandel. Viele Unternehmen und Organisationen seien mittlerweile auf Praktikanten angewiesen. Die günstigen Arbeitskräfte müssten sich der damit verbundenen Macht bewusst werden. Jeder müsse sich fragen: ‚Was für ein Praktikum nehme ich an und wann steige ich aus einem Arbeitsverhältnis aus?‘.

Henrike Menze

Links


EU-Parlament:
Entschließung zur Förderung des Zugangs Jugendlicher zum Arbeitsmarkt, Stärkung des Status von Auszubildenden, Praktikanten und Lehrlingen (14. Juni 2010)

BMAS: Was ist gute Arbeit? Anforderungen an den Berufseinstieg aus Sicht der jungen Generation. Studie (2008)

Uni Kassel: Generation Vielfalt. Bildungs- und Berufswege der Absolventen von Hochschulen in Deutschland 2007-2008. Herausgegeben von Harald Schomburg (2009).

Anträge von Bundestagsfraktionen

SPD: Für Fairness beim Berufseinstieg. Rechte der Praktikanten und Praktikantinnen stärken (27. Oktober 2010)

Die Linke: Missbrauch von Praktika gesetzlich stoppen (15. Dezember 2010)

Bündnis 90 / Grüne: Faire Bedingungen in allen Praktika garantieren (1. Dezember 2010)