Gegen Einfluss aus China: Macron plant neue Handelsroute mit Indien

Der indische Premierminister Narendra Modi traf sich mit Emmanuel Macron zu Gesprächen in Frankreich. Für Präsident Macron Gelegenheit, seine Idee neuer europäischer Handelsrouten vorzustellen. Ziel ist es, eine Alternative zu Chinas Neuen Seidenstraße zu schaffen.

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French President Macron receives Indian Prime Minister Modi in Marseille
Zu Beginn der Woche lag der Fokus auf dem AI Action Summit in Paris, den Macron und Modi gemeinsam leiteten – doch Technologie war nicht das einzige Thema auf der Agenda der beiden Staatschefs. [EPA-EFE/CHRISTIAN HARTMANN]

Der indische Premierminister Narendra Modi traf sich mit Emmanuel Macron zu Gesprächen in Frankreich. Für Präsident Macron Gelegenheit, seine Idee neuer europäischer Handelsrouten vorzustellen. Ziel ist es, eine Alternative zu Chinas Neuen Seidenstraße zu schaffen.

Marseille, Frankreich – Zu Beginn der Woche lag der Fokus auf dem AI Action Summit in Paris, den Macron und Modi gemeinsam leiteten – doch Technologie war nicht das einzige Thema auf der Agenda der beiden Staatschefs.

Frankreich verfolgt seit Langem das Ziel, sich unabhängiger von den globalen Supermächten USA und China zu machen und setzt dabei auf enge Beziehungen zu Indien. Modi ist bereits zum sechsten Mal innerhalb von zehn Jahren in Frankreich zu Gast.

Nun wirbt Macron verstärkt für den Indien-Nahost-Europa-Korridor (IMEC) – eine alternative Handelsroute, die Indiens Warenströme zumindest teilweise von China und dessen 150 Länder umfassender Neuen Seidenstraße, auch Belt and Road Initiative genannt, abkoppeln soll.

Die Neue Seidenstraße ein von China betriebenes Infrastruktur- und Handelsprojekt, das seit 2013 durch den Ausbau von Verkehrswegen, Häfen und Energieprojekten über Asien, Europa und Afrika wirtschaftliche Verbindungen stärkt. Während sie Investitionen und Entwicklung fördert, steht sie als Chinas wirtschaftliches und geopolitisches Druckmittel in der Kritik.

Für Macron sei der Indien-Nahost-Europa-Korridor „ein beeindruckender Katalysator“. Er versprach am Dienstag in Paris auf einem französisch-indischen Wirtschaftsforum, Investitionen zu verstärken, um die alternative Handelsroute Wirklichkeit werden zu lassen.

Der Korridor, der sich noch in der Planungsphase befindet, soll Handelswege über die See, Schienen und Straßen von Marseille über Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate bis zur Westküste Indiens bündeln.

Bei einem G20-Treffen im Dezember 2023 erhielt das Projekt Unterstützung von allen beteiligten Staaten sowie von Deutschland, Italien, der Europäischen Kommission und den USA.

„Das Ziel [von Modis Besuch] ist es, IMEC-bezogene Projekte voranzutreiben – insbesondere in den Bereichen Häfen und Energie“, erklärte der Élysée-Palast.

Währenddessen baut China seine Kontrolle über kritische europäische Infrastrukturen weiter aus, darunter den Hafen Piräus in Griechenland.

Stärkung der französischen Industrie

Von allen europäischen Akteuren hat Frankreich ein besonderes Interesse an der Handelsroute mit Indien: Der in Marseille ansässige Logistikriese CMA CGM kontrolliert bereits 11,5 Prozent der indischen Schifffahrtsaktivitäten – und will seinen Einfluss weiter ausbauen.

„Der Zeitpunkt ist perfekt. Wir wollen Partner sein“, sagte CMA-CGM-Geschäftsführer Rodolphe Saadé am Mittwoch bei einem Empfang mit Modi und Macron in der Unternehmenszentrale.

Die geplante Handelsroute könne die Transportzeiten um „ein bis zwei Wochen“ verkürzen, erklärte ein ranghoher Vertreter von CMA CGM anonym.

„Es birgt enorme wirtschaftliche Vorteile für uns, mit einer Kostenoptimierung im Milliardenbereich“, sagte ein weiteres hochrangiges Mitglied des Unternehmens gegenüber Euractiv. Jedoch wurde betont, dass eine genaue Kalkulation der Zahlen noch ausstehe.

Während Macron innenpolitisch unter Druck steht, investiert er zunehmend Zeit in internationale Projekte – und ihm mangelt es nicht an Ideen, um die führenden multinationalen Unternehmen Frankreichs zufriedenzustellen.

„Hinter jeder Entscheidung Macrons steht die Arbeit eines einflussreichen Geschäftsmannes“, sagte Jean-Joseph Boillot, Indien-Experte am Thinktank IFRI, gegenüber Euractiv. „IMEC trägt die Handschrift von CMA CGM.“

In den Kreisen französischer Regierungsvertreter und Wirtschaftsführer könnte Marseille zum zentralen europäischen Handelsdrehkreuz werden – nicht nur für Waren, sondern auch für Unterwasser-Glasfaserkabel und Wasserstoffpipelines aus Indien über den Nahen Osten.

„Mit IMEC könnten wir die gesamte [europäische] Region vernetzen“, sagte Macron am Mittwoch.

Übertriebene Hoffnungen?

Doch der Korridor ist noch lange nicht gesichert.

Seine vollständige Umsetzung würde Investitionen von rund 500 Milliarden Dollar erfordern und ist durch geopolitische Instabilitäten gefährdet. Unter anderem müsste er den israelischen Hafen Haifa passieren, erklärte Gérard Mestrallet, Macrons Sondergesandter für IMEC, auf der World Policy Conference im vergangenen Monat.

Zudem fehlen Machbarkeitsstudien, und die Grundlagen für ein internationales Konsortium – etwa ein funktionierendes Sekretariat – existieren bislang nicht.

Frühere Untersuchungen legen nahe, dass die Erwartungen an die IMEC-Handelsroute möglicherweise überzogen sind. Ob der Korridor Indiens und des Nahen Ostens wirtschaftliche Ausrichtung tatsächlich von China zur EU umlenken kann, bleibt fraglich.

„Der Hauptantrieb hinter dem Korridor basiert eher auf der strategischen Notwendigkeit, China durch Blockpolitik entgegenzuwirken, als auf einem echten Wunsch nach wirtschaftlicher Entwicklung und Integration“, ergab eine Studie aus dem Jahr 2023.

Trotz aller Unsicherheiten demonstrierte Macron am Mittwoch Stärke – und unterstrich die „intime“ Partnerschaft zwischen Paris und Neu-Delhi, insbesondere in den Bereichen Verteidigung, Technologie und Energie.

Der historische Verkauf von 36 Rafale-Kampfjets durch den französischen Konzern Dassault an Indien im Jahr 2016 soll in Kürze durch neue Deals ergänzt werden – darunter weitere 26 Rafale-Jets und drei Scorpène-U-Boote, ein Geschäft im Wert von zehn Milliarden Euro.

Zudem prüfen Modi und Macron eine engere Zusammenarbeit in der zivilen Kernenergie. Vor Modis Abflug besuchten sie gemeinsam das internationale Fusionsenergie-Großprojekt ITER nahe Marseille, bevor der indische Premierminister weiter nach Washington D.C. reiste – zu einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump.

*Laurent Geslin hat zur Berichterstattung beigetragen

[OM/KN]