Gefährliche Energiewende und gefährdete Bodenkultur

Wie geht Europa mit seinen Böden um? Einige Experten zeichnen ein pessimistisches Bild: Die Energiewende könnte zu Lasten der Böden gehen, die wichtige Ressource Phosphor werde zu schnell aufgebraucht und Schwermetalle wie Cadmium gefährden zunehmend die Böden. Es ist Zeit zu handeln - und zwar sofort, so die Botschaft der Experten in einem EURACTIV.de-Workshop.

© Rainer Sturm / PIXELIO
© Rainer Sturm / PIXELIO

Wie geht Europa mit seinen Böden um? Einige Experten zeichnen ein pessimistisches Bild: Die Energiewende könnte zu Lasten der Böden gehen, die wichtige Ressource Phosphor werde zu schnell aufgebraucht und Schwermetalle wie Cadmium gefährden zunehmend die Böden. Es ist Zeit zu handeln – und zwar sofort, so die Botschaft der Experten in einem EURACTIV.de-Workshop.

Cadmium ist ein krebserregendes Schwermetall, das auch als nierenschädigend gilt. Im Unterschied zu anderen Schadstoffen ist Cadmium aber ein natürlicher Bestandteil der Umwelt: in Deutschland, in Europa, weltweit. Die natürliche Grundbelastung des Bodens ist dabei sehr unterschiedlich und wird durch Bergbau oder den Einsatz von Düngemitteln verstärkt.

Cadmium im Düngemittel

Mit Cadmium belastete phosphathaltige Düngemittel sind eine Hauptquelle für Cadmium-Einträge in den Boden. Darauf haben Experten beim EURACTIV.de-Workshop "Nach EHEC: Wie geht Europa mit seinen Böden um? Cadmium und andere ‚Zeitbomben‘ im Dünger, im Acker und auf dem Teller" hingewiesen.

Phosphor-Dünger aus Finnland oder Russland sei dabei deutlich geringer mit Cadmium belastet als etwa der Dünger aus Nordafrika oder Amerika, sagte Alexander Knebel, stellvertretender Chefredakteur des Informationsdienstes Agra-Europe. So gebe es in der EU zwar Cadmium-Grenzwerte für Lebensmittel, aber nicht für Düngemittel.

Zahlreiche Experten fordern daher die europaweite Einführung eines Cadmium-Grenzwertes für Düngemittel. Auch der Industrieverband Agrar unterstützt diese Forderung aus Vorsorgegründen. "Das toxische und nicht abbaubare Schwermetall Cadmium gelangt als natürlicher Bestandteil von Phosphatgestein in phosphathaltige Düngemittel", heißt es beim Industrieverband Agrar. Allerdings schränkt der Verband ein, dass über mineralische Düngemittel nur wenige Gramm Cadmium pro Hektar auf die Böden gelangen. Daher führe selbst eine jahrzehntelange regelmäßige Düngung zu keiner nennenswerten oder gar problematischen Cadmiumanreicherung des Bodens, argumentiert der Verband.

Knebel berichtete im EURACTIV.de-Workshop, dass die EU-Kommission offenbar an Grenzwerten für Düngemittel arbeite. Eventuell würden solche Grenzwerte für Schwermetalle aber erst im Zuge einer größeren Neuordnung des Düngemittelrechts festgelegt.

Cadmium-Grenzwerte für Lebensmittel

Im Lebensmittelbereich gelten bereits europaweite Grenzwerte, die vor zwei Jahren zudem deutlich reduziert wurden. So hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die wöchentliche Aufnahmemenge im Januar 2009 von 7 mg/pro Kilogramm Körpergewicht auf 2,5 mg abgesenkt.

Verbraucher nehmen über die Nahrung durchschnittlich bereits 58 Prozent der empfohlenen Aufnahmemenge auf, hat das Bundesamt für Risikobewertung errechnet. Wer besonders viel Gemüse und Getreide isst, schöpft die maximal empfohlene Aufnahmedosis fast vollständig aus. Vegetarier, Kinder und Jugendliche sind damit eine potenzielle Risikogruppe. Mit einer höheren Cadmium-Belastung müssen auch Menschen rechnen, die öfter zu teurer Schokolade aus edlen südamerikanischen Kakaobohnen greifen.

Cadmium in der Schokolade

Auf den vulkanischen Böden Südamerikas wachsen Kakaobohnen, die als besonders geschmackvoll gelten, aber auch besonders hoch mit Cadmium belastet sind. Der Schweizer Schokoladen-Hersteller Sprüngli weist auf seiner Website darauf hin, dass der Edelkakao, der auf vulkanischer Erde wächst, einen höheren Cadmium-Wert aufweisen kann als in anderen Kakao-Anbaugebieten.

"Cadmiumspuren gelangen während des Wachstums der Kakaopflanze über die Wurzeln in die Kakaobohnen und von dort in die Schokolade. Als Folge davon können grundsätzlich unsere Tafel-Schokoladen aus den Anbaugebieten Venezuela und Ecuador nicht cadmiumfrei sein. Je höher der Anteil an hervorragend schmeckendem Edelkakao ist, umso mehr Cadmium kann die Schokolade enthalten", heißt es bei Sprüngli.

Boden mit drei Problemen


Martin Kaupenjohann
, Fachgebietsleiter Bodenkunde am Institut für Ökologie der Technischen Universität Berlin, wies während des EURACTIV.de-Workshops darauf hin, dass der Boden von drei Hauptproblemen bedroht werde: 1) das Phosphor- und damit das Cadmiumproblem, 2) das Stickstoff-, und 3) das Erosionsproblem.

Dabei werde dem Boden immer mehr abverlangt. Der Boden soll nicht mehr nur Nahrung liefern, sondern auch erneuerbare Energie erzeugen oder Rohstoffe für die chemische Industrie bereitstellen. "Wenn wir massiv in die Kreisläufe eingreifen, müssen wir mit teuren Konsequenzen rechnen", warnte Kaupenjohann. In der deutschen Landwirtschaft gebe es bereits einen hohen Stickstoff-Überschuss.

Zugleich drohe der nächsten Landwirt-Generation Phosphormangel auf den Ackerböden. "Wir haben noch für 50 bis 100 Jahre Phosphor in unseren Lagerstätten. Und für Phosphor gibt es keine Alternative – anderes als etwa fürs Erdöl. Wenn das Phosphor weg ist, ist es weg. Es lässt sich nicht substituieren", sagte Kaupenjohann. "Im Moment ernähren wir uns von dem Phosphor-Kapital, das unsere Eltern auf die Böden gebracht haben. Wir müssen Strategien entwickeln, um Phosphor zu rezyklieren und im Kreis zu führen. Dann hätten wir auch eine Lösung für das Cadmium-Problem", so Kaupenjohann.

Frank Glante, Leiter der Geschäftsstelle der Kommission Bodenschutz (KBU) beim Umweltbundesamt (UBA) stimmt dieser Analyse zu. "Ich bin auch der Meinung, dass wir mit den Phosphordüngern das Problem der Ressourcenverfügbarkeit bekommen werden. Deswegen steigen auch die Preise. Deswegen wird man auf immer schlechtere, sprich schadstoffhaltige Phosphorquellen zurückgreifen müssen. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Phosphatankäufe aus Russland, die nahezu cadmium- und uranfrei sind, gesunken. Im Gegenzug werden mehr Phosphate aus Israel und den Mittelmeerländern eingekauft, die schadstoffhaltiger sind", sagte Glante beim EURACTIV.de-Workshop.

Grüne Revolution zu Lasten der Böden

Der Boden-Wissenschaftler Kaupenjohann verwies auch auf Probleme bei der als "grüne Revolution" bezeichneten Intensivierung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern. Diese Intensivierung sei zu Lasten der Ökologie, der Biodiversität und der Böden gegangen.

Die Energiewende hin zu erneurbaren Energieträgern könne ein weiteres Problem verstärken, das Problem der Erosion. "Die notwendige Energiewende darf nicht zu Lasten der endlichen Ressource Boden durchgeführt werden. Man kann auch bodenschonend Energie auf Böden produzieren. Die ökologischen Erfordernisse müssen mit kurzfristigen Wirtschaftsinteressen abgeglichen werden. Für die Biogasproduktion werden derzeit erosionsgefährdende Monokulturen angebaut. Wenn der Boden zerstört ist, nachdem die Biogasanlage abgeschrieben ist, haben wir die Zukunftschance für die nächste Generation verspielt", sagte Kaupenjohann.

mka

Links


Soilwatchers.org:
Die EU-Kommission muss endlich handeln (Mai 2011)

Weitere Beiträge zum Thema auf EURACTIV.de

Link Dossier: Ressourcenschonendes Europa

Nach EHEC: Wie geht Europa mit seinen Böden um? (12. Juli 2011)

EU soll Schwermetalle in Böden reduzieren (6. Mai 2011)