Fukushima: "Die Gefahr bleibt riesengroß"

Die Evakuierungen rund um die japanische Atomanlage Fukushima müssen ausgeweitet werden, fordert die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Im EURACTIV.de-Interview verlangt Harms zudem, europäische Pannen-AKWs sofort abzuschalten. Die europäische Energiewende sei auch ohne neue Kohlekraftwerke möglich.

Am Montag stieg über dem Katastrophenreaktor Fukushima Rauch auf. Was im Inneren der Anlage vor sich geht, bleibt unklar. Foto: dpa.
Am Montag stieg über dem Katastrophenreaktor Fukushima Rauch auf. Was im Inneren der Anlage vor sich geht, bleibt unklar. Foto: dpa.

Die Evakuierungen rund um die japanische Atomanlage Fukushima müssen ausgeweitet werden, fordert die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. Im EURACTIV.de-Interview verlangt Harms zudem, europäische Pannen-AKWs sofort abzuschalten. Die europäische Energiewende sei auch ohne neue Kohlekraftwerke möglich.

Zur Person

" /Rebecca Harms ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament. 1977 war Harms Mitbegründerin der Bürgerinitiative gegen das atomare Endlager Gorleben. Dem Engagement in der bundesweiten Anti-Atomkraft-Bewegung folgte die Karriere bei den Grünen.  __________

EURACTIV.de: In den vergangenen Tagen hieß es aus Japan, die Lage in den Unglücks-Reaktoren in Fukushima habe sich stabilisiert. Ist die Gefahr eines Super-Gau gebannt?

HARMS: Die Gefahr bleibt riesengroß. Die Messergebnisse zur radioaktiven Belastung von Trinkwasser und Lebensmitteln sind weit über das Sperrgebiet um Fukushima hinaus besorgniserregend. Es wurde bereits sehr viel Radioaktivität freigesetzt. Meiner Meinung nach weisen diese Ergebnisse daraufhin, dass Japan gute Gründe hätte, auch außerhalb der 20-Kilometer-Zone weitere Evakuierungen vorzunehmen. Kinder und schwangere Frauen sollten auf keinem Fall in den betroffenen Gebieten außerhalb der Sperrzone bleiben.

EURACTIV.de: In den Medien herrscht immer wieder Verwirrung darüber, ob eine Kernschmelze stattgefunden hat oder nicht. Konnte man das Schlimmste noch abwenden?

HARMS: Die Japaner sagen, es habe noch keine Kernschmelze gegeben. Es ist allerdings sehr schwer zu beurteilen, was in den Reaktoren und im Abklingbecken mit dem eingelagerten Altbrennstoff stattfindet. Das werden wir später genauer wissen. Aber die hohen Strahlenwerte in der Umgebung zeigen meiner Meinung nach, dass die Ereignisse in Fukushima bereits jenseits eines GAU liegen. Die französische Atom-Aufsicht hält die Lage für gefährlicher als die japanischen Kollegen. Leider scheint mir die französische Beurteilung zutreffend. 

"Die Katastrophe hat gerade erst begonnen"


EURACTIV.de:
Verhält sich die japanische Regierung verantwortungslos, wenn sie die Sperrzone nicht erweitert?

HARMS: Die japanische Regierung denkt natürlich darüber nach, welche Schlüsse aus den überhöhten Strahlenwerte außerhalb der Zone zu ziehen sind. Aus der Ferne kann ich einfacher eine weitere Evakuierung fordern, als man das vor Ort vielleicht realisieren kann. Aus Vorsorgegründen darf man diesen Schritt aber nicht hinauszögern. Heute morgen stieg Rauch aus einem der Reaktoren auf. Die Lage bleibt unkontrollierbar. Man kann nur hoffen, dass dort Menschen überhaupt noch an Lösungen arbeiten können.

EURACTIV.de:
Kann eine Betonhülle um die Reaktoren in den kommenden Monaten die Verstrahlungsgefahr nachhaltig bannen?

HARMS: Über eine Hülle wird nachgedacht, aber entschieden ist noch nichts. Im Unterschied zu Tschernobyl sind gleich mehrere Reaktoren und ein Abklingbecken außer Kontrolle.

EURACTIV.de: Die Strahlengefahr bleibt auf Jahre?

HARMS: Wie lange die Gefahr akut sein wird, kann man jetzt noch nicht beurteilen. Sicher ist, die Katastrophe hat gerade erst begonnen. Es liegt in der Natur von nuklearen Unfällen, dass ihre Folgen sehr weit in die Zukunft reichen.

Erneuerbares Europa: Deutschland müsste an der Spitze stehen


EURACTIV.de
: Heute treffen sich die EU-Energieminister zu einem Sondertreffen. Werden in der EU die richtigen Schlüsse aus der Krise in Japan gezogen?

HARMS:
Die EU-Energieminister haben ein großes Glaubwürdigkeitsproblem. Einige Länder, die EU-Kommission und die Atom-Industrie haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass wir in der EU sehr schlechte, kaum ernstzunehmende Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke haben. Vor zwei Jahren gab es eine Sicherheitsrichtlinie. Die Atom-Industrie hat sich darauf konzentriert, strenge Bestimmungen zu verhindern. Mit Blick auf die angekündigkten EU-Stresstests für AKWs warne ich davor, die Standards erneut von der Atom-Industrie selbst formulieren zu lassen. Die Anlagen mit hohen Risiken, die Störfall-Rekorde geliefert haben, müssen jetzt vom Netz.

EURACTIV.de: Die Grünen fordern seit langem eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE). Sehen Sie Chancen, dass die deutsche Bundesregierung diese Vision jetzt aufgreift?

HARMS: Deutschland müsste an der Spitze einer solchen Initiative stehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsste das Ziel "100-Prozent-Erneuerbare" in der EU konsequent voranbringen. Das tut sie aber nicht. Bislang sind es andere, die hier antreiben: Österreich, Irland, Dänemark und Luxemburg. Von diesen Ländern könnte der Funke für eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien ausgehen.

"Keine neuen Kohlekraftwerke"


EURACTIV.de:
In Deutschland wird Energiepolitik immer noch sehr national diskutiert. Man beschränkt sich selbst in Atom-Ausstiegs-Szenarien auf die nationalen Grenzen und bezieht mögliche Ökostrom-Importe aus anderen EU-Ländern kaum ein. Bedauern Sie, dass die europäischen Chancen weiterhin ignoriert werden?

HARMS: Das ist ja nicht nur in Deutschland ein Problem. Auch die Franzosen meinen, sie könnten ihren Energiemix ganz allein durchsetzen, der fast nur auf Atomstrom basiert. Die Konfrontation mit dem atomaren Desaster in Japan macht uns allen klar, dass man internationale Antworten geben muss. Wir werden sehen, ob die EU an dieser Stelle lernfähig ist.

EURACTIV.de: Auch die Grünen könnten bei einem schnellen Atom-Ausstieg in Deutschland vor schmerzvollen Kompromissen stehen. Müssen jetzt Kohlekraftwerke als Brückentechnologie einspringen?

HARMS: Die von den Grünen entworfenen Energieszenarien gehen nicht davon aus, dass die Atomkraftwerke von einen Tag auf den anderen abgeschaltet werden. Der Atomausstieg ist immer als Prozess formuliert worden, den man, wenn man will, relativ rasch durchführen kann. Wenn man gleichzeitig Klimaschutzziele erreichen will, müssen massiv Erneuerbare Energien ausgebaut werden und vor allem Energie gespart werden. Ohne gleichzeitige Energieeinsparung ist ein rascher Atomausstieg nicht klimafreundlich zu schaffen.

Kohlekraftwerke sollten nicht neu gebaut werden, ich sehe sie als eine auslaufende Technologie. Anders als zur Zeit der Atomkatastrophe in Tschernobyl sind heute Technologien für eine Energiewende vorhanden. Wir haben heute Möglichkeiten, mit denen man den Komplett-Umstieg auf Erneuerbare schaffen kann. Doch bisher hat es in Deutschland an politischem Willen gemangelt. Energiekommissar Günther Oettinger sollte sein Zögern korrigieren und sich für einen raschen Umstieg auf risikoarme und klimafreundliche Technologien entscheiden.

EURACTIV.de: Glauben Sie, dass der Widerstand gegen Atomkraft in der Bevölkerung wieder nachlässt, wenn die Schreckensbilder aus Japan allmählich aus den Medien verschwinden?

HARMS: Die direkte Konfrontation mit der Unbeherrschbarkeit dieser Technik im Katastrophenfall vergrößert eigentlich die Chance auf einen globalen Ausstieg. Doch vor 25 Jahren, als einer der Reaktoren in Tschernobyl explodiert ist, hat die Welt schon einmal den Atem angehalten. Schon damals habe ich gedacht: ‚die Vernunft wird jetzt siegen und der Atomausstieg die einzige Konsequenz sein‘. Damals täuschte ich mich. Der deutsche Ausstiegsbeschluss kam erst im Jahr 2000.

"Frankreich soll älteste Reaktoren vom Netz nehmen"


EURACTIV.de:
Taugt Deutschlands Ausstieg als Modell für andere EU-Länder?

HARMS: Ich glaube, die europäischen Länder, die bis jetzt keine Atomkraftwerke betreiben, lassen sich schon von der Haltung Deutschlands beeinflussen. Auch die Atom-Nation Frankreich muss sich klar machen, wie hoch das Risiko ist. Frankreichs Atomkraftwerke bieten keine günstige Stromversorgung. Die Franzosen exportieren Atom-Strom und importieren dafür enorme Risiken. Ich hoffe, dass sich die Franzosen von den Deutschen anstecken lassen. Mein Vorschlag ist, auch in Frankreich die ältesten Reaktoren vom Netz zu nehmen. Es hätte wie in Deutschland keinerlei ernsthaften Effekt auf die Stromversorgung.

EURACTIV.de: Fühlen Sie sich nach den Ereignissen in Japan in ihrer Politik des Atomausstieges bestätigt?
   
HARMS: Bereits 2007 gab es im japanischen Atomkraftwerk Kashiwazaki schwere Schäden nach einem Erdbeben. Ich finde es traurig, dass dieses Ereignis nicht richtig gelesen wurde und entsprechende Maßnahmen nicht getroffen wurden. Doch auch als Atomkraftgegnerin möchte ich niemals so Recht bekommen wie in der derzeitigen Situation.

Interview: Hanna Gieffers (EURACTIV Brüssel), Alexander Wragge
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Standpunkte zur EURACTIV.de-Debatte "EU-Energiepolitik nach Fukushima":

Kemfert: Gaskraftwerke als Brückentechnologie (18. März 2011)

Mayr: Die Brücke schnellstens abreißen (17. März 2011)

Schreyer: Europas Weg aus der Atomenergie (16. März 2011)

Links


Informationen / Dokumente

EU: Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom)

Bundesregierung: Energiekonzept 2050

EU-Kommission: Klimawandel: Kommission legt Fahrplan für die Schaffung eines wettbewerbsfähigen CO2-armen Europa bis 2050 vor (8. März 2011)

EU-Kommission: Roadmap for moving to a low-carbon economy in 2050 (8. März 2011)

EU-Kommission: Climate change: Questions and Answers on a Roadmap for moving to a low carbon economy in 2050 (8. März 2011)

Europäischer Rat: Schlussfolgerungen des Europäischen Rates / Energie-Gipfel (4. Februar 2011)

EU-Parlament: Entschließung des Europäischen Parlaments vom 25. November 2010 zu dem Thema "Weg zu einer neuen Energiestrategie für Europa 2011-2020" (25. November 2010)

EU-Kommission: Energie 2020. Eine Strategie für wettbewerbsfähige, nachhaltige und sichere Energie (10. November 2010)

EU-Kommission:Energieeffizienz. Übersicht

EU-Kommission: Progress reports. Renewable Energy Targets: Commission calls on Member States to boost cooperation (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Commission Communication on renewable energy (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Ziele für erneuerbare Energien: Kommission fordert Mitgliedstaaten zu intensiverer Zusammenarbeit auf. Pressemitteilung (31. Januar 2011)

EU-Kommission: Financing Renewable Energy in the
European Energy Market
(2. Januar 2011)

Mehr zum Thema Atomkraft auf EURACTIV.de

Atom-Moratorium nur per Gesetzesänderung? (17. März 2011)

Oettinger zu Fukushima: "Nahezu alles außer Kontrolle" (15. März 2011)

Übersicht zur Nutzung der Kernenergie in Europa (15. März 2011)

Merkel: Sieben Reaktoren gehen vom Netz (15. März 2011)

Oettinger: Europa ohne Kernkraft? (15. März 2011)

Atomkrise: Oettinger bestellt Dringlichkeitssitzung ein (14. März 2011)

Laufzeitverlängerung in Deutschland ausgesetzt (14. März 2011)

Explosion und drohende Kernschmelze im japanischen AKW (12. März 2011)

Erdbeben und Tsunami-Katastrophe in Japan (11. März 2011)

Uran – "Problematische Versorgungslage" (11. August 2010)

Atom-Comeback in Europa? (28. April 2010)

Mez: Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
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Mehr zum Thema auf Erneuerbare Energie auf EURACTIV.de

Fahrplan für CO2-armes Europa bis 2050 (9. März 2011)

Erneuerbare Energien: Oettinger legt Bericht vor (31. Januar 2011)

Europas Erneuerbare: "Standortoptimierung wäre verfrüht" (22. September 2010)

Christian Hey: "Die Brücke steht schon" (5. Mai 2010)

Wie europäisch ist das Energiekonzept 2050? (6. September 2010)

Die Vision vom Super Grid (8. März 2010)

In der Reihe "EU Quo Vadis – Standpunkte zur Energiepolitik" sind auf EURACTIV.de erschienen:

Christian Hey: Europas Weg zu 100 Prozent Ökostrom (11. März 2010)
Manuel Sarrazin:
Autonomie oder Verflechtung? (10. März 2010)
Rebecca Harms: Kein Platz für Kohle und Atom (10. März 2010)
Lutz Mez:
Atom-Renaissance – Viel Rauch um Nichts? (10. März 2010)
Michaele Schreyer:
Weg zur EU-Energiewende (8. März 2010)
Reinhard Loske: "Den Konsumismus überlisten" (8. März 2010)
Fritz Reusswig: "Wir brauchen die dritte industrielle Revolution" (1. März 2010)
Hans-Josef Fell: "Weitgehendes Versagen der EU-Energiepolitik" (1. März 2010)