FRONTEX-Chef: EU erwartet Rekord-Flüchtlingszahlen

Die EU muss in diesem Jahr nach Angaben des obersten Grenzschützers Fabrice Leggeri mit einer Rekordzahl von Flüchtlingen rechnen. Allein am Mittwoch Morgen sind nach UNHCR-Angaben 1.200 Menschen in dem bereits überfüllten Aufnahezentrum auf der italienischen Insel Lampedusa aufgenommen worden.

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Die EU muss in diesem Jahr nach Angaben des obersten Grenzschützers Fabrice Leggeri mit einer Rekordzahl von Flüchtlingen rechnen. Allein am Mittwoch Morgen sind nach UNHCR-Angaben 1.200 Menschen in dem bereits überfüllten Aufnahezentrum auf der italienischen Insel Lampedusa aufgenommen worden.

Die EU kann in diesem Jahr mit einer Rekordzahl von Flüchtlingen rechnen. Das sagte der Direktor der europäischen Grenzschutzagentur FRONTEX, Fabrice Leggeri, am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur „Reuters“.

Schlepperbanden nutzten das Chaos in Afrika und dem Nahen Osten immer aggressiver aus, um Menschen über das Mittelmeer zu bringen, sagte Leggeri. Vor allem der Verfall der staatlichen Ordnung in Libyen schaffe eine ideale Umgebung für Schlepper. Aus dem nordafrikanischen Land würden dann Flüchtlinge aus Afrika und der arabischen Welt mit Booten in Richtung EU geschickt.

Auf die Frage, ob es 2015 einen weiteren Anstieg bei der Schleuserei geben werde, sagte Leggeri: „Ja, wenn der derzeitige Trend anhält.“

Das Geschäft der Menschenhändler sei äußerst lukrativ, sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerk, Adrian Edwards. Flüchtlinge hätten berichtet, zwischen 500 und 1000 Dollar an die Schlepper gezahlt zu haben. Diese kämen wegen der instabilen Lage in Libyen meist ungestraft davon. Auch die Schmugglernetzwerke in anderen Teilen Afrikas seien derzeit äußerst aktiv, sagte Edwards. Die Lage sei sehr beunruhigend.

2014 wurden etwa 300.000 irreguläre Grenzübertritte in die EU registriert. Nach UN-Angaben kamen etwa 218.000 Menschen über das Mittelmeer. Dabei sollen rund 3.300 Flüchtlinge ums Leben gekommen seien. Leggeri betonte, dass der EU-Einsatz „Triton“, der eigentlich nur bis Ende Januar laufen sollte, über das ganze Jahr fortgesetzt werde. Man habe bereits 9.000 Menschen aus Seenot gerettet, sagte Leggeri stolz. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) teilte mit, dass allein seit dem vergangenen Freitag seien rund 3.800 Flüchtlinge gerettet wurden.

Bis November 2014 hatte Italien im Rahmen seines Einsatzes „Mare Nostrum“ bis weit über die italienische Seegrenze hinaus patrouilliert und mehr als 150.000 Flüchtlinge aus Afrika oder dem Nahen Osten gerettet. Dieser Einsatz wurde beendet, nachdem mehrere EU-Staaten kritisiert hatten, er biete Schlepperbanden einen Anreiz. Tatsächlich wurden Flüchtlinge immer häufiger in marode Schiffe gesetzt, weil die Schlepper auf die Rettung spekulierten.

PRO ASYL: Deutschland darf nicht wegsehen

Seit November gibt es den deutlich kleineren Einsatz „Triton“ von FRONTEX. Organisationen kritisieren, die EU unternehme damit nicht genug, um Flüchtlinge zu retten. Pro Asyl bezeichnet „Triton“ als „Sterbebeobachtungsoperation“. Die FRONTEX-Mission stehe für die Weigerung Europas, die italienische Rettungsmission ‚Mare Nostrum‘ zu unterstützen. Der Operationsbereich von Triton sei kleiner, das Budget um zwei Drittel reduziert. Immer mehr Schutzsuchende würden im Mittelmeer ertrinken, Günther Burkhardt, Geschäftsführer von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl.

„Europa muss umgehend einen zivilen europäischen Seenotrettungsdienst einrichten“, fordert Burkhardt. „Deutschland darf nicht wegsehen, es braucht Schiffe, Technik und Personal. Hieran muss sich die Bundesrepublik ernsthaft beteiligen.“

Allein bei der jüngsten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer in der vergangenen Woche sind vor der italienischen Insel Lampedusa rund 330 Menschen gestorben.