Frankreichs Pharmaindustrie besorgt über mögliche Gas- und Stromausfälle

Die französische Pharmaindustrie hat sich sehr besorgt über die Gefahr von Gas- und Stromengpässen in diesem Winter geäußert und sieht um die Versorgung mit Medikamenten in Frankreich gefährdet.

Euractiv.de
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Der Branchenverband der französischen Pharmaindustrie, The Leem, befürchtet, dass die Branchenvertreter nicht in der Lage sein werden, "die Kontinuität ihrer Tätigkeit zu gewährleisten" und den Patienten in den kommenden Monaten "den Zugang zu ihren Behandlungen" sicherzustellen, heißt es in einer am Montag (7. November) veröffentlichten Pressemitteilung. [Jasen Wright/Shutterstock]

Die französische Pharmaindustrie hat sich sehr besorgt über die Gefahr von Gas- und Stromengpässen in diesem Winter geäußert und sieht um die Versorgung mit Medikamenten in Frankreich gefährdet.

Der Branchenverband der französischen Pharmaindustrie, The Leem, befürchtet, dass viele Unternehmen in der Branche nicht in der Lage sein werden, „die Kontinuität ihrer Tätigkeit zu gewährleisten“ und für Patient:innen in den kommenden Monaten „den Zugang zu ihren Behandlungen“ sicherzustellen, heißt es in einer am Montag (7. November) veröffentlichten Pressemitteilung.

Der Grund dafür liegt aus Sicht des Verbands in einer zweifachen Herausforderung, vor der Frankreich in diesem Winter steht: der Gas- und der Stromversorgung.

Seit dem 1. September hat der russische Konzern Gazprom seine Gaslieferungen an den französischen Energieversorgungskonzern Engie eingestellt. Auch beim Strom könnte es eng werden: derzeit sind zwölf Atomreaktoren im Lande abgeschaltet.

Laut The Leem könnte eine Verknappung von Gas oder Strom die Produktion von Medikamenten und den Zugang von Patient:innen zu Behandlungen gefährden.

„Angesichts dieser drohenden Gefahr fordert The Leem, dass die Behörden auf nationaler Ebene eine klare Position beziehen“, so die Organisation.

Im April hatte die französische Regierung ein Dekret zu einer möglichen Gasknappheit erlassen: Fast 5.000 Gasverbraucher:innen könnten demnach übergangsweise aufgefordert werden, den Hahn zuzudrehen, wenn die Gefahr von Engpässen bestünde.

Während Unternehmen der kritischen Infrastruktur sowie öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen Vorrang haben und von der Maßnahme ausgenommen wurden, gilt dies nicht für die Arzneimittelindustrie, und nur eine Anordnung der Präfektur kann dies ändern.

Doch „viele pharmazeutische Labors werden derzeit von den Präfekturen benachrichtigt, dass sie keine Priorität haben, weder für Strom, noch für Gas“, erklärt The Leem und zeigt sich „sehr besorgt“ hierüber.

Infolge der Situation bestehe ein mögliches Risiko für die Produktions- und Lieferketten von Medikamenten.

Bei einem unvorhergesehenen Stromausfall von „mehr als 15 Minuten“ würde es beispielsweise „mehrere Stunden“ oder sogar „mehrere Tage“ dauern, bis die Industrieanlagen wieder mit voller Kapazität arbeiten könnten, heißt es in der Pressemitteilung.

Zudem verfüge die pharmazeutische Industrie aus „Sicherheits- und Kostengründen“ in der Regel über keine oder nur wenige Generatoren, mit denen im Falle eines Stromausfalls die Versorgung sichergestellt werden könnte, fügt The Leem hinzu.

Außerdem sei das Erdgas, das zur Herstellung bestimmter Medikamente verwendet wird, ein Rohstoff, für den es keine Alternativen gebe.

„Es ist wichtig, dass die 271 pharmazeutischen Produktionsstätten in Frankreich zu den vorrangigen Einrichtungen für die Energieversorgung gehören“, schließt The Leem.

Rückenwind aus Brüssel

Auf EU-Ebene gewinnt derweil der Gedanke an Zuspruch, die Pharmaindustrie vor möglichen Gaskürzungen zu schützen.

Am 20. Juli stellte die Europäische Kommission ihren Plan „Gas einsparen für einen sicheren Winter“ vor, in dem sie vier Kriterien festlegt, anhand derer die Mitgliedstaaten entscheiden können, welche Sektoren im Falle einer Gasknappheit Vorrang haben sollten.

Dabei handelt es sich um folgende Kriterien: die gesellschaftliche Relevanz, der grenzüberschreitende Charakter der Lieferketten, die Schäden, die an den Anlagen entstehen können, und die Möglichkeiten der Gasreduzierung und der Ersetzung von Produkten oder Komponenten.

Für die gesellschaftliche Relevanz nennt die Kommission mehrere Sektoren als vorrangig, darunter Lebensmittel, Sicherheits- und Umweltdienstleistungen und Gesundheit.

Der Luxus- und der Automobilsektor gehören dagegen nicht zu den Prioritäten.

Das von EURACTIV Frankreich kontaktierte französische Ministerium für den ökologischen Wandel lehnte es ab, sich zu diesem Thema zu äußern. Thierry Hulot, Präsident der Leem, behauptet jedoch, dass der Zugang zur Behandlung für die Französ:innen „eine Frage der öffentlichen Gesundheit“ sei.

„Es ist wichtig, dass die Industriestandorte der Arzneimittelindustrie ausdrücklich von Stromsperren und Gasrationierungen ausgenommen werden“, schloss er.

Lesen Sie den Originalartikel auf Französisch hier.

[Bearbeitet von Alice Taylor]