Frankreichs passiver Atomausstieg

Am Ende des Jahrhunderts wird auch Frankreich aus der Kernenergie aussteigen müssen, prophezeit der Atomexperte Christian Küppers vom Öko-Institut im EURACTIV.de-Interview. Und: "Die EU-Stresstests für AKWs orientieren sich nicht alleine am internationalen Stand von Wissenschaft und Technik."

Das französische AKW Fessenheim liegt direkt an der deutschen Grenze. Der Pannen-Reaktor ist in keiner Weise gegen Flugzeugabstürze geschützt, warnt der Sicherheitsexperte Christian Küppers im Interview mit EURACTIV.de. Foto: dpa.
Das französische Atomkraftwerk Fessenheim wird bald endgültig vom Netz gehen. [Foto: dpa (Archiv)]

Am Ende des Jahrhunderts wird auch Frankreich aus der Kernenergie aussteigen müssen, prophezeit der Atomexperte Christian Küppers vom Öko-Institut im EURACTIV.de-Interview. Und: „Die EU-Stresstests für AKWs orientieren sich nicht alleine am internationalen Stand von Wissenschaft und Technik.“

Zur Person

" /Christian Küppers ist Atomexperte beim Institut für angewandte Ökologie "Öko-Institut e.V." und leitet stellverstretend den Bereich "Nukleartechnik und Anlagensicherheit". 2005 wurde er vom damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin in die "Deutsch-Französische Kommission für Fragen der Sicherheit kerntechnischer Anlagen" (DFK) berufen. 
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EURACTIV.de: In Fessenheim, nur anderthalb Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, steht eines von Frankreichs ältesten Atomkraftwerken (AKW). Wie sicher ist es?

KÜPPERS: Fessenheim steht in einem von Erdbeben gefährdeten Gebiet. Durch den Rhein-Kanal, der unmittelbar an der Anlage vorbeiläuft, ist es zudem hochwassergefährdet. In der Vergangenheit sind auch in Hinblick auf Erdbeben einige Nachrüstungen gemacht worden. Aber im Fall eines unerwartet starken Erdbebens ist diese Anlage nicht sicher.

Außerdem sind die Lagerbecken für abgebrannte Brennstäbe bei französischen Anlagen ungeschützt. So war es in Fukushima auch. In Deutschland wird zum Glück völlig anders mit den Lagerbecken verfahren.

Fessenheim: "Kann mir den Weiterbetrieb so nicht vorstellen"

EURACTIV.de: Nun beginnen die EU-Stresstests für Atomkraftwerke. Wird Fessenheim angesichts der von Ihnen beschriebenen Risiken durchfallen?

KÜPPERS: Es kommt darauf an, wie der Stresstest durchgeführt wird und inwieweit die EU und die Mitgliedsstaaten bereit sind, aus den Schwächen von Anlagen Konsequenzen zu ziehen. Vorausgesetzt, die Bewertung erfolgt in der erforderlichen Gründlichkeit und Tiefe, kann ich mir nicht vorstellen, dass man Fessenheim so weiter betreiben kann. Ob in die notwendigen Nachrüstungen investiert wird, kann natürlich nur der Betreiber entscheiden.

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EURACTIV.de:
Wäre Fessenheim gegen Terroranschläge geschützt?

KÜPPERS: Fessenheim ist in keiner Weise gegen einen absichtlichen oder unabsichtlichen Flugzeugabsturz geschützt. Man kann sogar von außen sehr gut sehen, wo das Lagerbecken mit der relativ dünnen Wand liegt. Es wäre einfach, dieses Lagerbecken für abgebrannte Brennelemente so zu beschädigen, dass ein Wasserverlust eintritt. Dann hätte man dieselbe Situation wie am Block Vier in Fukushima.

EURACTIV.de: Nehmen wir an, Fessenheim fällt beim EU-Stresstest durch –  wäre die Atom-Nation Frankreich zur Schließung bereit?

KÜPPERS: Ich kann mir das durchaus vorstellen. Frankreich könnte Fessenheim durch einem neuen Reaktor ersetzen. In Frankreich kann es durchaus Anreize geben, alte Anlagen früher vom Netz zu nehmen als bisher vorgesehen. Die Lage ist ganz anders als in Deutschland, wo der AKW-Neubau seit Jahren völlig undenkbar ist. Wenn man hier einen Reaktor abschaltet, muss man den Strombedarf auf andere Weise als einen AKW-Neubau decken.

AKW-Betrieb – Begrenzter Einfluss der EU-Kommission


EURACTIV.de:
Selbst wenn ein AKW durch den Stresstest fällt, bleibt es dem betroffenen Mitgliedsstaat überlassen, welche Konsequenzen er daraus zieht. Niemand wäre zur Schließung gezwungen…

KÜPPERS: Es dürfte sehr schwierig für die EU werden, eine Schließung gegen den Willen eines Mitgliedslands durchzusetzen. Strittig wird sein, ob die Betreiber nachrüsten oder ob die betreffenden Anlagen stillgelegt werden. Dabei stellt sich auch die Frage, wie sich kurz- und langfristig Ersatz schaffen lässt. Jedes EU-Land wird diese Probleme ein wenig anders handhaben wollen. Der Einfluss der Kommission auf solche Entscheidungen war bisher begrenzt.

Sicherheit zuerst? Orientierung am Machbaren

EURACTIV.de: Müsste Brüssel nicht nach EU-weiten Standards entscheiden dürfen, unsichere Kraftwerke abzuschalten?

KÜPPERS: Es gibt ja Ansätze gemeinsamer Anforderungen an die Reaktoren. Das Problem ist, dass die Anlagen sehr unterschiedlich sind. Und die EU wollte zumindest bislang keine Reglungen formulieren, die ein Land zwingen, alle seine Kraftwerke sofort abzuschalten.

Letztendlich kommen bei diesen Tests voraussichtlich Kompromisse heraus. Sie orientieren sich nicht alleine am internationalen Stand von Wissenschaft und Technik, sondern auch daran, was in jedem Mitgliedsland auch unter wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten machbar ist.

"Irgendwann muss auch Frankreich den Ausstieg einleiten"


EURACTIV.de:
Frankreich und Deutschland trennen in der Atompolitik derzeit Welten. Rechnen Sie damit, dass es in Frankreich irgendwann zu einer Anti-Atomkraftbewegung wie in Deutschland kommt?

KÜPPERS: Es gibt in Frankreich durchaus Gegner der Atomkraft, aber ich würde diese nicht als stark bezeichnen, gerade wenn man die Situation mit der in Deutschland vergleicht. Es gibt auch Gruppierungen, die auf wissenschaftlicher Basis gegen die Kernenergie argumentieren, aber es sind viel weniger als in Deutschland. Atom-kritische Experten haben sich nicht in den französischen Sachverständigenkreisen etabliert.

EURACTIV.de: Wäre es dennoch denkbar, dass Frankreich dem deutschen Modell folgt und auf die Energiewende setzt?

KÜPPERS: Frankreich setzt in extremen Maß auf Atomstrom. Der Anteil am Strom-Mix ist dreimal so hoch wie in Deutschland. Die Kosten des Umstiegs von Kernkraft auf Erneuerbare wären viel höher als hierzulande.  

Trotzdem: Irgendwann muss auch Frankreich den Ausstieg einleiten. Das Problem wird sich für Frankreich in einigen Jahrzehnten wahrscheinlich von selber erledigen, weil das Uran knapp wird. Spätestens dann ist diese Technik nicht mehr konkurrenzfähig.

Knappes Uran: Erneuerbare werden zwangsläufig attraktiver


EURACTIV.de:
Freiwillig wird Frankreich nicht aussteigen?

KÜPPERS: Bisher habe ich dafür keine Anzeichen gesehen. Ich erwarte stattdessen einen passiven Atomausstieg.

EURACTIV.de:
Wann können wir diesen Ausstieg erwarten?

KÜPPERS:  Ich rechne mit 60 bis 70 Jahren. Es könnten noch andere Quellen genutzt werden, so gibt es Uran, das im Meerwasser gelöst ist. Da es aber in zu geringer Konzentration im Gestein liegt, müsste es heraus gefiltert werden. Dann wird Uran aber sehr teuer.

EURACTIV.de: Demzufolge müssten in 60 – 70 Jahren alle AKWs abgeschaltet werden. Was bleibt dann noch?

KÜPPERS: Ja, sie müssten abgeschaltet werden. Andererseits werden sie unwirtschaftlich, da das Uran dann zu teuer wäre. Es bleibt die erneuerbare Energie natürlich. Diese wird spätestens dann immer attraktiver.

Was passiert bei Tsunami an der französischen Küste?

EURACTIV.de: Was würde – rein theoretisch – ein aktiver Ausstieg für die Wirtschaft Frankreichs bedeuten? Wären die höheren Stromkosten überhaupt tragbar?

KÜPPERS: Der Ausstieg wäre meiner Meinung nach tragbar. Er würde natürlich viel Geld kosten, zugleich würden die Investitionen in Erneuerbare die Wirtschaft ankurbeln. Ob man das machen möchte, sehe ich als eine politische Entscheidung.

EURACTIV.de: Was für Reaktionen hätten Sie nach Fukushima aus Frankreich erwartet?

KÜPPERS: Wie es nach den Stresstests weitergeht, würde ich erst einmal abwarten. Frankreich hat auch einige Anlagen, die am Meer liegen. Wenn ein Tsunami die französische Küste trifft, was passiert dann mit den Anlagen, wenn eine Welle von 14 Metern Höhe kommt? Das sind Fragen, die hat man sich vorher nie so gestellt.

EURACTIV.de: Sie gehören der "Deutsch-Französischen Kommission für Fragen der Sicherheit kerntechnischer Anlagen" an. Das nächste Treffen ist Mitte Mai. Welche Diskussionen erwarten Sie?

KÜPPERS: Ich bin gespannt, was die Franzosen zur Sicherheitsfrage vortragen werden, und wie sie mit den Problemen umgehen.  So schnelle Konsequenzen wie das deutsche Moratorium der Laufzeitverlängerung erwarte ich nicht. Aber vielleicht hat sich bis dahin auch die Haltung auf französischer Seite grundlegend verändert, wer weiß.

Interview: Mimoza Troni

Links

Öko-Institut e.V.: Internetseite

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