Frankreich: Von Ex-Präsidenten und Partei-Machtspielchen
Im Frühjahr 2017 finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt, demnächst bestimmen die rechtsbürgerlichen Républicains (LR) ihren Kandidaten in Vorwahlen - zum ersten Mal. Ein Überblick über die Kandidaten
Im Frühjahr 2017 finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt, demnächst bestimmen die rechtsbürgerlichen Républicains (LR) ihren Kandidaten in Vorwahlen – zum ersten Mal. Ein Überblick über die Kandidaten
Seit mehr als einem halben Jahr stehen Namen im Raum, immer wieder wurde spekuliert und mit Spannung beobachtet, wer sich zum Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr in Frankreich erklärt. Am 20. und 27. November organisiert die rechtsbürgerliche Partei Les Républicains, die vor ihrer Umbenennung vor zwei Jahren als UMP („Union pour un mouvement populaire“) bekannt war, Vorwahlen, um ihren Kandidaten zu bestimmen. An den Wahlen teilnehmen darf jeder, der mindestens 18 Jahre alt und im Wahlregister eingetragen ist, pro Wahlgang zwei Euro an die Partei zahlt und vor der Wahl unterschreibt, sich zu „republikanischen Werten zu bekennen und für die Veränderung eintreten zu wollen“.
Letzteres ist sehr, vielleicht bewusst vage formuliert und gibt auch potentiellen Sympathisanten linker Parteien die Möglichkeit, sich an den Vorwahlen zu beteiligen. Im ersten Wahlgang am 20. November können die Wähler zwischen sieben Kandidaten wählen, eine Woche später entscheiden sie in einer Stichwahl, wer von den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen bei den Präsidentschaftswahlen (siehe Infokasten) antreten wird.
Der Favorit: Alain Juppé
Der Ex-Präsident: Nicolas Sarkozy (der am Sonntag aus der Vorwahl der französischen Konservativen ausgeschieden ist und sich nun aus der Politik zurückziehen will. Anm. d. Redaktion)
Die Überraschung: Francois Fillon
Der Taktierer: Bruno Le Maire
„Die Frau“: Nathalie Kosciusko-Morizet
Nathalie Kosciusko-Morizet alias NKM hat ein augenscheinliches Alleinstellungsmerkmal: Sie ist die einzige Frau, die bei den Vorwahlen antritt. Ihre Teilnahme stand bis kurz vor Nominierungsschluss in Frage, da es ihr kaum möglich war, die für eine Kandidatur benötigten 500 Patenschafts-Unterschriften von Abgeordneten oder anderweitig gewählten Politikern zu erhalten. Nachdem sowohl Juppé als auch Sarkozy für sie geworben hatten, konnte sie Kandidatin werden.
Die Teilnahme von Nathalie Kosciusko-Morizet, die aus einer politisch engagierten Familie stammt, ist eher als symbolisch zu bewerten: Die LR, deren Partei durchweg männlich geprägt ist, hätten es sich wohl kaum ohne Imageschaden leisten können, keine Frau für die Vorwahlen zu nominieren. Kosciusko-Morizet ist jung und verkörpert einen modernen Konservatismus, wie auch Juppé wäre sie wohl theoretisch für viele Wähler eine Alternative. Praktisch ist NKM jedoch unbekannt – in Umfragen erreicht sie keine fünf Prozent, in einer Straßenmfrage des liberalen französischen Think Tank Fondapol erinnerten sich Wähler meist nicht an ihren Namen, sondern wussten nur, dass „die Frau“ auch teilnimmt.
Für NKM dürften die Vorwahlen eine gute Möglichkeit sein, sich in der nationalen Politik etwas mehr zu profilieren: Zwar macht sie schon als Abgeordnete der Nationalversammlung regelmäßig mit gut platzierten Aussagen auf sich aufmerksam und ist Vorsitzende der LR-Fraktion im Pariser Stadtrat, aber eine Funktion in Institutionen oder Partei könnte sie durchaus interessieren, da sie als sehr ambitioniert gilt.
Der gefallene UMP-Mann: Jean-François Copé
Jean-François Copé ist seit 2007 Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung, zuvor war er unter Jacques Chirac war er Staatssekretär und Minister. Copé kennt das politische Geschäft sehr gut, vor allem die damit zusammenhängenden Schlammschlachten. Innerhalb der Républicains, damals noch UMP, gewann er nach den für die Partei verlorenen Präsidentschaftswahlen 2012 den Parteivorsitz nur knapp gegen François Fillon und führte mit seinem „Manifest für eine Rechte ohne Hemmungen“ einen offensive Kampagne gegen Fillon und Sarkozy.
Gemeinsam mit Sarkozy war Copé in die Affaire Bygmalion verwickelt: Die von zwei Vertrauten Copés gegründete Kommunikationsagentur hat während des Wahlkampf der UMP vor den Präsidentschaftswahlen falsche Rechnungen an die UMP von über 10 Millionen Euro ausgestellt haben; bis heute ist nicht klar, wo die entsprechenden Parteigelder letztendlich gelandet sind. In Folge der Affäre musste Copé 2014 den Parteivorsitz niederlegen. Copé wirft Sarkozy vor, nur deshalb zu kandidieren, um einer einer möglichen Gefängnisstrafe zu entgehen, da seine Rolle noch immer nicht vollkommen geklärt ist.
Die Kampagne von Copé ist deshalb eher Akt gegen Nicolas Sarkozy als eine ernstzunehmende Präsidentschaftskandidatur. Betonen alle Kandidaten – wie es für Franzosen unabhängig ihrer politischen Couleur im Wahlkampf zum guten Ton gehört – immer wieder die Liebe zu „la patrie“, dem Vaterland, findet es sich bei Copé vielleicht am stärksten in seinen Forderungen: So will er etwas das Hissen der französischen Flagge und das Singen der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, zum täglichen Ritual in Schulen machen.
Der Christlich-Ultrakonservative: Frédéric Poisson
Frédéric Poisson ist der einzige Kandidat bei den Vorwahlen, der nicht den Républicains angehört, sondern Vorsitzender der christlich-demokratischen Partei (PCD) und mit Abstand der konservativste Kandidat, was sich etwa in seinen Forderungen nach Einführung des Blutrechts (Erhalt der Nationalität ausschließlich über Geburt) statt des aktuell geltenden Bodenrechts oder eine Halbierung der Abtreibungszahlen zeigt. Poisson erklärte in einem Interview, dass er im Zweifel im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen eher Marine Le Pen wählen würde als Nicolas Sarkozy. Poisson kommt in Umfragen selten über ein Prozent heraus, seine Teilnahme ist für die Partei symbolisch, aber politisch ohne jede Bedeutung.