Frankreich: Superreiche zahlen weniger Steuern als Rest der Bevölkerung

Der effektive Steuersatz für die reichsten Haushalte Frankreichs sei regressiv und betrage nur zwei Prozent der Gesamteinnahmen für die 400 reichsten Haushalte. Zu diesem Ergebnis kommt ein am Dienstag veröffentlichten Bericht.

EURACTIV.fr
Clamart,,France,-,August,23,,2020:,French,Property,Tax,Notice
Es ist das erste Mal, dass eine Studie den regressiven Charakter des französischen Steuersystems für die wohlhabendsten Haushalte nachweisen kann, und zwar auf der Grundlage von noch nicht untersuchten Verwaltungsdaten aus dem Jahr 2016. [Shutterstock/HJBC]

Der effektive Steuersatz für die reichsten Haushalte Frankreichs sei regressiv und betrage nur zwei Prozent der Gesamteinnahmen für die 400 reichsten Haushalte. Zu diesem Ergebnis kommt ein am Dienstag veröffentlichten Bericht.

Auf Grundlage bisher nicht untersuchter Verwaltungsdaten aus dem Jahr 2016 weist die Studie erstmals einen regressiven Charakter des französischen Steuersystems nach – also eine Besteuerung, die weniger wohlhabende Haushalte stärker belastet.

Laut dem Bericht, der am Dienstag vom Think-Tank ‚Institut des politiques publiques‘ veröffentlicht wurde, ist die Einkommenssteuer allein ein schlechter Maßstab, um das Gesamteinkommen der Haushalte zu erfassen – einschließlich Aktienbesitz.

„Wir haben versucht, die noch nicht ausgeschütteten Erträge aus Unternehmensaktien zu berücksichtigen“, die Superreiche möglicherweise besäßen, erklärten die Autoren der Studie gegenüber Le Monde. Man habe eine neue, präzisere Metrik für das „wirtschaftliche Einkommen“ entwickelt.

Bei der Berechnung der Einnahmen nach beiden Maßstäben zeigen sich deutliche Unterschiede: Während die 38.000 reichsten Haushalte ein durchschnittliches Einkommen von 895.000 Euro pro Jahr angeben, wenn man nur die Einkommenssteuer betrachtet, liegt ihr „wirtschaftliches Einkommen“ demnach im Durchschnitt bei 3,4 Millionen Euro.

Dasselbe gilt für die 75 wohlhabendsten Haushalte Frankreichs: Ihr durchschnittliches Einkommen laut Steuererklärung liegt der Studie zufolge bei etwa 36 Millionen Euro, aber ihr ‚wirtschaftliches Einkommen‘, das nicht gesperrte Unternehmensanteile berücksichtigt, liegt bei über einer Milliarde Euro.

Grund dafür sei, dass die meisten der reichsten Haushalte Frankreichs Aktionäre von Unternehmen seien und diese möglicherweise sogar besäßen, so der Think-Tank. Das durch Aktienbesitz erzielte Einkommen unterliege aber nicht der Einkommenssteuer, sondern der Körperschaftssteuer.

Dies ist „in Bezug auf die Gesamtsteuerlast nicht neutral“, heißt es in dem Bericht: Während der Steuersatz für die persönliche Einkommenssteuer bis zu 59 Prozent betragen kann, lag er für die Körperschaftssteuer im Jahr 2016, für das den Forschern Daten zur Verfügung gestellt wurden, bei 33,33 Prozent.

Die Ergebnisse des Berichts fließen in eine breitere Debatte über die Besteuerung der reichsten Haushalte auf französischer und europäischer Ebene ein.

Im Jahr 2021 ermutigte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Regierungen, die Einführung von Vermögenssteuern zu erwägen, um die durch die Pandemie verursachten wirtschaftlichen Ungleichheiten zu auszugleichen.

Im März hatte sich eine Gruppe von Europaabgeordneten und Wirtschaftswissenschaftlern in der Zeitung Le Monde für eine progressive Vermögenssteuer für die reichsten Haushalte aus, „um Ungleichheiten zu verringern und gleichzeitig zur Finanzierung der für den ökologischen und sozialen Wandel erforderlichen Investitionen beizutragen.“

Ein vor zwei Wochen veröffentlichter Bericht von Jean Pisani-Ferry, dem ehemaligen Berater des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, und der Ökonomin Selma Mahfouz empfiehlt ebenfalls die Einführung einer „grünen“ Vermögenssteuer zur Finanzierung des ökologischen Wandels.

Diese neue Steuer, die Wirtschaftsminister Bruno Le Maire abgelehnt hat, würde die Form einer Sonderabgabe von fünf Prozent auf das Finanzvermögen der reichsten zehn Prozent annehmen.

Eine solche Maßnahme würde schätzungsweise 150 Milliarden Euro über 30 Jahre einbringen.