Allerdings könnten sich derartige Spekulationen als vorschnell erweisen. Der Journalist Bruno Roger-Petit wagte im Wirtschaftsmagazin „Challenges“ jüngst die Prognose, dass Marion Maréchal-Le Pen, die ultrakonservative Nichte der Parteichefin, den Kampf um Wählerstimmen unter den Katholiken wohl kaum Fillon alleine überlassen werde. Obwohl die junge Marion Maréchal-Le Pen parteiintern langfristig als Konkurrentin der Parteichefin gilt, sichere sie kurzfristig die Stimmen von erzkatholischen Wählern, schrieb Roger-Petit.
Als weiterer Schwachpunkt Fillons in einem möglichen politischen Zweikampf mit dem Front National im kommenden Frühjahr könnte sich erweisen, dass der 62-Jährige bislang als Kandidat der Besserverdienenden gilt. So hat er beispielsweise vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte zu erhöhen – eine Maßnahme, die vor allem Einkommensschwache treffen würde. Und genau diese wirtschaftlich abgehängten Wähler jenseits der Metropolen wie Paris, Lyon oder Toulouse sind es, die der Front National schon seit langem mit einem Programm umgarnt, das als wirtschaftlich eher links gilt.
Für diese Parteilinie steht im Front National vor allem Florian Philippot, der einflussreiche Vize von Marine Le Pen. Dass der Front National nicht zuletzt unter Frankreichs Arbeitern viele Wähler hat, wurde jüngst bei der Vorstellung des FN–Parteilogos deutlich. Darauf ist eine blaue Rose zu sehen. Mögliche Verwechslungen mit dem Symbol der Sozialisten – der roten Rose – nimmt Le Pen offenbar ganz bewusst in Kauf.
Welche europapolitischen Vorstellungen verfolgt Fillon?
Im Gegensatz zur FN-Vorsitzenden Le Pen gilt Fillon grundsätzlich als Verteidiger des europäischen Projekts. Andererseits tritt er durchaus kritisch gegenüber der Europäischen Union auf. In seinem Programm erwähnt er explizit, dass er Anfang der Neunzigerjahre den Maastrichter Vertrag nicht unterstützt hat – also jenen Vertrag, der die Grundlage für den Euro schuf. Fillon möchte die Kompetenzen der EU-Kommission einschränken und die Rolle der Mitgliedstaaten in der EU stärken. Andererseits setzt er sich für die Stärkung der EU-Verteidigungspolitik ein. Zudem möchte er langfristig erreichen, dass sich die EU-Mitgliedstaaten in ihrer Wirtschafts-, Steuer- und Sozialpolitik stärker angleichen.
In seinem Programm ist davon die Rede, dass Deutschland und Frankreich dabei vorangehen sollen. In Berlin wird allerdings ein anderer Aspekt von Fillons Programm argwöhnisch betrachtet – seine Forderung, dass die EU-Sanktionen gegen Russland nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 aufgehoben werden sollten.
Was passiert auf der linken Seite des politischen Spektrums vor der Wahl?
Das Problem von Sozialisten, Grünen und der Akteure der extremen Linken besteht – wie so häufig vor Präsidentschaftswahlen in Frankreich – in ihrer Zersplitterung. Nicht nur die sozialistische Regierungspartei will demnächst einen Präsidentschaftskandidaten küren. Die Grünen ziehen mit dem EU-Abgeordneten Yannick Jadot in die Wahl, der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon führt wiederum seine Bewegung „La France insoumise“ („Das rebellische Frankreich“) an.
Angesichts dieser Zersplitterung des linken Wählerpotenzials wäre es eine Überraschung, wenn der Kandidat der Sozialisten den Sprung in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl schaffen sollte. Das liegt vor allem auch daran, dass auch Hollandes früherer Wirtschaftsminister Emmanuel Macron mit seiner Bewegung „En marche!“ bei der Wahl antritt.
Wer könnte bei den Sozialisten als Kandidat antreten?
Das entscheidet sich in zwei Wahlgängen bei der Vorwahl der Sozialisten am 22. und 29. Januar. Hollande will Anfang Dezember bekannt geben, ob er im kommenden Jahr noch einmal antritt oder nicht. Allerdings gilt es als praktisch ausgeschlossen, dass Hollande noch einmal in den Elysée-Palast einziehen kann. Das hat mehrere Gründe: Entgegen allen Versprechen gelang es ihm nicht, die Arbeitslosigkeit wesentlich zu senken.
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Im Oktober verspielte Hollande auch noch sein letztes politisches Kapital, als zwei Journalisten nach Gesprächen mit dem Präsidenten einen vielsagenden Blick ins Innenleben Hollandes gewährten. Die Veröffentlichung ihres Buches „Un président ne devrait pas dire ça“ („Ein Präsident sollte so etwas nicht sagen“) wurde zum Bumerang für den Staatschef, der zuvor über Frankreichs Justiz genauso hergezogen war wie über die Fußballer der Equipe Tricolore.
Zu denen, die seinerzeit die Buchveröffentlichung scharf kritisierten, gehörte auch Regierungschef Manuel Valls. Das war bereits das erste Indiz dafür, dass es mit Valls’ Nibelungentreue gegenüber seinem Chef inzwischen vorbei ist. Am Sonntag ließ Valls nun die Zeitung „Journal de Dimanche“ wissen, dass er möglicherweise selbst dann bei der bevorstehenden Vorwahl der Sozialisten im Januar antreten würde, falls Hollande als Kandidat zur Verfügung stehen sollte.
Vor fünf Jahren, bei der letzten Urwahl der Sozialisten, war Valls noch abgeschlagen auf dem fünften Platz gelandet. Doch das hat sich inzwischen geändert: Nach einer am vergangenen Freitag veröffentlichten Umfrage sprachen sich 65 Prozent der Franzosen dafür aus, dass die Sozialisten Valls als ihren Kandidaten auf den Schild heben. Nur 23 Prozent sprachen sich für eine erneute Kandidatur Hollandes aus.