Forscher warnen vor Wiedergeburt nationaler Kapazitätsmärkte im Energiesektor

Einige der größten EU-Staaten versuchen vermehrt, ihre nationalen Stromkapazitäten zentral zu steuern. Der erneute Ausbau solcher Kapazitätsmärkte könnte verheerende Auswirkungen haben, warnen Forscher und interne Dokumente der EU-Kommission.

EURACTIV.com
Delivery of transformer for electrical substation
Das Problem: Kapazitätsmärkte sind denkbar ungeeignet, um die wichtigsten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen das europäische Stromsystem konfrontiert ist. [EPA/CARSTEN REHDE]

Einige der größten EU-Staaten versuchen vermehrt, ihre nationalen Stromkapazitäten zentral zu steuern. Der erneute Ausbau solcher Kapazitätsmärkte könnte verheerende Auswirkungen haben, warnen Forscher und interne Dokumente der EU-Kommission

Kapazitätsmärkte, bei denen eine zentrale Regierung festlegt, wie viele Kraftwerke in einem Jahr benötigt werden, um die Nachfrage zu decken, erinnern an die Industrialisierung Europas durch Kohlekraftwerke, die Jahre im Voraus geplant wurden.

Nach jahrelangen Liberalisierungsbemühungen decken solche Märkte heute nur noch 40 Prozent der EU ab – insbesondere in Ländern wie Frankreich, Polen, Italien, Belgien und Irland.

Diese Zahl wird jedoch voraussichtlich wieder steigen. Deutschland, Spanien und Schweden erwägen eigene Kapazitätsmechanismen, da Politiker nach der Energiekrise verstärkt von dem Versprechen stabiler Preise gelockt werden.

Dem folgen jetzt auch erste Gesetzesanpassungen. Eine neue EU-Verordnung zur Strommarkgestaltung besagt nun, dass die veralteten Systeme eine „wichtige Rolle“ spielen können. Im letzten Jahrzehnt wurden Kapazitätsmechanismen hingegen als „letztes Mittel“ bezeichnet, da sie nur zulässig waren, um eine Reihe katastrophaler Stromausfälle zu vermeiden.

„Kapazitätsmärkte werden nicht verschwinden, sie sind gekommen, um zu bleiben“, sagte Emma Menegatti, die die Systeme am Europäischen Hochschulinstitut erforscht.

Das Problem: Kapazitätsmärkte sind denkbar ungeeignet, um die wichtigsten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen das europäische Stromsystem konfrontiert ist – die Schaffung eines stärker vernetzten Netzes für den Übergang zu erneuerbaren Energien bei gleichzeitiger Preisstabilität.

Unter Akademikern sind die Systeme äußerst unpopulär.

„Die Geschichte der Kapazitätsmärkte ist übersät mit Beispielen für die Nichteinhaltung von Verträgen“, schrieb der Think-Thank Regulatory Assistance Project (RAP) in einem Bericht. Unternehmen können sich dafür entscheiden, eine Geldstrafe zu akzeptieren und mit dem Gewinn aus dem Mechanismus davonzukommen.

Die Europäische Kommission, die im Rahmen der neuen europäischen Marktgestaltung mit der Vorbereitung der groß angelegten Wiederbelebung der Kapazitätsmärkte bis zum 17. April beauftragt ist, ist zu demselben Schluss gekommen.

„Die bestehenden Sanktionsregelungen in Kapazitätsmechanismen bieten nicht immer ausreichend geeignete Anreize, um die Erbringung der vertraglich vereinbarten Leistung tatsächlich zu garantieren“, heißt es in einem neuen Dokument, das diese Woche veröffentlicht wurde.

Für die Bürger könnten die Märkte eine schlechte Nachricht sein, unabhängig davon, ob sie tatsächlich Strom liefern oder nicht.

Da Kapazitätsmechanismen naturgemäß „das Risiko bergen, eine Tendenz zu Überkapazitäten zu institutionalisieren“, erklärt der RAP-Think-Thank. Politiker würden die Verantwortung für mangelnde Kapazitäten fürchten, während „die Kosten [der Überkapazitäten] von den Verbrauchern getragen werden“.

Die Systeme führen dann letztlich zu „Marktabschottung, Bedarfsermittlung und Bevorzugung einzelner Technologien“, merkte die Energiebörse European Energy Exchange (EEX) an.

Große, zentralisierte und steuerbare Energiequellen wie Gas, Kernkraft und Wasserkraft werden zu den Gewinnern der neuen Kapazitätsmärkte Europas.

32 Prozent der EU-Kapazitätssubventionen gingen laut der Kommission 2023 an Gaskraftwerke, 24 Prozent an Kernkraft und 15 Prozent an Wasserkraft.

„Etablierte Unternehmen als ‚traditionelle‘ Kapazitätsanbieter sind die Hauptnutznießer der Unterstützung“, heißt es in dem Dokument weiter.

Es ist eine besonders schlechte Nachricht, da 15-Jahres-Verträge häufig Standard sind, wie der Think-Tank betont.

Nachteile durch EU-Supernetz

In Europa leiden Kapazitätsmechanismen unter einem weiteren entscheidenden Mangel: Sie funktionieren nicht in dem gut verbundenem Supernetz, das die EU gerade aufbaut.

„Das Hauptproblem, das wir festgestellt haben, ist, dass man, wenn man sehr gut vernetzt ist und einen Kapazitätsmarkt einführt, die Erzeugung nur vom Nachbarn verlagert“, erklärte die Forscherin Menegatti.

Da Kapazitätsmärkte Strom subventionieren, können Kraftwerke in Nachbarländern nicht konkurrieren. Eine Kettenreaktion breitet sich aus, da diese Länder ihre eigenen Kapazitätsmechanismen einrichten müssen, um wettbewerbsfähig zu sein.

„Ob wir ohne Kapazitätsmarkt besser dran sind, ist keine einfache Frage, aber es ist sicher, dass sie ziemlich kostspielig werden, wenn jeder einen hat“ gibt sie zu bedenken, da Regierungen „leicht über die Nachfrage hinausschießen“ und am Ende Geld verschwenden können.

Eine Lösung aus dem letzten Jahrzehnt, die grenzüberschreitende Beteiligung an Kapazitätsmechanismen, hat sich als schwerfällig und weitgehend erfolglos erwiesen, wie die Kommission unter Berufung auf Menegattis Forschung einräumt.

Diese grundlegenden Probleme mit Kapazitätsmärkten zeigen sich in der Praxis.

Der polnische Kapazitätsmarkt berücksichtigt Importe in seinen Berechnungen nicht angemessen und geht nicht davon aus, dass Kraftwerke überhaupt Strom exportieren werden, warnte die EU-Aufsichtsbehörde ACER letzten Monat.

Dies könnte dazu führen, dass Kraftwerksbesitzer auf Kosten der Steuerzahler reicher werden, während die Kosten für das Stromsystem in ganz Europa in die Höhe getrieben werden.

Es bleibt abzuwarten, ob zusätzlich zu Brüssel, Berlin und Warschau rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt werden, bevor sie 15-Jahres-Verträge mit Dutzenden von GW Kohlekapazität oder teurer Kernkraft abschließen.

[BTS/KN]