Flughafenchef: Luftfahrtindustrie muss sich dem Wandel stellen

Da sich die öffentliche Meinung gegen klimaschädliche Industrien wendet und über immer höhere Umweltsteuern nachgedacht wird, werde die Umstellung auf einen CO2-armen Flugverkehr den wirtschaftlichen Erfolg des Luftfahrtsektors sichern, so der Flughafenchef von Rom. 

Euractiv.com
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Die CO2-Intensität des Luftverkehrs birgt auch die Gefahr, dass der Sektor von der EU-Liste der grünen Taxonomie ausgeschlossen wird, die eine Orientierungshilfe für nachhaltige Investitionsmöglichkeiten bietet. Dies könnte sich negativ auf die Finanzierungsströme des privaten Kapitals auswirken. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/aerial-view-airport-airplane-taxiing-runway-1189545343" target="_blank" rel="noopener">Jaromir Chalabala / Shutterstock.com</a>]

Da sich die öffentliche Meinung gegen klimaschädliche Industrien wendet und über immer höhere Umweltsteuern nachgedacht wird, werde die Umstellung auf einen CO2-armen Flugverkehr den wirtschaftlichen Erfolg des Luftfahrtsektors sichern, so der Flughafenchef von Rom. 

Marco Troncone, CEO von Aeroporti di Roma, sagte, der Sektor müsse seine Dekarbonisierungsziele realistisch einschätzen und einen konkreten Plan für die Dekarbonisierung in den kommenden Jahren vorlegen.

„Es gibt bereits einige Tendenzen zur ‚Flugscham'“, sagte er. „Wir können uns nicht einer restriktiven oder strafenden Politik unterwerfen, die aus einer Strafbesteuerung besteht. Wir müssen dieses Risiko vermeiden.“

Auch wenn die Emissionen des Luftverkehrs im globalen Vergleich gering seien, sollte dies kein Alibi für Untätigkeit sein, so Troncone.

Der Flughafenchef sprach am Dienstag (24. Januar) bei einem runden Tisch über den „Pakt für die Dekarbonisierung des Luftverkehrs“, der die Akteur:innen der Luftfahrtindustrie zusammenbringt, um einen Weg zur Dekarbonisierung des italienischen Luftfahrtsektors bis 2050 zu finden.

Die Veranstaltung fand im Europäischen Parlament statt und wurde von Marco Campomenosi, einem italienischen Abgeordneten der rechten Fraktion Identität und Demokratie, moderiert.

Die Auswirkungen des Fliegens auf das Klima haben zu einem Anwachsen der „Flugscham“-Bewegung geführt und die französische Regierung dazu veranlasst, einige Inlandsflüge aus Klimagründen zu verbieten – Entwicklungen, die in der Luftfahrtbranche die Alarmglocken läuten lassen. Flüge verursachen etwa 3 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen.

Ausschluss aus der grünen Taxonomie

Die CO2-Intensität des Luftverkehrs birgt auch die Gefahr, dass der Sektor von der EU-Liste der grünen Taxonomie ausgeschlossen wird, die eine Orientierungshilfe für nachhaltige Investitionsmöglichkeiten bietet. Dies könnte sich negativ auf die Finanzierungsströme des privaten Kapitals auswirken.

Troncone sagte, dass der Luftfahrtsektor in eine „sehr gefährliche Situation“ geraten könnte, wenn sich der globale Fokus von der Gewährleistung der Energiesicherheit nach Russlands Invasion in der Ukraine wieder auf den Klimawandel verlagert.

Indem man den Weg zur Emissionsreduzierung offen kommuniziere, könne man Rückschläge gegen die Branche vermeiden und sicherstellen, dass der Luftverkehr seinen Ruf als wichtige Quelle globaler Verbindungen beibehalten könne, fügte er hinzu.

Die Branche sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Emissionen in den nächsten Jahren steigen könnten, so Troncone, da die Nachfrage nach Corona wieder ansteige und Maßnahmen zur Senkung des CO2-Ausstoßes wie nachhaltige Flugkraftstoffe und saubere Flugtechnologien erst noch in großem Umfang eingeführt werden müssen.

Die Zunahme nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF), die Umstellung auf erneuerbare Energien an Flughäfen und eine höhere Streckeneffizienz würden jedoch mittel- bis langfristig zu einem deutlichen Rückgang der Luftverkehrsemissionen führen.

EU-Kommission: Sollte nicht weniger Flugverkehr geben

Henrik Hololei, der Generaldirektor für Verkehrspolitik bei der EU-Kommission, wies in seiner Rede darauf hin, dass der Luftverkehrssektor dringend sauberer werden muss.

„Die Luftfahrt kann nicht einfach so weitermachen wie bisher. Ich glaube, da sind sich alle einig. Der Luftverkehr muss viel nachhaltiger werden“, sagte er.

„Ich würde nie sagen, dass es weniger Flugverkehr geben sollte, aber ich würde sagen, je mehr Flugverkehr wir haben, desto nachhaltiger muss dieser Flugverkehr sein“, fügte er hinzu.

Trotz der Herausforderungen äußerte sich Filip Cornelis, Direktor für Luftfahrt bei der Europäischen Kommission, positiv darüber, dass die Ziele der Bürger:innen, der politischen Ebene und der Luftfahrtindustrie heute besser aufeinander abgestimmt sind als in der Vergangenheit.

„Vor zehn Jahren sagten viele im Luftfahrtsektor: ‚Wir können unsere Emissionen nicht reduzieren, das müssen andere tun, es ist aus technischen Gründen einfach nicht möglich‘. Das hat sich jetzt völlig geändert“, sagte er.

„Die gesamte Branche hat die Notwendigkeit von Veränderungen erkannt“, fügte er hinzu.

Oliver Jankovic, der Generaldirektor von ACI Europe, einem Branchenverband, der Flughäfen vertritt, bezeichnete die Dekarbonisierung als eine Frage des Überlebens der Industrie.

„Es wird langfristig keine Erholung für den Sektor geben, wenn wir nicht gleichzeitig dekarbonisieren“, sagte er.

„Wenn Sie irgendeinen europäischen Flughafen fragen, ist klar, dass es für uns nicht mehr nur um unsere Lizenz für zukünftiges Wachstum geht, sondern ganz einfach um unsere Lizenz zum Weiterbetrieb“, fügte er hinzu.

Die Entscheidung der französischen Regierung, Inlandsflüge zu verbieten, wenn diese durch eine kurze Zugfahrt ersetzt werden können, bezeichnete Jankovic als „lächerlich“, da diese Strecken die ersten seien, die dekarbonisiert würden.

Er lobte die EU-Kommission dafür, dass sie das französische Verbot auf drei Jahre befristet hat, da zu diesem Zeitpunkt nachhaltige Flugkraftstoffe in größeren Mengen verfügbar sein werden.

„Die Kund:innen wollen grün fliegen“

Thomas Reynaert, Geschäftsführer von Airlines for Europe (A4E), warf der französischen Regierung ebenfalls vor, mit dem Flugverbot lediglich eine „politischen Geste“ zu machen, die „in Wirklichkeit nichts zur Reduzierung der CO2-Emissionen beitragen wird.“

Diese Maßnahmen würden die Einnahmen der Fluggesellschaften schmälern, was es schwieriger mache, in die Dekarbonisierung zu investieren.

„Den Fluggesellschaften wurde Greenwashing vorgeworfen. Aber ich würde behaupten, dass einige der Regierungen wahrscheinlich auch Greenwashing betreiben, indem sie unüberlegte Maßnahmen vorschlagen und umsetzen, die in Wirklichkeit sehr wenig zur Verbesserung der Nachhaltigkeit beitragen oder nur sehr geringe Auswirkungen auf die Emissionen haben“, sagte Reynaert.

Reynaert sagte jedoch, dass es bei der Umstellung der Fluggesellschaften auf umweltfreundliche Technologien „keinen Weg zurück gibt, egal ob mit oder ohne Regulierung.“

„Wir müssen den Kund:innen dienen, und die Kund:innen wollen grün fliegen.“

[Bearbeitet von Frédéric Simon]