Feierlichkeiten: Turku und Tallinn sind Europas neue Kulturhauptstädte
Zwei Städte in Europas Norden dürfen sich seit Jahreswechsel über den Titel "Kulturhauptstadt" freuen. Die Touristenzahlen könnten steigen, so eine Studie. Fraglich bleibt die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Effekte. Das Ruhrgebiet zieht eine positive Bilanz unter ein Jahr Kulturhauptstadt - trotz der Toten bei der Loveparade.
Zwei Städte in Europas Norden dürfen sich seit Jahreswechsel über den Titel „Kulturhauptstadt“ freuen. Die Touristenzahlen könnten steigen, so eine Studie. Fraglich bleibt die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Effekte. Das Ruhrgebiet zieht eine positive Bilanz unter ein Jahr Kulturhauptstadt – trotz der Toten bei der Loveparade.
Estlands Hauptstadt Tallinn und das finnische Turku sind seit dem Jahreswechsel Kulturhauptstädte Europas.
Die beiden nordischen Zentren lösen das deutsche Ruhrgebiet, das ungarische Pecs und das türkische Istanbul ab. Beide baltischen Städte haben sich ein umfangreiches Kulturprogramm vorgenommen und setzen auf Kooperation. Viele Projekte sollen gemeinsam realisiert werden, die Städte liegen nur 200 Kilometer voneinander entfernt.
In Tallinn wurde mit zwei Feuerwerken zugleich der Titel als Kulturhauptstadt und die Einführung des Euros gefeiert (EURACTIV.de vom 31. Dezember 2010). Die ehemalige Hansestadt hat das Thema "Meer" in den Mittelpunkt gerückt. Die Hafenstadt Turku hat das Kulturhauptstadtjahr am 15. Januar mit einem Freilichtfest am und über dem Fluss Aura, der die Stadt durchquert, eröffnet. Für die Städte soll das Jahr als Kulturhauptstadt Gelegenheit bieten, sich europaweit bekannt zu machen, vermehrt Touristen anzuziehen und das Kulturleben zu stärken.
Titel kann Touristen anziehen
Eine Studie im Auftrag der EU-Kommission kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Anzahl touristischer Aufenthalte mit mindestens einer Übernachtung in Kulturhauptstädten im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich um 12 Prozent gestiegen ist. In Liverpool 2008 und in Sibiu (Rumänien) 2007 wurde ein Anstieg um 25 Prozent verzeichnet.
Fraglich bleibt allerdings, wie nachaltig der Titel wirkt. Das österreichische Linz, Kulturhauptstadt von 2009, vermeldete jüngst Einbußen beim Tourismus von 15 Prozent.
Ruhr 2010 zieht positive Bilanz – trotz Love Parade
Im Ruhrgebiet, das 2010 den Titel "Kulturmetropole" trug, zogen die Verantwortlichen eine positive Bilanz. 10,5 Millionen Besucher hätten die Veranstaltungen der Kulturhauptstadt wahrgenommen. Die Zahl der Touristen sei um 13,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum angestiegen.
Mit starken, frischen Bildern und vitalen Signalen sei das Ruhrgebiet beherzt seinem veralteten, standortschädlichen Image entgegengetreten, so die Veranstalter.
Am Rande erwähnt wird in der Bilanz die Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg, bei der 21 Menschen ums Leben kamen. Auch wenn man in Duisburg nicht mittelbar beteiligt gewesen sei, stehe man nach wie vor zu einer moralischen Mitverantwortung, so Ruhr2010-Vorsitzender Fritz Pleitgen. Die Haltung einer Kulturhauptstadt werde aber auch daran gemessen, wie mit solch einer Katastrophe umgegangen werde.
Hintergrund
Die Aktion "Kulturstadt Europas" wurde 1985 vom Ministerrat auf den Weg gebracht, um "zur Annäherung der europäischen Völker beizutragen". 1999 wurde sie in "Kulturhauptstadt Europas" umbenannt.
Jede Stadt legt ein Kulturprogramm fest, das ihr historisches und kulturelles Erbe herausstellt. Darüber hinaus sind die Kulturhauptstädte Europas bestrebt, Kulturschaffende aus anderen europäischen Ländern einzubeziehen.
Bis 2004 wurden die Kulturhauptstädte Europas einstimmig von den Mitgliedsstaaten ausgewählt. Der betreffenden Stadt gewährte die Europäische Kommission jeweils einen Zuschuss.
Inzwischen wird die Kulturhauptstadt Europas alljährlich vom Rat auf Empfehlung der Kommission bestimmt, die sich hierbei auf die Stellungnahme des Europäischen Parlaments und einer Jury aus sieben unabhängigen hochrangigen Persönlichkeiten aus dem Kulturbereich stützt.
Nach Turku und Tallinn im Jahr 2011 werden 2012 Guimarães (Portugal) und Maribor (Slowenien), 2013 Marseille (France) und Košice (Slowakei), 2014 Umeå (Schweden) und Riga (Lettland) sowie 2015 Mons (Belgien) und Pilsen (Tschechische Republik) Kulturhauptstädte sein.
Red.
Links
Presse
DerWesten: Rückblick : Kulturjahr 2010 – Finanzlöcher, Rekorde und Flops (29. Dezember 2010)
Informationen
Kulturhauptstadt Tallinn 2011: Internetseite
Kulturhauptstadt Turku 2011: Internetseite
EU-Kommission: Turku und Tallinn – Kulturhauptstädte Europas 2011 (21. Dezember 2010)
EU-Kommission: Studie über die europäischen Kulturstädte / Kulturhauptstädte Europas und die Europäischen Kulturmonate (1995-2004) (Juli 2009)
RUHR.2010: RUHR.2010 zieht Bilanz: Was wurde erreicht? Was wurde gelernt? Was ist zu tun? (15. Dezember 2010)