Falscher Name, fremdes Leben
Keiner weiß, wie viele „lebende U-Boote“ zur Zeit in Deutschland wohnen. Es sind erstaunlich viele: Menschen mit falschem Namen, fremder Identität, fingierter Biographie. So tauchten früher Personen mit NS-Vergangenheit unter und später Personen mit Stasi-Belastung. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch mitten unter uns.
Keiner weiß, wie viele „lebende U-Boote“ zur Zeit in Deutschland wohnen. Es sind erstaunlich viele: Menschen mit falschem Namen, fremder Identität, fingierter Biographie. So tauchten früher Personen mit NS-Vergangenheit unter und später Personen mit Stasi-Belastung. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch mitten unter uns.
So nebenbei nannte Marianne Birthler, Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde BStU in Berlin, eine Zahl, auf die sie eigentlich stolz sein könnte. Im Gespräch mit Korrespondenten sagte sie vor kurzem, dass ihre Mitarbeiter schon mehr als 200.000 Decknamen aus den Stasi-Akten enttarnt hätten. Davon seien bloß zwei Enttarnungen falsch gewesen. „Das ist doch eine gute Quote.“
Eine gute Quote – aber insgesamt nur ein Bruchteil aller falschen Namen und falschen Identitäten, die in Deutschland existieren. Das Operieren und Untertauchen mit falscher Identität hat in Deutschland Tradition. Da die Strukturen des Täuschens durchaus vergleichbar scheinen, lohnt sich ein Blick zurück.
Braune Vergangenheit
Dass ein Kriegsverbrecher und SS-Offizier wie der Däne Sören Kam (88) deutscher Staatsbürger werden und jahrzehntelang unter seinem richtigen Namen (!) unbehelligt in Deutschland (in Kempten im Allgäu, Bayern) leben konnte, ehe er 2006 vor Gericht kam, ist die Ausnahme. Viele andere Personen mit brauner Vergangenheit hatten rasch eine neue Identität angenommen.
Obwohl deutsche Behörden generell bemüht sind, Rechtsextremisten das Handwerk zu legen, scheint es für zahlreiche Alt- und Neonazis immer noch attraktiv, gerade in Deutschland unterzutauchen. Überraschend viele von ihnen leben unbehelligt unter falschem Namen in der Rolle eines anderen.
Deutschland, Österreich, Schweiz
Eine nicht zu beziffernde Gruppe von mittlerweile hochbetagten Personen mit NS-Vergangenheit lebt mit der Beruhigung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz, dass sie nicht mehr mit ihrer Entdeckung rechnen müssen. Viele, die bereits gestorben sind, konnten ihre Legende bis zuletzt aufrecht erhalten. Der Name auf ihrem Grabstein ist nicht ihr echter Name.
Ein Jahrzehnt nach Kriegsende lebten Schätzungen zufolge etwa zwei Millionen Menschen als Illegale. Rund 250.000 davon haben sich in der Bundesrepublik eine neue Existenz mit neuem Namen aufgebaut. Die meisten von ihnen waren Mitglieder der NSDAP oder nationalsozialistischer Gliederungen. Aber auch viele ehemalige Spione tauchten unter und mit Hilfe eines Tarnnamens wieder auf.
Hochkonjunktur mit fingierten Namen
Friedrich Wilhelm Schlomann aus Königswinter bei Bonn beschäftigte sich in seiner Dissertation mit den falschen Namen schon zu einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, in dem fingierte Benutzernamen die wahre Identität verschleiern.
Er schilderte mir, wie einfach es zu Kriegsende gewesen sei, andere Papiere zu bekommen. Stempel und Dokumente seien einfach herumgelegen.
Zeugenauftritt bei der eigenen Todeserklärung
Nicht selten kam es demnach vor, dass sich ein NS-Angehöriger falsche Papiere besorgt und seine Frau bewogen habe, ein Verfahren wegen Todeserklärung gegen ihn durchzuführen. In diesem Verfahren trat er dann – unter neuem Namen – selbst als Zeuge auf und beeidete seinen eigenen Tod. Nach Abschluss des Verfahrens heiratete er seine eigene Frau noch einmal – unter dem falschen Namen.
Schlomann zeigt, was solche Tricks mit einer falschen Identität bewirken konnten. Mehrere Male geschah es bei der Entnazifizierung, dass ein skrupelloser früherer NSDAP-Führer als „Fremder“ mit seinen neuen Papieren unbelastet schien und so die Stelle eines anderen übernehmen konnte, der in Wahrheit ein weitaus weniger belasteter Mitläufer gewesen war. Dieses Phänomen ist auch aus der Zeit seit dem Ende der DDR nicht unbekannt.
„U-Boot“ bis ins Grab
Nur durch Zufälle wurden NS-Größen unter falschem Namen entlarvt. Ein SA-Standartenführer lebte 22 Jahre lang unter falschem Namen in Bonn-Bad Godesberg. Ein hochrangiger Kriegsverbrecher lebte 15 Jahre in Bonn mit anderem Namen als Manager, seine Tochter arbeitete im Verteidigungsministerium. Der Chef der Gestapo-Leitstelle, der am Tod von Zehntausenden Juden mitschuldig war, lebte 21 Jahre lang als Handelsvertreter mit anderem Namen in Wuppertal, bis er aufgespürt wurde.
Der Großteil dieser U-Boote ist aber bis ins hohe Alter unentdeckt geblieben. Oft konnten die Betroffenen ihr Geheimnis ins Grab mitnehmen.
Experten schätzen, dass anfangs etwa die Hälfte der Stasi-Mitarbeiter vorher Mitarbeiter in NS-Strukturen oder der Gestapo gewesen seien. Das erklärt manche Traditionen. Denn auch zu DDR-Zeiten und danach hatten und haben Falschnamen Hochkonjunktur.
Perfekte Fälscherwerkstätten
Die Werkstätten des Ministeriums für Staatssicherheit waren imstande, jedes Personaldokument eines jeden Landes perfekt nachzumachen. Sie hatten Stempel von Behörden der ganzen Welt, um Ausweise und Urkunden zu fälschen und Lebensläufe zu erfinden. Sie machten davon auch noch nach dem Fall der Mauer Gebrauch.
Alle Parteien betroffen
Die Decknamen fanden sich bei den Spitzeln, die in der DDR selbst arbeiteten, aber auch bei Agenten der Auslandsspionage im Westen.
Ein Beispiel von vielen: Martin Bangemann. Der Name des damaligen Bundeswirtschaftsministers und FDP-Vorsitzenden ist echt. Was man von dem seiner Chefsekretärin und Vertrauten nicht behaupten kann. Eigentlich hieß sie Johanna Olbrich, aber Karriere im Vorzimmer Bangemanns machte sie als Sonja Lüneburg, und Karriere als DDR-Spitzel machte sie als „Anna“.
Die Identität der Sonja Lüneburg hatte ihr die Stasi besorgt, für die sie zehn Jahre lang Bundeswirtschaftsministerium und FDP-Zentrale in Bonn abschöpfte. Die falsche Sonja Lüneburg aus Bonn und die echte Sonja Lüneburg aus Berlin haben einander nie gesehen, aber die eine hatte den echten Personalausweis der anderen, organisiert vom MfS. Übrigens war nicht nur die FDP, sondern jede Partei in der alten Bundesrepublik betroffen.
Karteien für Klarnamen und Decknamen
Solche Beispiele gab es in Hülle und Fülle. So viele, dass selbst die Stasi ihre Karteien mit Decknamen und Klarnamen mit großem Aufwand in Schuss halten musste. Viele Bürger haben bis heute keine Ahnung, dass ihre Identität vom MfS für eine weitere Person mit geheimdienstlichem Auftrag verwendet wurde.
Tarnnamen und neue Identitäten gab es in der DDR auch für Menschen, nach denen im Westen gefahndet wurde und unter dem Dach der SED Unterschlupf fanden. Beispiel: Terroristen. Angehörige und Aussteiger der Roten Armee Fraktion (RAF) übersiedelten in die DDR, um aus dem Visier westlicher Ermittler zu verschwinden. Das MfS besorgte ihnen neue Namen und erfundene Lebensläufe und brachte sie an verschiedenen Orten der DDR unter.
RAF-Aussteiger untergetaucht
Dort erhielten sie bei Bedarf sogar zwei neue Identitäten. Die eine, um unerkannt ein „normales“ Alltagsleben zu fristen, und eine zweite, mit der sie für das MfS zu arbeiten hatten. Beispiel: Die RAF-Aussteigerin Susanne Albrecht wurde als „Ingrid Jäger“ in der DDR eingebürgert und laut MfS-Archiv zusätzlich unter dem Decknamen „Ernst Berger“ als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) geführt. Zur weiteren Verschleierung hieß die erfundene „Ingrid Jäger“ nach der Heirat mit einem DDR-Bürger dann auch noch „Ingrid Becker“.
Tobias Wunschik, Historiker in der Birthler-Behörde, fand heraus, dass alle RAF-Aussteiger einen „Berger“-Decknamen verpasst bekamen. Durch die Aufteilung der Betroffenen aufs ganze Land bestand keine Gefahr, dass jemand einen Zusammenhang entdecken würde.
Insgesamt hatten Anfang der achtziger Jahre zehn RAF-Leute in der DDR Unterschlupf gefunden. Ihre Zusammenarbeit mit dem MfS endete erst kurz vor dem Zusammenbruch der DDR.
Tarnung in Militär und Industrie
Decknamen waren auch im militärischen Bereich und sogar in sensiblen industriellen Projekten üblich.
Ganz besondere Bedeutung haben aber heute die falschen Namen, die nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung ihren Trägern zum Untertauchen verholfen haben.
Leute, die mit Denunziationen Lebensläufe und Karrieren zerstört, Fluchtversuche vereitelt, Nachbarn ins Gefängnis oder in die Psychiatrie gebracht oder zum Selbstmord getrieben haben – sie haben ihre Gründe, seit der Wende zurückgezogen zu leben.
Klagen bei Enttarnung
Wird einer von den Decknamen-Trägern enttarnt und in Medien, Ausstellungen oder Forschungsprojekten namentlich – und zwar „klarnamentlich“ – genannt, schießen sie sofort mit juristischen Mitteln zurück, lassen Anwälte forsche Abmahnungen verschicken, klagen und üben Druck aus. Das zeigt Wirkung. Es verunsichert Verlage und schüchtert Journalisten ein, zumal die Gerichte uneinheitlich urteilen. So kürzen Redakteure die Namen lieber nur mit dem Anfangsbuchstaben ab, um keine juristischen Probleme zu bekommen.
Drohungen durch Anwälte
Sogar in der Stasi-Unterlagen-Behörde wurde Mitte der neunziger Jahre eine Studie abgebrochen. Weil die Studie Täternamen nennen wollte, wurde dem damaligen Leiter der Forschungsgruppe „mit allem gedroht, was Anwälten so einfällt“, worauf ihm irgendwie das Interesse verloren ging.
Die Chefin des Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, verweist aber darauf, dass es „nach dem Stasi-Unterlagen-Gesetz eindeutig zulässig ist, dass im Zusammenhang mit einem Aufarbeitungsprojekt die Namen von Mitarbeitern des MfS genannt werden können“. Auch wenn sich die Betroffenen vor Gericht manchmal sogar mit Erfolg gegen die Namensnennung wehren – die Rechtslage sei dennoch eindeutig.
Der Berliner Medienrechtler Johannes Weberling stellte jüngst sogar eine regelrechte Klagewelle fest, mit der die Aufarbeitung der DDR-Geschichte „totgemacht“ werden soll.
Link:
Artikel über Identitätsdiebstahl (von Tina Groll, "Die Zeit" vom 11. Februar 2010)
Wird fortgesetzt.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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