Fake-News über essbare Insekten in der EU in Umlauf
Euroskeptiker haben ein neues Schreckgespenst: Sie behaupten, Brüssel habe einen geheimen Plan, um die Menschen zum Verzehr von Insekten zu zwingen - eine Fehlinformation, die online und offline verbreitet wird.
Euroskeptiker haben ein neues Schreckgespenst: Sie behaupten, Brüssel habe einen geheimen Plan, um die Menschen zum Verzehr von Insekten zu zwingen – eine Fehlinformation, die online und offline verbreitet wird.
Die kürzlich erteilten Zulassungen der Europäischen Union für Lebensmittelzutaten aus Heimchen und Käferlarven, die laut EU Teil eines Vorstoßes zur Suche nach nachhaltigeren Nahrungsquellen sind, haben eine Welle irreführender Behauptungen in den sozialen Medien ausgelöst.
In einigen Beiträgen in sozialen Medien wird fälschlicherweise behauptet, dass für Lebensmittel, die diese Zutaten enthalten, keine Kennzeichnungspflicht bestehe, oder es werden unbegründete Verbindungen zwischen den Insektenprodukten und einer ganzen Reihe von Krankheiten hergestellt.
In anderen Beiträgen wird behauptet, die Zulassungen seien ein weiterer Beweis für die Verschwörungstheorie, dass eine globale Elite die Menschheit ausrotten wolle – dieses Mal durch die Zwangsernährung mit gefährlichen Insekten.
Doch die Welle der Panikmache geht über die Online-Echokammern hinaus.
Politiker:innen in mehreren europäischen Ländern haben die Produktzulassungen als einen Versuch Brüssels dargestellt, die Menschen zum Verzehr von Krabbeltieren zu verleiten, als einen Angriff auf die traditionellen nationalen Küchen und – im extremsten Fall – als einen finsteren Plan, der Menschenleben in Gefahr bringen soll.
„Ich will keine Heuschrecken zum Frühstück!“, schimpfte der britische Erz-Euroskeptiker Nigel Farage.
„Auf dem Etikett der Lebensmittel wird ‚Acheta Domesticus‘ stehen. Wir wissen natürlich alle, was das bedeutet“, sagte er am 27. Januar im britischen Nachrichtensender GB News und bezog sich dabei auf den wissenschaftlichen Namen der Hausgrille.
Farage bezeichnete die Zulassungen als Grund für Großbritannien, sich von den EU-Lebensmittelstandards zu lösen, was er als einen „richtigen Brexit“ bezeichnete.
Der französische Senator Laurent Duplomb von der konservativen Partei Les Republicains sagte am 25. Januar vor dem Senat, dass die Franzosen „Insekten essen würden, ohne es zu wissen.“ Die neuen Zutaten seien in Lebensmitteln enthalten, „ohne die Verbraucher klar darüber aufzuklären.“
„Wie konnte es dazu kommen, dass wir Grillen verzehren müssen, die aus der gleichen Familie wie Heuschrecken oder Grashüpfer stammen, während Frankreich das Land der Gastronomie ist?“, sagte Duplomb, der selbst Landwirt ist und die EU für die angebliche Schwächung des französischen Agrarsektors kritisiert.
Was steht in den EU-Verordnungen?
Tatsächlich müssen die neu zugelassenen Inhaltsstoffe sowohl mit ihrem wissenschaftlichen als auch mit ihrem alltäglichen Namen aufgeführt werden, so die Kennzeichnungsanforderungen in den öffentlich zugänglichen Zulassungsdokumenten der Europäischen Kommission vom Januar 2023.
Die Etiketten von Lebensmitteln, welche Insektenprodukte enthalten, müssen eine Warnung enthalten, dass diese seine allergische Reaktion auslösen können.
Außerdem müssen die Zutaten durch eine wissenschaftliche Analyse der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit als sicher für den menschlichen Verzehr eingestuft wurden.
Seit 2021 erlaubt die EU den Verkauf von Produkten, die aus der Heimchenschrecke, der Wanderheuschrecke, den Larven des Gelben Mehlwurms und des Kleinen Mehlwurms gewonnen werden, wobei für alle dieselben Kennzeichnungsvorschriften und Gesundheitskontrollen gelten.
Pro-Russische Stimmen
In Bulgarien, wo die Anti-EU-Rhetorik einiger politischer Parteien zunimmt, wurde der Schritt jedoch als lebensbedrohlich dargestellt.
Der ehemalige Innenminister und Vorsitzende der pro-russischen Partei ABV, Rumen Petkow, bezeichnete die Genehmigungen in einem Interview mit dem kremlnahen Medienunternehmen Pogled als „Verbrechen gegen Europa.“
Er beschuldigte die Europäische Kommission „bereit zu sein, unsere europäischen Kinder zu töten“, die seiner Meinung nach unwissentlich die Insektenprodukte in ihren Lieblingssnacks essen würden.
Obwohl die EU-Zulassungen die Verwendung von Insektenbestandteilen in Lebensmitteln nicht zwingend vorschreiben, bezeichneten einige Politiker die Genehmigungen als eine Zumutung, vor der ihre Länder von den nationalen Regierungen geschützt werden müssen.
In Ungarn, wo die Spannungen mit Brüssel wegen der eingefrorenen Gelder hoch sind, warnte Landwirtschaftsminister Istvan Nagy, dass „traditionelle Essgewohnheiten in Gefahr sein könnten“ und versprach, dass die Regierung neue Vorschriften einführen werde, um eine klare Kennzeichnung zu gewährleisten.
Bloß ein weiterer Mythos?
Halbgare Geschichten über EU-Verordnungen zu den verschiedensten Themen, von der Krümmung von Bananen bis zur Größe von Kondomen, kursieren seit Jahrzehnten.
Aber die Idee, dass Brüssel davon besessen ist, die Menschen in Europa mit Insekten zu füttern, scheine weiter verbreitet zu sein als andere sogenannte „Euromythen“, sagt Simon Usherwood, Professor für Politik und internationale Studien an der Open University.
„Das Interessante an dieser Geschichte ist, dass sie in vielen verschiedenen Ländern auftaucht, denn in der Vergangenheit waren Euromythen sehr länderspezifisch“, sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
„Vielleicht liegt es einfach an der Natur des Themas – es eine allgemeine Abscheu an“, sagte er.
Usherwood fügte hinzu, dass Euromythen im Laufe der Zeit einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben können, indem sie eine Wissenslücke über die EU mit Klischees über durchgeknallte Brüsseler Bürokraten füllen.
„Keine dieser Geschichten für sich genommen, ist das Ende der Zivilisation. Es ist eine skurrile Sache“, erklärte Usherwood. „Aber es ist dieser kumulative Aspekt, der Vorurteile, Vorstellungen und Missverständnisse darüber, was die EU ist, verstärkt.“
Usherwood führte das Beispiel des britischen Referendums von 2016 an, das zum Austritt aus der EU führte.
„Auch wenn das Referendum oft nur als Spaß gemeint ist, hat es doch eine Agenda, die, wie wir an der britischen Debatte gesehen haben, auf lange Sicht tatsächlich dazu beiträgt, die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber der Europäischen Union maßgeblich zu beeinflussen.
„Beim (Brexit-)Referendum war für viele Menschen das Wort ‚krumme Bananen‘ etwas, das sie kannten. Was (die EU) tatsächlich tat, das wussten die meisten Menschen nicht.“