Exporte als Ausgleich für Sparpaket-Effekte

Das Wachstum in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern geht vor allem auf Exporte zurück. Sie könnten dämpfenden Effekte der Sparpakete mehr als ausgleichen. Das sagt die jüngste mittelfristige Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Öl und Stahl helfen Russland und den anderen GUS-Ländern beim Wachstum (Foto: dpa)
Öl und Stahl helfen Russland und den anderen GUS-Ländern beim Wachstum (Foto: dpa)

Das Wachstum in den mittel-, ost- und südosteuropäischen Ländern geht vor allem auf Exporte zurück. Sie könnten dämpfenden Effekte der Sparpakete mehr als ausgleichen. Das sagt die jüngste mittelfristige Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Die mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder (MOSOEL) werden 2010 im Durchschnitt mit einer Wachstumsrate von 1% einen schwachen Aufschwung erleben. Dieser wird sich 2011 auf 2,5% und 2012 auf 3,5% beschleunigen.

Das BIP-Wachstum wird in den GUS-Ländern und der Türkei höher liegen, in den neuen Mitgliedsstaaten Mitteleuropas durchschnittlich bleiben und in Südosteuropa und dem Baltikum niedriger ausfallen.

Gegenwärtig ist das Wachstum hauptsächlich von den Exporten getragen, was die dämpfenden Effekte der Sparpakete mehr als ausgleichen sollte.

Wie sehr die einzelnen Länder tatsächlich vom Aufschwung des Welthandels profitieren können, hängt von ihrem Wechselkursregime und der Größe ihres Industriesektors ab. 2011 und 2012 dürften sich die Investitionen und der Konsum der privaten Haushalte erholen.

Dies sind die wichtigsten Ergebnisse der neuen mittelfristigen Prognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw).

Auslandsnachfrage: Nicht alle profitieren vom Handelsaufschwung

Der beginnende internationale Aufschwung hat die Stimmung unter den Exporteuren in den MOSOEL aufgehellt. Im Jahr 2010 werden die Exporte die wichtigste Wachstumsstütze in der gesamten Region darstellen und in vielen Fällen zu einer Verbesserung der Leistungsbilanz führen.

Die neuesten Daten zeigen eine Rückkehr der Exporte zu 80 bis 90% des Vorkrisenniveaus. Fahrzeuge, Metalle, Energieprodukte, chemische und Maschinenbauerzeugnisse sind zur Zeit die erfolgreichsten Ausfuhrgüter der Region.

Im Allgemeinen werden die Länder mit flexiblen Wechselkursen und den größeren Industriesektoren am meisten vom Aufschwung des internationalen Handels profitieren können. Diese Länder können überdurchschnittliche Wachstumsraten erwarten, die allerdings noch immer unter dem Vorkrisenniveau liegen werden.

Wachstumsmuster

Die bis 2007 ursprünglich überhitzten Wachstumsraten von über 7% im regionalen Durchschnitt haben sich 2008 auf 3,5% abgekühlt, um anschließend 2009 auf nicht weniger als -6% abzusacken.

Für das Jahr 2010 erwartet das wiiw einen schwachen Aufschwung von 1% im Durchschnitt für die Region. In einem eher optimistischen Szenario prognostizieren wir einen durchschnittlichen Wachstumsanstieg auf 2,5% für 2011 und rund 3,5% für 2012.

Das Wachstum wird hauptsächlich von den Exporten und wiedergewonnener Wettbewerbsfähigkeit angetrieben. In den Jahren 2011 und 2012 werden auch die privaten Investitionen und der private Konsum langsam an Fahrt gewinnen. In den meisten Ländern werden aufgeschobene Investitionen getätigt, und der Konsum der Haushalte dürfte erstmals nach der Krise von 2009 wieder anziehen.

Stärkste Dynamik in den GUS-Ländern

Unter den MOSOEL erwartet das wiiw für die GUS-Länder die stärkste Wirtschaftsdynamik für die gesamte Prognoseperiode. Dieser Aufschwung wird hauptsächlich von der Erholung der globalen Rohstoffpreise (insbesondere Öl und Stahl) und von der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit durch Währungsabwertungen unterstützt.

Auch die neuen EU-Mitgliedsstaaten (NMS) in Mitteleuropa haben ihre Konkurrenzfähigkeit durch Abwertungen und/oder Beschäftigungsabbau (insbesondere in der Slowakei) jüngst deutlich verbessert. Aufgrund ihres hohen Industrialisierungsgrades profitieren diese Länder am meisten von der Erholung des Welthandels.

Allerdings sind ihre Wachstumsaussichten durch die schwache Nachfrage in ihrem Hauptabsatzmarkt – der Eurozone – beschränkt. Am schwächsten läuft die Wirtschaftsbelebung in den Baltischen Staaten und den Ländern Südosteuropas an. Deren Beharren auf fixe Wechselkurse und ein unterentwickelter Industriesektor stellen Hindernisse für Wettbewerbsverbesserung und exportgeleitetes Wirtschaftswachstum dar.

Arbeitslosigkeit steigt weiter an

Als Folge der Krise haben die meisten MOSOEL (insbesondere die NMS) Arbeitsplätze abgebaut, und die Arbeitslosenquoten sind gestiegen. Am Westbalkan konnten bisher größere Entlassungswellen zumeist verhindert werden (außer in Serbien), diese könnten aber in naher Zukunft erfolgen.

Die Verschlechterungen am Arbeitsmarkt zusammen mit der anhaltenden Kreditverknappung dämpfen den Konsum der privaten Haushalte fast überall (Ausnahmen sind die GUS-Länder und die Türkei).

Ausfälle bei Steuereinnahmen

Das jüngste Anwachsen der Budgetdefizite in den MOSOEL ist in erster Linie auf rezessionsbedingte Ausfälle der Steuereinnahmen und nicht auf eine Ausweitung der Staatsausgaben zurückzuführen. Allerdings wird das Finanzieren der steigenden Defizite unter den derzeitigen Bedingungen – nach der Griechenlandkrise – immer schwieriger. Damit stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit der öffentlichen Haushalte. Die geplanten Budgetkonsolidierungen würden das schwache Aufkeimen der heimischen Nachfrage in vielen MOSOEL (insbesondere in den NMS) zusätzlich bremsen.

Eine dauerhafte Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen und die anhaltende Notwendigkeit, den Verschuldungsgrad abzubauen, werden in den nächsten Jahren höchstwahrscheinlich zu einer Verlangsamung der Kapitalflüsse in den MOSOEL führen. Darüber hinaus können, ebenfalls als Folge der Krise, dauerhaft niedrige Beschäftigungsniveaus zu einem Verlust an Humankapital führen.

Die prognostizierten niedrigeren Wachstumsraten dürften auch einen Einfluss auf die langfristigen Konvergenzaussichten der Region haben. Als Folge der Krise könnten die MOSOEL im Durchschnitt fast ein Jahrzehnt im Aufholprozess verlieren.

Autoren: Vasily Astrov, Mario Holzner, Kazimierz Laski, Leon Podkaminer u.a.

Der Text basiert auf der neuen Ausgabe des Berichts wiiw Current Analyses and Forecasts“, Nr. 6, mit dem Titel „Will Exports Prevail over Austerity?“, den das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) soeben veröffentlicht hat. Der Bericht enthält einen Überblick über die aktuelle Wirtschaftslage in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas mit

· einem Überblicksartikel über Entwicklungen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, in den Ländern des Westbalkans und in der Türkei sowie in ausgewählten GUS-Ländern

· 21 kurzen Länderberichten inklusive einem Bericht zu China

· einer Prognose der mittelfristigen wirtschaftlichen Entwicklung 2010-2012

· einer Diskussion über „längerfristige Wachstumsaussichten für die MOEL-Länder“ nach der Krise

· einem Anhang mit den wichtigsten Kennzahlen zur Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder.

Die komplette Studie hat 164 Seiten inkl. 30 Tabellen und 33 Abbildungen. Verfügbar in Druckversion (80 Euro) sowie in elektronischer Form (PDF, 65 Euro) über die wiiw-Website www.wiiw.ac.at. (Einzelne Länderberichte sind in PDF zu 10 Euro erhältlich.)

Bestellungen sind auch per E-Mail an koehrl@wiiw.ac.at sowie per Fax an +43 1 533 66 10-50 möglich.