Europas jugendliche „TikTok-Terroristen“ haben Taylor Swift im Visier

Der vereitelte dschihadistische Terroranschlag auf die Konzerte von Taylor Swift in Wien verdeutlicht die zunehmende terroristische Bedrohung durch radikalisierte europäische Teenager. Experten führen diese Entwicklung auf die sozialen Medien zurück.

Euractiv.com
Taylor Swift | The Eras Tour – Munich, Germany
Beobachter und Internetnutzer haben einen Zusammenhang zwischen den islamistischen Angriffen auf ihre Konzerte und ihrer Beliebtheit bei Frauen und Mädchen hergestellt. [Thomas Niedermueller/TAS24/Getty Images for TAS Rights Management]

Der vereitelte dschihadistische Terroranschlag auf die Konzerte von Taylor Swift in Wien verdeutlicht die zunehmende terroristische Bedrohung durch radikalisierte europäische Teenager. Experten führen diese Entwicklung auf die sozialen Medien zurück.

Am Mittwoch (7. Juli) wurden die geplanten Auftritte des US-Popstars Taylor Swift in Wien im Rahmen ihrer weltweiten ‚Eras Tour‘ abgesagt. Im Vorhinein hatten österreichische Behörden Pläne für einen Terroranschlag aufgedeckt.

Die Polizei hat inzwischen zwei Verdächtige festgenommen. Einer bekannte sich zum Islamischen Staat und gestand, einen Selbstmordanschlag in der Nähe des Konzertortes geplant zu haben, teilte das österreichische Innenministerium mit.

Die festgenommenen Teenager im Alter von 19 und 17 Jahren deuten nach Ansicht von Experten auf einen europaweiten Trend zur Radikalisierung junger Menschen über soziale Medien hin.

„Dschihadistische Anschläge und Anschlagspläne haben in den letzten zehn Monaten dramatisch zugenommen“, schrieb Peter Neumann, Sicherheitsexperte am King’s College London, auf X.

„Fast zwei Drittel der Tatverdächtigen waren Teenager – wie auch jetzt in Wien, zum Teil aber noch viel jünger“, schrieb er und nannte es eine „Entwicklung, die ganz Europa betrifft.“

Österreichische Medien berichteten über Parallelen zu mehreren kürzlich vereitelten Anschlägen im Land, die Jugendlichen zugeschrieben werden.

Neumann wies auf Verbindungen zwischen den Anschlägen und der Nutzung sozialer Medien hin. Seit Oktober 2023 hatten 15 von 27 versuchten oder erfolgreichen Anschläge in Westeuropa seiner Darstellung zufolge mit der Radikalisierung von Jugendlichen im Internet zu tun.

„Ich nenne sie ‚TikTok-Dschihadisten‘, obwohl es nicht nur TikTok ist“, betonte Neumann. Er bezog sich dabei auch auf die jungen Nutzer anderer Videoplattformen und ihren Umgang mit algorithmusbasierten Inhalten, wobei er auch den verschlüsselten Chatdienst Telegram erwähnte.

Die eigenen Community-Richtlinien von TikTok verbieten Beiträge, die gewalttätige, extremistische Organisationen fördern oder unterstützen. Euractiv hat TikTok um einen Kommentar gebeten, doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag noch keine Antwort vor.

Taylor Swift hat mit mehr als einer halben Milliarde Followern auf verschiedenen Plattformen eine enorme Präsenz in den sozialen Medien. Beobachter und Internetnutzer haben einen Zusammenhang zwischen den islamistischen Angriffen auf ihre Konzerte und ihrer Beliebtheit bei Frauen und Mädchen hergestellt.

Sie ist nicht der einzige Popstar, der in Europa ins Visier geraten ist. Im Mai 2017 tötete ein Selbstmordattentäter bei einem Konzert des US-Popstars Ariana Grande in Manchester, Großbritannien, 21 Menschen, überwiegend Frauen und Mädchen.

Behörden in Alarmbereitschaft

Europas Behörden sind sich der Terrorgefahr, die von Teenagern und der Nutzung sozialer Medien ausgeht, schon lange bewusst.

Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, warnte im Juni bei einem Briefing über Sicherheitsbedrohungen für die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland ausdrücklich vor diesem Trend.

„Die letzten vier, fünf Aktionen in Nordrhein-Westfalen waren alles 14-, 15-, 16-Jährige“, sagte der ehemalige Europaabgeordnete vor Journalisten.

Chat-Dienste und soziale Medien ermöglichen die Bildung von Netzwerken in ganz Europa, fügte Reul hinzu. In einem aktuellen Fall wurde aufgedeckt, dass vier deutsche Jugendliche, denen die Planung eines islamistischen Bombenanschlags vorgeworfen wird, Kontakt zu jugendlichen Verdächtigen in einem ähnlichen Fall in der Schweiz hatten.

Reul betonte die Notwendigkeit neuer gesetzlicher Befugnisse zur Überwachung von Online-Aktivitäten: „Wir brauchen heute mehr Informationen über das, was im Netz passiert, weil im Netz die Vorbereitung passiert.“

Kämpfen gegen Windmühlen

Die Europäische Kommission hat die Verbreitung von illegalen oder gewalttätigen Inhalten auf Plattformen wie TikTok bereits mit dem im letzten Jahr in Kraft getretenen Gesetz über digitale Dienste (DSA) ins Visier genommen.

Das Gesetz und die EU-Anti-Terrorismus-Gesetzgebung verlangen von den Plattformen, die Verbreitung solcher Inhalte einzudämmen, indem sie problematisches Material bereinigen und entfernen. Dies ist angesichts der riesigen Mengen an Inhalten nach wie vor eine Herausforderung. TikTok hat allein im ersten Quartal 2024 mehr als 150 Millionen Videos entfernt.

Derzeit untersucht die Kommission mögliche Verstöße von TikTok gegen das Gesetz über digitale Dienste in mehreren Bereichen, darunter illegale Inhalte und Kinderschutz. In dieser Woche hat sie einen weiteren Fall beigelegt, in dem TikTok ein Belohnungsprogramm zurückziehen musste, das als süchtig machend eingestuft wurde.

[Bearbeitet von Oliver Noyan/Eliza Gkritsi/Rajnish Singh/Kjeld Neubert]