Europäische Autometropolen fürchten Folgen von Klimaschutzmaßnahmen
Europas Autoregionen wissen, dass die Dekarbonisierung die traditionelle Automobilindustrie hart treffen und zum Verlust Tausender von Arbeitsplätzen führen wird. Für sie geht es jetzt darum, wie der Schaden begrenzt werden und wie die EU dabei helfen kann.
Europas Autoregionen wissen, dass die Dekarbonisierung die traditionelle Automobilindustrie hart treffen und zum Verlust Tausender von Arbeitsplätzen führen wird. Für sie geht es jetzt darum, wie der Schaden begrenzt werden und wie die EU dabei helfen kann.
Auf einer Konferenz des Ausschusses der Regionen, die am 22. Mai in Brüssel stattfand, trafen sich Experten und Industrievertreter aus den 36 Regionen der „Allianz der Automobilregionen.“ Diese Gruppe befasst sich mit der Frage, wie die Regionen der Automobilindustrie mit der CO2-Reduzierung in Europa umgehen können.
Für diese Regionen ist die Zukunft der europäischen Automobilproduktion von entscheidender Bedeutung.
„Die Automobilindustrie […] erwirtschaftet mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU und beschäftigt rund 13,8 Millionen Menschen, was zu erheblichen Multiplikatoreffekten in den Zulieferindustrien führt“, erklärte Emil Boc, Vorsitzender der Fachkommission für Kohäsionspolitik und EU-Haushalt des Ausschusses der Regionen und Bürgermeister der rumänischen Stadt Cluj-Napoc.
Ein gerechter Übergang für die Automobilindustrie
Im Vorfeld der Europawahlen im Juni konzentrieren sich alle Parteien der Mitte auf die neuen Wirtschafts- und Beschäftigungsmöglichkeiten, die sich aus den Klimaschutzmaßnahmen des Kontinents ergeben werden. Der Übergang birgt sowohl Risiken als auch Chancen für die europäischen Automobilhersteller.
In den letzten Jahrzehnten haben sich die europäischen Automobilhersteller stark auf die Perfektionierung des Verbrennungsmotors konzentriert. Diese Innovationen werden mit den CO2-freien Elektrofahrzeugen nun redundant. Umgekehrt sind Elektroautos in hohem Maße von Batterien abhängig, wo andere globale Akteure, wie beispielsweise China, eine starke Marktmacht aufgebaut haben.
Rico Chmelik, Geschäftsführer von Automotive Thüringen, einem Zusammenschluss der Automobilzulieferer in Ostdeutschland, konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf die Auswirkungen den Wandel zur Elektromobilität in Bezug auf Beschäftigung und Industrie.
So würden Analysen zeigen, dass Elektroautos weniger Teile benötigten als Verbrennungsmotoren. Einige bestehende Autoteile könnten beibehalten oder modifiziert werden, aber in vielen Fällen sei eine völlig neue Technologie erforderlich. Teile, die derzeit von europäischen Unternehmen hergestellt werden, würden nicht mehr benötigt.

Quelle: Vehicle parts structure transformed by electromobility, Chemnitz Automotive Institute (CATI), automotive thuringia, 2019
Am deutlichsten wird dies im Bereich des Antriebsstrangs, wo nur 16 Prozent der bestehenden Komponenten beibehalten werden können.
Chmelik vertrat die Auffassung, dass es in den Bereichen Innenraum, elektrische und elektronische Systeme noch Wachstumspotenzial gebe. Er räumte jedoch ein, dass die Auswirkungen des Übergangs zu Elektroautos auf die Beschäftigung für die meisten Landkreise in Thüringen überwiegend negativ sein werden.

Quelle: Impacts of electromobility effects on employment at local level in Thuringia, Chemnitz Automotive Institute (CATI), automotive Thuringia, 2020
Benjamin Frieske, Wissenschaftler am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), stellte eine Studie vor, die sich mit den Auswirkungen der Elektrifizierung von Autos auf Wertschöpfung und Beschäftigung in Baden-Württemberg beschäftigt.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in dem Bundesland bis 2030 zwischen acht und 14 Prozent der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie verloren gehen werden. Bis 2040 sollen es sogar 30 Prozent der Arbeitsplätze sein. Dies entspricht einem Verlust von 155.000 Arbeitsplätzen.
Widerstand gegen das Verbrenner-Aus
Diese düsteren Aussichten erklären zum Teil, warum nicht alle Regionen akzeptieren, dass der Sektor vollständig auf Elektrofahrzeuge umgestellt werden muss. Vertreter der italienischen Regionen Abruzzen und Lombardei verwiesen insbesondere auf das De-facto-Verbot von Verbrennungsmotoren in der EU, das ab 2035 in Kraft treten wird.
„Unsere Zukunft kann nicht nur elektrisch sein“, erklärte der Präsident der Region Abruzzen, Marco Marsilio. Er verwies auf „die anfälligsten Bürger, die sich keine Elektrofahrzeuge leisten können.“
Auch Guido Guidesi, Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Lombardei, verteidigte „die Nutzung verschiedener Energiequellen, einschließlich Biokraftstoffen“ als „grundlegend für die Erreichung der von der EU gesetzten Umweltziele und gleichzeitig auch für die soziale und wirtschaftliche Stabilität unserer Gebiete.“
Bei der endgültigen Festlegung des Ausstiegs aus dem Verbrennungsmotor ist die EU-Kommission in letzter Minute einer Forderung Deutschlands nachgekommen. Sie ließ die Möglichkeit offen, die Technologie auch nach 2035 zu nutzen, sofern die Motoren ausschließlich mit CO2-neutralen Kraftstoffen betrieben werden.
Italien beantragte eine parallele Ausnahme für Biokraftstoffe, was die Kommission jedoch ablehnte, da sie solche Kraftstoffe nicht als CO2-neutral ansieht.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]