Europa rüstet Ukraine zunehmend aus neuer Produktion statt Beständen
Europa liefert seine Militärhilfe für die Ukraine zunehmend aus neuer Produktion statt aus Depots – ein deutlicher Strategiewechsel, wie aktuelle Daten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft zeigen.
Europa liefert seine Militärhilfe für die Ukraine zunehmend aus neuer Produktion statt aus Depots – ein deutlicher Strategiewechsel, wie aktuelle Daten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft zeigen.
Der Wandel vollzieht sich, während die europäische Verteidigungsindustrie ihre Produktion weiter ausbaut und die USA unter Präsident Donald Trump begonnen haben, Waffen an die Ukraine zu verkaufen, statt neu produziertes Gerät als Militärhilfe zu spenden.
„Europa hat inzwischen mehr über neue Rüstungsverträge beschafft als die Vereinigten Staaten – das markiert einen klaren Wechsel weg vom Abzug aus Depots hin zur industriellen Fertigung“, sagte Taro Nishikawa, Leiter des Ukraine Support Tracker am Kiel Institut.
Laut Institut entfielen im Mai und Juni mindestens 4,6 Milliarden Euro der insgesamt 10,5 Milliarden Euro an europäischer Militärhilfe für die Ukraine auf solche Beschaffungen. Die Zahlen umfassen sowohl die EU als auch das Vereinigte Königreich, Norwegen, die Schweiz und Island.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in vollem Umfang 2022 hätten europäische Produzenten Militärgüter und Munition im Wert von insgesamt 35,1 Milliarden Euro neu gefertigt und geliefert, so die Berechnungen des Instituts.
Zum Vergleich: Aus den USA kamen im gleichen Zeitraum Waffenlieferungen aus der laufenden Produktion im Wert von 30,7 Milliarden Euro als Militärhilfe.
„Erstmals seit Beginn der Trump-Administration genehmigten die USA im Mai wieder größere Rüstungsexporte in die Ukraine – allerdings nicht als Militärhilfe“, so das Institut. „Es handelt sich vielmehr um Verkäufe, die Kyjiw selbst finanzieren muss.“
Die europäischen Staaten setzen derweil verstärkt auf Beschaffungsverträge mit Rüstungsfirmen, da bestehende Lagerbestände aufgebraucht sind und die Waffenfabriken ihre Kapazitäten angesichts der hohen Nachfrage deutlich ausgebaut haben.
Im Jahr 2024 entfielen 59 Prozent der europäischen Militärhilfe für die Ukraine auf Lieferungen aus Beschaffungsverträgen – ein sprunghafter Anstieg gegenüber nur 11 Prozent im Jahr 2022, wie eine frühere Analyse des Instituts zeigte.
Spitzenreiter und Nachzügler
Deutschland führt die Rangliste der europäischen Geberländer mit 16,5 Milliarden Euro Militärhilfe an, gefolgt vom Vereinigten Königreich mit 13,8 Milliarden Euro und Dänemark mit 9,16 Milliarden Euro, so der Ukraine Support Tracker.
Die Bundesregierung hat ihre finanzielle Unterstützung für Kyjiw in den vergangenen Monaten weiter aufgestockt – darunter ein im Mai angekündigtes Paket in Höhe von 5 Milliarden Euro für militärische Hilfe. Dieses umfasst auch die Finanzierung der Produktion von Langstreckenwaffensystemen in der Ukraine.
Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und Sitz einiger der größten europäischen Rüstungskonzerne, liegt mit 5,96 Milliarden Euro nur auf Rang sechs. Präsident Emmanuel Macron hatte im März ein Hilfspaket im Wert von 2 Milliarden Euro angekündigt, darunter Panzerabwehrraketen, Luftabwehrsysteme, Lenkflugkörper für Kampfflugzeuge, Munition sowie die Fertigung von Rüstungsgütern in der Ukraine.
In den kommenden Monaten könnten weitere europäische Verträge für Waffenlieferungen an die ukrainischen Streitkräfte abgeschlossen werden, da EU-Staaten auf das neue SAFE-Militärbeschaffungsprogramm der Europäischen Kommission zugreifen wollen. Der Kreditrahmen beläuft sich auf 150 Milliarden Euro und soll Kyjiws Verteidigungsanstrengungen unterstützen.
Mehrere Staaten haben bereits Interesse bekundet, SAFE-Mittel zu nutzen. Bulgarien – eines der wenigen Länder, das seine SAFE-Ausgabenpläne bislang öffentlich gemacht hat – will demnach mit geliehenem SAFE-Geld 155-Millimeter-Artilleriegeschosse für die Ukraine beschaffen, über gemeinsame Verträge mit anderen EU-Staaten.
Die Mitgliedstaaten haben bis Ende November Zeit, ihre detaillierten SAFE-Ausgabenpläne bei der Kommission einzureichen.
(bts, jp, jl)