Europa braucht kein US-Gas, könnte es aber trotzdem kaufen

Geht es nach US-Präsident Donald Trump, dann sollen die EU-Länder von den USA geliefertes Gas kaufen. Es gibt Gründe, warum die Europäer in das in Erwägung ziehen könnten – aber jeder dieser Gründe hat seinen Preis.

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Mit noch frischen Erinnerungen an Russlands Gaslieferkürzungen und dem Wissen von Trumps transaktionalem Ansatz werden europäische Staats- und Regierungschefs eine übermäßige Abhängigkeit von US-Gas vermeiden wollen.  [Jon Shapley/Houston Chronicle via Getty Images]

Geht es nach US-Präsident Donald Trump, dann sollen die EU-Länder von den USA geliefertes Gas kaufen. Es gibt Gründe, warum die Europäer in das in Erwägung ziehen könnten – aber jeder dieser Gründe hat seinen Preis.

Auf den ersten Blick scheinen das US-Angebot und die europäische Nachfrage nach Flüssigerdgas (LNG) wie füreinander geschaffen zu sein.

„Wir beziehen immer noch viel LNG aus Russland – warum ersetzen wir es nicht durch US-LNG, das für uns günstiger ist und unsere Energiepreise senkt?“ schlug EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kurz nach Donald Trumps Wiederwahl vor.

Der „Make-America-Great-Again“-Präsident hat der EU ‚empfohlen‘, LNG zu kaufen, um das Handelsdefizit mit den USA zu reduzieren. Er deutete an, dass dies der Vermeidung von Zöllen helfen könnte.

Aus rein politischer Sicht „wäre es eine durchaus sinnvolle Strategie“ auf Trump zuzugehen, sagte Ben McWilliams, Analyst des in Brüssel ansässigen Think-Tanks Bruegel.

Hat Europas LNG-Boom seinen Zenit überschritten?

McWilliams’ Forschung zu europäischen Erdgasimporten lässt ein komplexeres Bild vermuten.

Zunächst gibt es die europäische Nachfrage nach Gas.

Während der Energiekrise im Jahr 2022, als Russland die Gaslieferungen nach Europa reduzierte, füllten Importe von US-LNG die Lücke. Fabriken konnten weiterarbeiten und Häuser blieben geheizt.

Bis heute machen US-Exporte fast 50 Prozent der LNG-Importe in die Europäische Union aus. Seit Anfang des Jahres 2022 sind die Mengen relativ stabil geblieben.

Trotz der US-amerikanischen Dominanz der europäischen LNG-Importe bleiben die USA – wenn man Pipeline-Verträge einbezieht – nur einer von vielen Anbietern. Insgesamt machen sie weniger als ein Fünftel der gesamten EU-Gasimporte aus. Norwegische Gasimporte beispielsweise sind mehr als doppelt so hoch wie die der USA.

Im Einklang mit den EU-Klimazielen für das Jahr 2030 soll der Gasverbrauch weiter zurückgehen. Seit dem Jahr 2022 ist der EU-Gasverbrauch bereits um 13,3 Prozent gesunken – davon allein im Jahr 2023 um 7,4 Prozent.

Im Jahr 2024 gingen die LNG-Importe in die EU im Vergleich zum Vorjahr zurück. Die Terminal-Netzwerke entlang der europäischen Küste waren nicht ausgelastet.

Teilweise lässt sich der Rückgang durch warme Winter und eine geschwächte Wirtschaft in den meisten europäischen Staaten erklären. Gleichzeitig hat sich der europäische Übergang zu erneuerbaren Energien aber auch schneller als erwartet beschleunigt.

Das veranlasst einige Mitgliedsstaaten dazu, ihre Ausbaupläne noch einmal zu überdenken. Doch selbst wenn die Pläne umgesetzt werden sollten, wird die europäische Kapazität zur LNG-‚Regasifizierung‘ voraussichtlich erst im Jahr 2028 ihren Höhepunkt erreichen. Bei der Regasifizierung wird das schiffstaugliche LNG in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Deutschland steht sinnbildlich für Europas LNG-Boom aus dem Jahr 2022: Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der daraus resultierender Energiekrise hatte die Bundesrepublik vier schwimmende Terminals eingerichtet. Mit derzeitigen Auslastungen von 0 bis 64 Prozent arbeiten sie weit unter Kapazität. Trotz der schwachen Nachfrage beharrt Berlin darauf, dass die Terminals „einen wichtigen Beitrag zur Preisstabilität“ geleistet haben, wie Stefan Wenzel, ein hoher Beamter im Wirtschaftsministerium, es ausdrückte.

Die Angebotsseite gibt es auch noch:

Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert bis Ende des Jahrzehnts ein globales Überangebot. Bis zum Jahr 2030 sollen 50 Prozent mehr LNG auf Schiffen rund um den Globus schippern, angetrieben durch Produktionsausweitungen in den USA und Katar.

Wie teuer ist Harmonie?

Durch eine stärker diversifizierte Gasversorgung, sinkender Nachfrage und einem wachsenden globalen Angebot ist die Verhandlungsposition Europas in Sachen Gas deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren.

Aber die transatlantische Beziehung ist ein komplexes Unterfangen.  Europäische Staats- und Regierungschefs werden viele Faktoren einbeziehen, die Anreize für eine engere Energiebeziehung mit den USA bieten könnten. Sie wissen, welche persönliche und politische Bedeutung Energieexporte nach Europa für Trump spielen.

An zentraler Stelle stehen Trumps Zollandrohungen. Für Deutschland und die EU sind die USA der wichtigste Handelspartner. Zölle würden europäische Industrien, wie den ohnehin angeschlagenen Automobilsektor, schwer treffen.

Auch das Thema Verteidigung spielt eine große Rolle. Trumps ambivalente Haltung zu Ukraine und NATO ist bekannt, ebenso die Forderungen, dass NATO-Partner ihren fairen Anteil zahlen sollen.

Für die EU-Regierungschefs könnten einige LNG-Verträge mit den USA wie ein angemessener Preis für harmonischere Beziehungen mit dem neuen US-Präsidenten erscheinen.

Zwischen Klimasorgen und neuen Abhängigkeiten

Umweltbelastungen durch LNG sorgen in Europa für Bedenken. LNG sei genauso umweltschädlich wie Kohle, wenn entlang der Lieferkette mehr als 4,7 Prozent des Gases entweichen, fand der Think-Tank RMI heraus. Obwohl die Daten noch nicht vollständig vorliegen, wird berichtet, dass in der Hauptproduktionsregion der USA zwischen 3 und 9 Prozent des Gases in der Produktion entweichen.

Das ist wichtig, denn: Die neue EU-Methanverordnung wird in Zukunft Gaslecks bewerten. Die EU-Kommission muss die Grenzwerte bis zum Jahr 2029 bestimmen. Ab dem darauffolgenden Jahr sollen ‚schmutzige‘ LNG-Importe entsprechend sanktioniert werden.

Mit noch frischen Erinnerungen an Russlands Gaslieferkürzungen und dem Wissen von Trumps transaktionalem Ansatz werden europäische Staats- und Regierungschefs eine übermäßige Abhängigkeit von US-Gas vermeiden wollen.

Würde man Trumps Köder schlucken, wäre das laut Vizekanzler und Wirtschaftsminister Robert Habeck eine „Wiederholung geopolitischer Abhängigkeit“. „Wir brauchen uns nicht herumschubsen zu lassen“, sagte er.

Trump ist jedoch nicht die einzige Hürde in Bezug auf Umweltstandards. Im Dezember drohte Katar, die Gaslieferungen in die EU einzustellen, sollten die Mitgliedstaaten die Richtlinie über die Nachhaltigkeitspflichten von Unternehmen (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD) strikt anwenden. Die Richtlinie soll im Jahr 2027 in Kraft treten.

Weitere LNG-Lieferungen sind seit langem geplant

Was bedeutet das für Europa? Der Kontinent ist auf eine günstige und stabile Energieversorgung aus, aber muss gleichzeitig die wichtige transatlantische Beziehung im Blick behalten.

Ben McWilliams von Bruegel verweist auf mehrere LNG-Exportterminals in den USA und Katar, die in naher Zukunft in Betrieb gehen sollen.

Alex Froley, Senior-LNG-Analyst beim Rohstoff-Informationsdienst ICIS, erwartete keine großen kurzfristigen Veränderungen. Ein Großteil der bestehenden LNG-Produktion der USA sei in langfristigen Verträge gebunden.

„Langfristig ist die EU bereits darauf eingestellt, mehr US-LNG abzunehmen. Präsident Trumps Vorstöße zur Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für neue Projekte werden jedoch die Lieferzeiten verkürzen“, sagt er.

Mit anderen Worten: Europa steht bereits in den Startlöchern für die Abnahme von mehr US-LNG. Ob US-Produzenten jedoch bereit sind, noch mehr Gas in einen zunehmend gesättigten Markt über den Atlantik zu verschiffen, ist eine andere Frage.

[AB/MK/VB]