Identitätskrise des Euro: Beethoven oder Vögel?
Im April wird eine Jury aus Designern und Experten zehn Designvorschläge der neuen EU-Banknoten auswählen und ihre Meinung zu zwei konkurrierenden Visionen darüber abgeben, was als Nächstes gedruckt werden soll.
Die EU gestaltet die Banknoten ihrer Einheitswährung neu und stößt dabei auf die wohl heikelste aller Fragen: Was genau ist Europa?
Nach fünfjähriger Arbeit geht die Europäische Zentralbank (EZB) in die letzte Phase einer Neugestaltung, bei der die bisherigen Brücken und Architekturstile ersetzt werden, die die Banknoten seit ihrer Einführung im Jahr 2002 geprägt haben.
Das aktuelle Design sollte nie reale Orte darstellen. Jede Banknote verweist auf eine andere architektonische Epoche, während die Brücken bewusst fiktiv waren, um Fairness zu gewährleisten. Europa wurde als Idee dargestellt, als Verbindung ohne Grenzen.
Nun wünscht sich die EZB etwas Greifbareres. Und die Neugestaltung von Bargeld mag angesichts der zunehmenden Zahl von Kontaktlos- und Chipkartenzahlungenals seltsame Priorität erscheinen. Doch die EU hat, wie es ihre Art ist, noch nie ein gutes Symbol verschwendet. Und wenn es eine Sache gibt, in der Brüssel noch immer etwas hervorbringen kann, das Vertrauen erweckt, dann ist es Bedeutung.
Im April wird eine Jury aus Designern und Experten zehn Designvorschläge auswählen und ihre Meinung zu zwei konkurrierenden Visionen darüber abgeben, was als Nächstes gedruckt werden soll. Die eine orientiert sich an der Kultur und ist in ihrer gewählten Darstellung unverhohlen menschlich. Die sechs Banknoten könnten europäische Persönlichkeiten neben Alltagsszenen auf öffentlichen Plätzen, in Bibliotheken und in der Musik zeigen.
Auf der vorgeschlagenen Vorderseite der 10-Euro-Note ist der deutsche Komponist Ludwig van Beethoven abgebildet, dessen Musik zur EU-Hymne wurde. Auf der 20-Euro-Note ist die polnisch-französische Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Curie, geborene Skłodowska, zu sehen.

Bildnachweis: Getty Grafik von Euractiv. Das Bild stellt nicht das zukünftige Design dar. In der Reihenfolge: Maria Callas (5 €), Ludwig van Beethoven (10 €), Miguel de Cervantes Saavedra (50 €), Marie Curie (geb. Skłodowska) (20 €), Leonardo da Vinci (100 €), Bertha von Suttner (200 €).
Die andere Alternative, Flüsse und Vögel, wendet sich der Natur und den Institutionen zu. Jede Banknote verbindet eine europäische Landschaft mit einem Vogel – einen Mauerläufer in den Bergen oder einen Eisvogel an einem Wasserfall – sowie einer der EU-Institutionen.
Den meisten europäischen Lesern werden die meisten Vögel und Flüsse unbekannt sein, wenn auch wohl nicht mehr als die Institutionen, mit denen sie gepaart sind. Auf der 20-Euro-Banknote ist die EZB selbst abgebildet, auf der 50-Euro-Banknote der Europäische Gerichtshof und auf der 100-Euro-Banknote der Europäische Rechnungshof.

Bildnachweis: Getty Images. Grafik von Euractiv. Das Bild stellt nicht das zukünftige Design dar. In der Reihenfolge: Mauerläufer (5 €), Eisvogel (10 €), Bienenfresser (20 €), Weißstorch (50 €), Säbelschnäbler (100 €), Basstölpel (200 €).
Als die Neugestaltung 2021 erstmals angekündigt wurde, verspotteten Nutzer in den sozialen Medien die EZB schnell dafür, dass sie sich auf Ästhetik konzentriere, während die Haushalte mit steigenden Lebenshaltungskosten und stagnierenden Löhnen zu kämpfen hätten. Schöner gestaltete Banknoten, so das Argument, würden Lebensmittel nicht billiger machen.
Doch die Verteidigung der EZB für die Neugestaltung greift auf ein eher ungewöhnliches Gebiet zurück: die Neurowissenschaften, also die Frage, wie das Gehirn Ihre Wahrnehmungen und Überzeugungen beeinflusst.
Juan Lupiáñez Castillo, Jurymitglied und Professor für experimentelle Psychologie und kognitive Neurowissenschaften an der Universität Granada, erklärt gegenüber Euractiv, dass Farbe, Größe und Textur einem sofort verraten,was man in der Hand hält.
Diese sofortige Erkennung, so sagt er, sei es, was „Vertrauen“ schaffe. Bargeld könne zwar bedauerlicherweise in der Waschmaschine landen, werde aber auch angefasst, in die Tasche gesteckt und über Grenzen hinweg getauscht.
„Geld ist wie eine Flagge“, sagt Lupiáñez. Und wie bei jeder Flagge gilt: Je öfter man sie sieht, desto mehr steht sie für etwas Größeres, wie Wert oder ein gemeinsames System.
Die Vorstellung, dass ein Stück Papier das Vertrauen in eine ganze Union verankern kann, mag wie ein Selbsthilfe-Podcast klingen, der darauf besteht, dass man seine Realität einfach durch Willenskraft erschaffen kann. Und doch funktioniert es. Durch die Feinabstimmung der technischen Details machen Designer Bargeld „zugänglich“ und „inklusiv“, sagt Lupiáñez, „insbesondere für Menschen mit Seh- oder kognitiven Beeinträchtigungen“. Oder wohl auch für jeden, der schon einmal eine Sekunde zu lange an der Kasse gezögert hat.
Der Euro weist bereits diese inklusiven Merkmale auf: Ein 5-Euro-Schein ist kleiner als ein 200-Euro-Schein, die Farben variieren und die Texturen ändern sich. Aber das Redesign geht noch einen Schritt weiter, fügt Lupiáñez hinzu.
Lücken schließen
Das Argument der Greifbarkeit lässt Zugehörigkeit auch physisch spürbar werden. Im Jahr 2011 machte sich ein lokales Projekt in Spijkenisse, einer niederländischen Stadt vor den Toren Rotterdams, daran, den Euro buchstäblich real werden zu lassen.
Der Künstler Robin Stam nahm die fiktiven Brücken, die derzeit auf den Banknoten abgebildet sind, und erweckte sie zum Leben, indem er verkleinerte Versionen davon über das Kanalnetz der Stadt verteilte, wobei jede in der Farbe ihres jeweiligen Geldscheins gestrichen war.
Der Gedanke dahinter war erfrischend bodenständig. Das Projekt hatte nicht zum Ziel, eine Vergangenheit nachzubilden, die nie existiert hat. Das Ziel war es, „Charakter dort hinzuzufügen, wo es nicht viel gab, um die Stadtviertel ein bisschen wärmer und lebendiger wirken zu lassen“, erklärte der stellvertretende Bürgermeister Chris Hottentot gegenüber Euractiv.
Die Stadtverwaltung unterstützte das Projekt auch, weil es die Stadt für die Menschen, die dort leben, lebenswerter machte und, wie er es ausdrückte, ein bisschen „Spaß“ hinzufügte. Überträgt man diese Logik auf eine größere Ebene, wird das Ziel der Neugestaltung deutlicher, während die EZB damit direkt wieder in das zentrale Dilemma gerät.
Gibt man der Eurozone und ihren 21 Mitgliedern ein menschliches Gesicht, lädt man zu einer Debatte ein. Welche Nationalität und welche Geschichten werden abgebildet, und welche bleiben außen vor? Schließlich gibt es nur sechs Banknoten. Die EZB argumentiert, dass alle ausgewählten Persönlichkeiten wahrhaft europäisch sind und Teil einer gemeinsamen Geschichte, da ihr Wirken den Kontinent auf die eine oder andere Weise geprägt hat.
Entscheidet man sich stattdessen für Natur und Institutionen, tritt die Politik in den Hintergrund. Vögel und Flüsse betreiben keine Lobbyarbeit und beschweren sich nicht. Sie überschreiten mühelos Grenzen. Sie sind in vielerlei Hinsicht die perfekten Europäer, die sich im Schengen-Raum frei bewegen. Aber sie können auch distanziert und leicht zu vergessen wirken.
Der nächste Schritt ist nun eine Entscheidung der Jury noch vor dem Sommer, gefolgt von einer öffentlichen Konsultation zu den Präferenzen der Bürger, bevor das Leitungsgremium der EZB Ende 2026 die endgültige Entscheidung trifft. Eines ist sicher: Die Neugestaltung soll Europa widerspiegeln, zeigt aber auch, wie schwierig das immer noch ist.
(bw, jp)