Eukalyptus: Portugals Nachhaltigkeitsdilemma
Portugals riesige Eukalyptuswälder sind einerseits essenziell für die europäische Papierindustrie. Mit der klimatischen Erwärmung des Landes stellen diese leicht entzündlichen Bäume jedoch eine wachsende Bedrohung für die Menschen und die Artenvielfalt dar.
Portugals riesige Eukalyptuswälder sind einerseits essenziell für die europäische Papierindustrie. Mit der klimatischen Erwärmung des Landes stellen diese leicht entzündlichen Bäume jedoch eine wachsende Bedrohung für die Menschen und die Artenvielfalt dar.
Portugal ist das europäische Land, das in den letzten zehn Jahren am stärksten von Bränden betroffen war. Zwischen 2009 und 2021 brannten durchschnittlich mehr als 80.000 Hektar pro Jahr.
Das Land auf der Iberischen Halbinsel erlebte 2017 ein besonders schlimmes Jahr, in dem 66 Menschen bei Bränden im Kreis Pedrógão Grande ums Leben kamen.
„Die Verwendung von exotischen, feueranfälligen Bäumen [wie Eukalyptus] zur Aufforstung im Rahmen von Baumpflanzungsprogrammen in einem sich erwärmenden und austrocknenden Klima kann buchstäblich fehlzünden, wobei CO2 freigesetzt wird, und gleichzeitig lokale Tragödien und ökologische Schäden drohen“, sagte Yadvinder Singh Malhi, Professor für Ökosystemwissenschaften an der Universität Oxford, gegenüber der Tageszeitung The Guardian.
Die ursprünglich aus Australien stammenden Eukalyptusbäume machen ein Viertel der gesamten Waldfläche Portugals aus und bedecken laut der letzten nationalen Waldinventur etwa zehn Prozent des Landes. Eukalyptuszellstoff wird in ganz Europa zur Herstellung von Toilettenpapier, Papierrollen und Alternativen zu Plastik verwendet.
Vorstoß der Bevölkerung zur „Ent-Eukalyptisierung“ Portugals
Im Sommer 2023 protestierten Bürgerinnen und Bürger gegen Eukalyptus in ihren Wäldern und forderten, dass 700.000 Hektar an ungenutzten Eukalyptuswäldern gerodet werden.
Beatriz Xavier, Mitglied des Lenkungsausschusses der Proteste, sagte, die Bevölkerung würden sich vielfältigere und klimaresilientere Wälder wünschen, die auch den Einheimischen die Möglichkeit geben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Zwar gibt alternative Baumarten, diese werde kommerziell jedoch anders genutzt.
In der Algarve, der südlichsten Region Porgutals, werden im Rahmen des Programms Renature Monchique die von Bränden betroffenen Gebiete hauptsächlich mit zwei Baumarten aufgeforstet: der Korkeiche und dem Erdbeerbaum. 54 Prozent der weltweiten Korkproduktion entfallen auf Portugal und die Früchte des Erdbeerbaums werden zur Herstellung des Likörs Aguardente Medronheira verwendet.
Diese einheimischen Bäume verbrauchen nicht so viel Wasser wie Eukalyptus und sind feuerbeständiger. Außerdem können sie industriell verwendet werden, ohne sie fällen zu müssen.
Industrie: „Wir brauchen mehr Eukalyptus“
Das Papierunternehmen Navigator ist der drittgrößte Exporteur Portugals und trägt rund ein Prozent am portugiesischen Bruttoinlandsprodukt bei. Nach Angaben des Unternehmens besteht derzeit ein Mangel an forstwirtschaftlichen Rohstoffen wie Eukalyptus und Kiefer.
„Um nachhaltig zu bleiben, brauchen wir mehr Eukalyptuswälder“, sagte António Redondo, CEO von Navigator, in seiner Rede anlässlich der Feierlichkeiten zum 70-jährigen Bestehen der Fabrik des Unternehmens in der Küstenregion Cacia im Juli 2023.
In seiner Rede kündigte Redondo an, dass in einem neuen Werk jährlich 100 Millionen biologisch abbaubare Verpackungen für den Gastronomie- und Lebensmittelmarkt hergestellt werden sollen.
„Wir werden also zur Entplastifizierung beitragen“, sagte er abschließend und entflammte damit einen Konflikt mit besorgten lokalen Gemeinden und Umweltorganisationen.
Regierung wählt einen Mittelweg
Konfrontiert mit einem Balanceakt zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen und zwischen Industrie und Gemeinden, hat die portugiesische Regierung bisher einen Mittelweg gewählt.
Mit ihrem „Programa de Transformação de Paisagem“ gestaltet sie die von Bränden bedrohten Landschaften Portugals um.
Der Schwerpunkt des Programms liegt auf der Wiederanpflanzung einheimischer Baumarten – Eukalyptus ist also ausgeschlossen.
Für Eukalyptusbäume, die in einem Umkreis von zehn Metern beiderseits von Straßen und in einem Abstand von 100 Metern zu Wohngebieten gepflanzt werden, hat die Regierung außerdem Brandschutzauflagen erlassen.
Während die Regierung ein Verbot für neue Eukalyptusplantagen erlassen hat, gibt es keine Vorschriften für das Fällen bestehender Eukalyptusbäume.
Miguel Jerónimo ist Projektleiter des Renature-Monchique-Programms, in dessen Rahmen seit 2018 384.000 einheimische Bäume auf 1.195 Hektar in Portugal gepflanzt wurden. Angesichts der neu gewählten Mitte-Rechts-Regierung in Lissabon äußerte Jerónimo gegenüber Euractiv die Befürchtung, dass der Fortschritt nicht beibehalten werde.
„Jetzt gibt es eine neue Regierung und eine neue politische Ausrichtung, daher ist noch nicht bekannt, ob die Regierung das Verbot neuer Eukalyptusflächen aufrechterhalten wird oder nicht“, sagte er abschließend.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]