EU wendet sich zunehmend von Peking ab und Taiwan zu

Vor dem Hintergrund der westlichen Kritik an China wegen des eskalierenden Drucks auf das demokratische Taiwan und der engeren Beziehungen zu Russland während der Invasion der Ukraine leidet Pekings Diplomatie in Europa.

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Das tschechische Außenministerium erklärte im Mai, dass das Versprechen großer chinesischer Investitionen und eines für beide Seiten vorteilhaften Handels nicht erfüllt werde, nachdem das Parlament des Landes den Austritt aus dem Format gefordert hatte. [Shutterstock/danielo]

Vor dem Hintergrund der westlichen Kritik an China wegen des eskalierenden Drucks auf das demokratische Taiwan und der engeren Beziehungen zu Russland während der Invasion der Ukraine leidet Pekings Diplomatie in Europa.

Die jüngste Taiwan-Reise der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hat die Spannungen zwischen den USA und China verschärft. Peking lehnt alle Regierungskontakte mit Taiwan ab. Daher haben die USA aus Rücksicht auf Peking bisher nur informelle Beziehungen zu der Insel unterhalten.

Ebenso hat die wachsende Unzufriedenheit mit China neue Möglichkeiten für Taiwan in Mittel- und Osteuropa geschaffen, das die selbstverwaltete Insel zunehmend als ideologischen Verbündeten und strategischen Partner ansieht.

Peking hat die EU und ihre Mitgliedstaaten wiederholt an ihr Versprechen erinnert, das Ein-China-Prinzip einzuhalten und hofft, dass sie sich „jeder Aktion zur Abspaltung Taiwans von China widersetzen werden.“

Dazu kommt, dass die Regierungen vieler osteuropäischer Länder eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber China eingenommen haben.

Erste Anzeichen

Letztes Jahr war Litauen das erste Land in Mittel – und Osteuropa, das aus dem „spaltenden“ chinesischen 17+1-Forum austrat, das 2012 zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen China und Mittel- und Osteuropa (MOE) ins Leben gerufen worden war.

Die Beziehungen zwischen Vilnius und Peking verschlechterten sich, nachdem Litauen Taiwan Ende letzten Jahres erlaubt hatte, eine De-facto-Botschaft im Land zu eröffnen. Daraufhin übte Peking massiv Druck aus, sanktionierte Minister und Handelsbeziehungen.

Nach einem fünftägigen Besuch in Taipeh im August betonte die stellvertretende litauische Ministerin für Verkehr und Kommunikation Agnė Vaiciukevičiūtė die Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Taiwan und unterstützte eine G7-Erklärung, in der die chinesischen Militärübungen rund um die Insel kritisiert wurden.

Als Reaktion auf ihren Besuch kündigte das chinesische Außenministerium am vergangenen Freitag an, dass es „alle Formen der Interaktion“ mit ihrem Ministerium sowie „den Austausch und die Zusammenarbeit mit Litauen im Bereich des internationalen Straßenverkehrs“ aussetzen werde.

Das litauische Ministerium für Wirtschaft und Innovation gab am Mittwoch (17. August) bekannt, dass das Land im September ein Handelsbüro in Taiwan eröffnen werde und hat Paulius Lukauskas, derzeit Berater von Premierministerin Ingrida Šimonytė, zum Leiter des Büros ernannt.

Das neue litauische Handelsbüro in Taiwan wird nicht Taiwan, sondern Litauens Handelsvertretung in Taipeh heißen. Litauische Beamte betonen auch, dass es sich um ein Handelsbüro und nicht ein Diplomatiebüro handele, so ein Bericht des Baltic News Service (BNS).

Chinas 17+1-Forum zerbröckelt

#Chinas 17+1 Kooperationsplattform – auch bekannt als China-Mittel-Ost-Europa-Gipfel – wurde von Peking mit dem Ziel ins Leben gerufen, die Beziehungen zu den Mitgliedern der EU sowie zu Serbien und anderen Ländern zu stärken – zum Teil, um das von China unterzeichnete Investitionsprogramm „Belt and Road“ zum Bau von Brücken, Eisenbahnen, Kraftwerken und anderer Infrastruktur auf dem eurasischen Kontinent voranzutreiben.

Jetzt ist die Zahl der europäischen Partner auf 14 gesunken.

Obwohl die Zusammenarbeit im Rahmen des Formats offiziell fortgesetzt werden soll und das nächste Gipfeltreffen für 2023 geplant ist, ist Vilnius nicht das einzige Land in der Region, das sich zunehmend vor dem chinesischen Einfluss fürchtet und seine diplomatischen Bemühungen verstärkt, die von Peking wahrscheinlich als feindlich interpretiert werden.

Erst letzte Woche folgten Lettland und Estland dem Beispiel ihres baltischen Nachbarn und zogen sich aus dem 16+1-Kooperationsformat zurück und reduzierten es auf 14 + 1.

Das lettische Außenministerium erklärte, die weitere Teilnahme des Landes an der Gruppe mit China entspreche „nicht mehr unseren strategischen Zielen im derzeitigen internationalen Umfeld.“

In einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen estnischen Sender ETV sagte der estnische Außenminister Urmas Reinsalu, es ergebe „Sinn“, den Rahmen zu verlassen, und ein Teil der Entscheidung sei darauf zurückzuführen, dass „China den Krieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine nicht klar verurteilt hat.“

Bulgarien, Kroatien, die Tschechische Republik, Griechenland, Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien gehören zu den Ländern, die in dem Kooperationsformat übrig geblieben sind, aber auch bei ihnen wächst die Skepsis über dessen Tauglichkeit.

Das tschechische Außenministerium erklärte im Mai, dass das Versprechen großer chinesischer Investitionen und eines für beide Seiten vorteilhaften Handels nicht erfüllt werde. Zuvor hatte das tschechische Parlament den Austritt aus dem Format gefordert.

Ungarn, das vor allem unter Premierminister Viktor Orbán eine engere Beziehung zu Peking aufgebaut und die Tür für verstärkte chinesische Investitionen und Einflussnahme geöffnet hatte, bleibt nach den jüngsten Umfragen eines der wenigen Länder, die einer engeren Beziehung am positivsten gegenüberstehen.

Eine Renaissance der Ukraine?

Nach Moskaus Einmarsch in der Ukraine im Februar läuteten der chinesische Präsident Xi Jinping und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin eine neue Ära ein und erklärten bei einem gemeinsamen Treffen in Peking im Februar eine „grenzenlose“ Partnerschaft.

Seitdem bewegt sich China auf einem schmalen diplomatischen Grat zwischen dem Versuch, Russlands Krieg nicht ausdrücklich zu unterstützen, und der selektiven Äußerung gedämpfter Kritik an der Invasion.

Während sich chinesische Diplomat:innen im Vorfeld des EU-China-Gipfels im April darum bemühten, den Krieg nicht zu thematisieren, beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU, Peking davor zu warnen, die gegen Russland verhängten internationalen Sanktionen zu untergraben. Dies geschah, nachdem chinesische Spitzenpolitiker:innen zunehmend die Argumente Moskaus aufgegriffen hatten.

Die Besorgnis nahm noch weiter zu, nachdem Peking – obwohl es nicht gegen die westlichen Sanktionen gegen Moskau verstoßen hatte – zum Hauptabnehmer von ermäßigtem russischen Rohöl wurde.

Sorgen um den Indopazifik

Unterdessen befürchten die Europäer:innen, dass Peking Russlands Vorgehen in der Ukraine beobachtet und daraus Lehren für künftige Pläne im Hinblick auf Taiwan ziehen könnte.

Europäische Diplomat:innen in Brüssel und in deren Hauptstädten sind sich der enormen Risiken bewusst, die der Konflikt in der Straße von Taiwan mit sich bringt, haben aber erklärt, dass ihre Reaktion niemals so ausfallen würde wie die des Westens auf die Ukraine.

Im Jahr 2021 stellte die EU eine neue Strategie vor, um ihre Präsenz im indopazifischen Raum zu erhöhen und dem wachsenden Einfluss Chinas in der Region entgegenzuwirken, indem sie die Zusammenarbeit mit den Ländern in der Region verstärkt.

Ein wichtiger Aspekt der Strategie besteht darin, dass „die EU-Mitgliedstaaten ihre Marineeinsätze verstärken müssen, um zum Schutz der Seeverbindungen und der freien Schifffahrt im Indopazifik beizutragen und gleichzeitig die Kapazitäten der indopazifischen Partner zur Gewährleistung der maritimen Sicherheit zu stärken.“

Mehrere europäische Länder, darunter Frankreich und Deutschland, haben seither Seestreitkräfte in das Südchinesische Meer entsandt.

Die Spannungen in der Straße von Taiwan würden die europäischen Lieferketten im Technologiebereich gefährden, da Maschinen und Elektrogeräte im vergangenen Jahr fast 60 Prozent der EU-Importe aus Taiwan ausmachten.

Wackelige Belt and Road-Initiative

Pekings Vorzeige-Initiative „Belt and Road“ hat nach dem Einmarsch Moskaus in die Ukraine ebenfalls einen Rückschlag erlitten, der zu Unterbrechungen im Schienenverkehr und einer Verlangsamung des Wachstums auf den Handelsrouten durch Russland und die Nachbarländer führte.

Nur wenige Projekte, mit der bemerkenswerten Ausnahme der Peljesac-Brücke in Kroatien, wurden umgesetzt. Rumänien hat alle chinesischen Projekte auf Eis gelegt und Länder wie Polen scheuen sich vor dem wachsenden Handelsdefizit mit Peking.

Gleichzeitig hat die EU in den letzten zwei Jahren ihre Bemühungen verstärkt, Chinas Investitionsprogramme mit ihrer eigenen EU-geleitete Investitionsinitiative „Global Gateway“ entgegenzutreten.

Der Plan sieht vor, bis 2027 300 Milliarden Euro in Infrastruktur-, Digital- und Klimaprojekte auf der ganzen Welt zu investieren, um Europas Lieferketten zu stärken, den EU-Handel anzukurbeln und den Klimawandel zu bekämpfen.

EU-Beamte erklären inoffiziell, dass die Finanzierungsbedingungen, die Peking im Rahmen seiner Initiative anbietet, oft ungünstig oder nicht transparent sind und einige ärmere Länder, insbesondere in Afrika, durch ihre Verschuldung gegenüber China von Peking abhängig machen.

Die Kommission erklärte, dass der Global Gateway-Plan darauf abziele, Partnerschaften mit anderen Ländern zu knüpfen, ohne dabei Abhängigkeiten zu schaffen.

Anfang Februar kündigte die EU im Rahmen des Global Gateway ein Investitionspaket für Afrika in Höhe von 150 Milliarden Euro an, das zu gleichen Teilen durch öffentliche Investitionen, Kreditbürgschaften und private Investitionen finanziert werden soll.

Wie EURACTIV im November letzten Jahres berichtete, bezweifeln jedoch einige EU-Diplomat:innen, dass der Block mit der finanziellen Feuerkraft Pekings und Moskaus konkurrieren könne, da diese im Gegensatz zur EU keine Gegenleistung verlangen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]