EU-weite Eiweißstrategie in Sicht nach Sinneswandel der Kommission
Die Europäische Kommission hat sich nun für die Schaffung einer EU-weiten Eiweißstrategie ausgesprochen und kehrt damit nach hartnäckiger Lobbyarbeit von Europaabgeordneten und Mitgliedstaaten von ihrer bisherigen Position ab.
Die Europäische Kommission hat sich nun doch für die Schaffung einer EU-weiten Eiweißstrategie ausgesprochen und kehrt damit nach hartnäckiger Lobbyarbeit von Europaabgeordneten und Mitgliedstaaten von ihrer bisherigen Position ab.
Während einer Sitzung des Landwirtschaftsausschusses des Europäischen Parlaments am Montag (4. April) forderten mehrere Abgeordnete die Kommission auf, ihre Position in dieser Angelegenheit im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine zu überdenken.
Der Europaabgeordnete Tom Vandenkendelaere betonte, dass eine umfassende EU-Eiweißstrategie notwendig sei, um die Ernährungssouveränität zu gewährleisten. Er bedauerte jedoch, dass in der jüngsten Erklärung des EU-Rates in Versailles zwar die Notwendigkeit einer Steigerung der EU-Produktion hervorgehoben wurde, aber derzeit „keinerlei Hinweis auf die Eiweißproduktion in der EU“ zu finden sei.
„Plant die Kommission, in der laufenden Amtszeit, eine umfassende EU-Eiweißstrategie einzuführen? Warum hat dies keine Priorität?“, fragte er und kritisierte, dass die Kommission diese Idee nicht ausreichend aufgegriffen habe.
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Agrarkommissar Janusz Wojciechowski erkannte die zunehmenden Forderungen nach einer EU-weiten Eiweißstrategie an und räumte ein, dass solche Bemühungen „unternommen werden müssen.“
„Diese Strategie ist extrem wichtig. Sie war vorher nicht vorgesehen. Ich erkenne aber die Notwendigkeit dafür“, sagte er. Es brauche eine „klare Vorstellung davon, wie man die Widerstandsfähigkeit [der EU] in Bezug auf Nachhaltigkeit stärken kann.“
Unterdessen berichteten Quellen gegenüber EURACTIV, dass die EU-Exekutive während einer kürzlich abgehaltenen Sitzung des Sonderausschusses für Landwirtschaft (SCA) am 28. März ebenfalls ihre Unterstützung für die Idee einer EU-Eiweißstrategie zum Ausdruck gebracht habe.
Dies stellt einen Kurswechsel des Kommissars dar, der noch vor zwei Wochen den Landwirtschaftsminister:innen während eines Treffens am 21. März mitteilte, dass die EU zu dem Zeitpunkt „nicht plane, eine EU-Strategie für Proteine zu verabschieden.“
Stattdessen hat Wojciechowski bisher die Mitgliedstaaten dazu ermutigt, die vorhandenen Instrumente zur Förderung der Eiweißproduktion zu nutzen, wie sie in den Strategieplänen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) vorgesehen sind.
Der Sinneswandel wird von vielen Mitgliedstaaten begrüßt, von denen die meisten einen kürzlich von der österreichischen Delegation bei einem Treffen am 21. März unterbreiteten Vorschlag für eine EU-weite Strategie für pflanzliche Proteine unterstützten.
Der Vorschlag forderte, dass sich diese auf die Verbesserung der europäischen Produktion konzentrieren und den Schwerpunkt auf lokale Versorgungsketten legen sollte, während gleichzeitig die Forschung und Innovation im Bereich des Anbaus von Eiweißpflanzen gefördert werden solle.
Dies hatte die österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger damals erklärt und betont, dass eine einheitliche EU-Strategie angesichts des Krieges in der Ukraine „jetzt mehr denn je“ notwendig sei.
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Pflanzliche Proteine, zu denen vor allem Sojabohnen, Hülsenfrüchte und Ölsaaten gehören, sind eine wichtige Quelle für Aminosäuren, die in der Viehzucht verwendet werden. Sie werden auch zunehmend als menschliche Nahrung konsumiert, mit einer jährlichen Wachstumsrate von fast 7 Prozent.
Die EU verzeichnet jedoch ein großes Defizit an pflanzlichen Proteinen und ist zur Deckung ihres Proteinbedarfs in hohem Maße auf Importe aus anderen Ländern angewiesen.
So wird beispielsweise über 90 Prozent des für die Tierfütterung in der EU benötigten Sojas importiert. Gleichzeitig ist die Sojaproduktion wiederholt wegen ihrer ökologischen und sozialen Auswirkungen, wie beispielsweise der großflächigen Entwaldung, oftmals kritisiert worden.
Wie akut anfällig die EU aufgrund ihrer Abhängigkeit von Importen, auf die wichtige Interessengruppen bereits in den letzten Jahren hingewiesen haben, ist im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, der die Lebensmittelpreise in die Höhe schnellen ließ und zu einer Verknappung des Tierfutters führte, besonders deutlich geworden.
Die Verfechter:innen einer EU-Strategie argumentieren, dass diese bereits bestehende Bemühungen der EU-Exekutive untermauern würde, die in einem Bericht aus dem Jahr 2018 zur Entwicklung von pflanzlichen Proteinen in der EU aufrief und die Mitgliedsstaaten ermutigte, ihre eigenen nationalen Strategien für pflanzliche Proteine zu entwickeln.
*Julia Dahm hat zu diesem Artikel beigetragen*.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna und Alice Taylor]