EU-Supermärkte rationieren Lebensmittel wegen möglicher Panikkäufe

Einige europäische Einzelhändler haben angesichts des Ukrainekriegs bereits drastische Maßnahmen ergriffen. Es wird befürchtet, dass der Krieg zu Lebensmittelknappheit führen und Panikkäufe auslösen wird, wodurch beispielsweise die Menge an Sonnenblumenöl pro Kunde begrenzt wird.

/ EURACTIV.com with EFEAgro
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Die derzeitige Krise hat nun auch die Verbraucher:innen getroffen. Mehrere bekannte spanische Supermärkte haben inzwischen die Menge an Sonnenblumenöl, die jeder Kunde kaufen kann, auf 5 Liter rationiert, wie EURACTIV erfahren hat. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/blue-sky-clouds-over-field-blossoming-307248293" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK]</a>]

Einige europäische Einzelhändler haben angesichts des Ukrainekriegs bereits drastische Massnahmen ergriffen, um Panikkäufe zu vermeiden. So begrenzen einige Händler die Menge an Sonnenblumenöl pro Person.

Weniger als drei Wochen nach Beginn der russischen Invasion der Ukraine werden Befürchtungen laut, dass sich der Krieg auf die Lebensmittelversorgungsketten in der EU und auf internationaler Ebene auswirken und es zu Engpässen bei der Lieferung von Sonnenblumenprodukten kommen könnte.

Zusammen machen die Ukraine und Russland den Großteil der weltweiten Sonnenblumenölexporte aus, wobei 35 bis 45 Prozent des in der EU raffinierten Sonnenblumenöls auf die Ukraine entfallen.

Nach Angaben des europäischen Pflanzenölverbands Fediol dürften die verfügbaren Lagerbestände an rohem Sonnenblumenöl in der EU noch für vier bis sechs Wochen reichen. Danach sei mit einem Engpass bei raffiniertem beziehungsweise abgefülltem Sonnenblumenöl auf dem europäischen Markt zu rechnen.

Sonnenblumenkernöl ist ein wesentlicher Bestandteil der Massenproduktion von Lebensmitteln und wird häufig für die Zubereitung von Konserven, Soßen, Mayonnaise, streichfähigen Dressings und Backwaren wie Keksen verwendet.

Es ist auch eine der bevorzugten Optionen zum Braten im Hotel- und Gaststättengewerbe und ein wichtiger Rohstoff für die oleochemische Industrie und die Energiewirtschaft, zum Beispiel bei der Herstellung von Biodiesel.

Alternativen zu Sonnenblumenkernöl wie Raps-, Kokos-, Palm- und Sojaöl sind verfügbar, doch der gesamte Pflanzenölsektor verzeichnet einen starken Preisanstieg. Der Preisindex für Pflanzenöl der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erreichte in den letzten Tagen einen Rekordanstieg von 8,5 Prozent.

Die Verpackung ist ein weiteres Problem bei der Ersetzung von Sonnenblumenöl, da die Industrie normalerweise einmal jährlich die Lebensmittelkennzeichnung für ihre Produkte erstellt und aufdruckt. Jede spätere Änderung muss jedoch umgehend angezeigt werden.

„Einige erwägen, bei den zuständigen Behörden eine zeitliche Ausnahmeregelung zu beantragen, um alternative Ölsorten zu verwenden, ohne die Verpackungskennzeichnung ändern zu müssen“, sagte Natasha Linhart von Atlante, einer in Bologna ansässigen Gruppe, die Supermarktketten wie Walmart und Sainsbury’s beliefert, gegenüber der italienischen Tageszeitung Sole24ore.

Panikkäufe zu befürchten

Die derzeitige Krise hat nun auch die Verbraucher:innen getroffen. Mehrere bekannte spanische Supermärkte haben inzwischen die Menge an Sonnenblumenöl, die jede Person kaufen kann, auf fünf Liter rationiert, wie EURACTIV erfahren hat.

Dies wurde von der Europäischen Kommission während ihres nicht öffentlichen Expertentreffens zur Ernährungssicherheitskrise am Mittwoch (9. März) bestätigt, so Quellen, die mit den Beratungen vertraut sind.

Die Quellen erklärten gegenüber EURACTIV, dass die EU-Kommission vor solchen Handlungen abrate, weil sie befürchtet, dies könntr den Verbraucher:innenn signalisieren, dass Lebensmittel knapp seien, was zu Panikkäufen führen könnte. Sie zog beispielsweise Parallelen zu Toilettenpapier, das in den ersten Tagen der Corona-Pandemie in Panik gekauft wurde.

Auch in Italien haben einige nationale Einzelhändler wie Coop, Eurospin, Famila und Mega Berichten zufolge damit begonnen, Saatgutöl in den Regionen Ligurien, Toskana und Venetien zu rationieren, da die Vorräte knapp werden.

So beschränken Supermärkte in Treviso und Belluno, zwei Städten in der Region Venetien, den Kauf von Saatöl auf maximal zwei Flaschen pro Kund:in, da sie lokalen Presseberichten zufolge einige Fälle von Hamsterkäufen zu verzeichnen hatten.

In einigen Supermärkten in der Toskana können Kunden nur fünf 1-Liter-Flaschen Sonnenblumenöl und zwei 1-Liter-Flaschen Maisöl erwerben. Es handele sich jedoch um „begrenzte Episoden“, so die Einzelhandelsgenossenschaft Coop.

„Die Situation bei der Versorgung mit Produkten entwickelt sich, aber nicht in einem Ausmaß, das Anlass zur Sorge gibt“, so die Kooperative in einer Mitteilung.

Weltweit versus lokal

Wie EURACTIVs Partner EFE Agro berichtet, sieht die spanische Speiseölindustrie keinen Grund zur unmittelbaren Besorgnis.

„Kurzfristig sollte es keine Probleme geben“, sagte der Generaldirektor des nationalen Verbandes der Speiseölraffinerien und -abfüller (Anierac), Primitivo Fernández, gegenüber EFE Agro, nachdem er die Situation bewertet hatte.

Die Unterbrechungen bei der Versorgung haben jedoch bereits die kurz- und mittelfristigen Pläne der Branche zunichtegemacht, so sein italienischer Amtskollege Carlo Tampieri, Präsident des nationalen Saatölverbandes (Assitol).

„Selbst wenn der Krieg in den nächsten Tagen aufhören würde, wäre die Rückkehr zur Normalität sehr komplex“, sagte er.

Fernández räumte ein, dass man sich im Falle einer Fortsetzung des Konflikts nach anderen Herkunftsländern für dieses Produkt erkundigen müsse, da die Ukraine und Russland „die beiden wichtigsten Erzeugerländer für Sonnenblumenöl in der Welt“ seien.

Fernández wies darauf hin, dass man in der südlichen Hemisphäre bereits einige potenzielle Erzeugerländer für Sonnenblumenöl ausgemacht habe, wie etwa Argentinien und Südafrika.

Diese Länder werden auch als potenzieller Ersatzmarkt für den Rest Europas erforscht.

Er fügte hinzu, dass andere Öle in Spanien, wie Oliven-, Raps- oder Maisöl, als Ersatz in Betracht gezogen werden sollten, während der Anbau von Sonnenblumen und anderen Ölsaaten in Spanien und anderswo in Europa gefördert werden sollte. Dies gilt auch für Flächen, die aus Gründen der biologischen Vielfalt oder für andere Zwecke brach liegen.

Diese Forderung wurde von der französischen EU-Ratspräsidentschaft und anderen Landwirtschaftsminister:innen der Union der 27 aufgegriffen. Diese würden gerne die zehn Prozent der Landwirtschaftsflächen, die für Landschaften mit hoher Artenvielfalt bestimmt sind, für den Anbau von Eiweißpflanzen zur Verfügung stellen.

Die EU-Exekutive prüft diese Option derzeit als Teil eines Lösungspakets, um die Situation im europäischen Agrar- und Ernährungssektor zu entspannen. Sie wird nun in der kommenden Sitzung des Sonderausschusses für Landwirtschaft (SCA) am kommenden Montag (14. März) behandelt.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]