EU erklärt Antibiotikaresistenz zur obersten Priorität

Wissenschaftler:innen sind zunehmend besorgt über die steigende Zahl resistenter Erreger, die Antibiotika unwirksam und die Behandlung bekannter Infektionen damit unmöglich machen.

EURACTIV.com
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Als Reaktion auf die zunehmende Bedrohung durch AMR hat die HERA diese am Dienstag (12. Juli) als eine der drei wichtigsten Gesundheitsbedrohungen eingestuft. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/antimicrobial-susceptibility-testing-petri-dish-392702701" target="_blank" rel="noopener">[SHUTTERSTOCK/Jarun Ontakrai]</a>]

Die Europäische Gesundheitsunion hat am Dienstag (12. Juli) Antibiotikaresistenzen als eine der drei wichtigsten Gesundheitsbedrohungen in der EU benannt. Am selben Tag rief auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu auf, die Entwicklung entsprechender Impfstoffe zu beschleunigen.

Im Jahr 1928 entdeckte der schottische Arzt Alexander Fleming das erste Antibiotikum: Penicillin. Seitdem sind Antibiotika zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten geworden und ermöglichen die Behandlung potenziell lebensbedrohlicher Infektionen.

Wissenschaftler:innen sind jedoch zunehmend besorgt über die steigende Zahl resistenter Erreger, die Antibiotika unwirksam und die Behandlung bekannter Infektionen damit unmöglich machen.

Allein resistente bakterielle Infektionen werden weltweit mit fast 5 Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung gebracht, wobei etwa 1,3 Millionen Todesfälle direkt auf die Antibiotikaresistenz zurückgeführt werden können.

Am Dienstag stufte der Vorstand der EU-Behörde für Notfallvorsorge und Reaktion im Gesundheitswesen (HERA) Antibioatikaresistenzen als eine der drei größten Gesundheitsbedrohungen ein, zusammen mit Erregern mit hohem Pandemiepotenzial und chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Bedrohungen.

Impfstoffe gegen resistente Erreger

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) berichtet, dass die Antibiotikaresistenz vor allem durch den Missbrauch von Antibiotika und unzureichende Infektionsprävention und -kontrolle in Krankenhäusern verursacht wird.

Laut dem One-Health-Aktionsplan der EU gegen Resistenzen, der von der EU-Kommission im Juni 2017 angenommen wurde, sind Impfstoffe eine Lösung mit „großem Potenzial“, um die Verbreitung von resistenter Infektionen zu verhindern.

Eine flächendeckende Versorgung mit einem Pneumokokken-Impfstoff beispielsweise könnte nicht nur den Tod einiger der geschätzt 800.000 Kinder verhindern, die jedes Jahr an einer Lungenentzündung sterben, sondern würde auch den Einsatz antimikrobieller Mittel um schätzungsweise 47 Prozent reduzieren und damit der Entwicklung von Resistenzen entgegenwirken.

Da Impfstoffe bereits eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Krankheiten bei Nutztieren und in der Aquakultur spielen, drängt der Aktionsplan darauf, dass Impfstoffe „noch stärker“ eingesetzt werden sollten.

Zu diesem Zweck, so die Kommission, sei es von entscheidender Bedeutung, die Forschung zur Entwicklung neuer wirksamer präventiver Impfstoffe für Mensch und Tier weiterhin zu unterstützen und die Daten über die Hindernisse, die den breiteren Einsatz von Impfungen in der medizinischen und tierärztlichen Praxis beeinflussen, zu verbessern.

WHO ruft zu verstärkter Impfstoff-Entwicklung auf

Laut einem ebenfalls am Dienstag veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation befinden sich einundsechzig potenzielle Impfstoffe, die der Entwicklung resistenter Keime vorbeugen könnten, in verschiedenen Stadien der klinischen Entwicklung.

Darunter seien mehrere in späten Entwicklungsstadien, um Krankheiten zu bekämpfen, die auf der Liste der bakteriellen prioritären Krankheitserreger aufgeführt sind und denen die WHO in der Forschung und Entwicklung Priorität eingeräumt hat.

„Die Verhinderung von Infektionen durch Impfungen verringert den Einsatz von Antibiotika, der eine der Hauptursachen für Resistenzen ist“, sagte Hanan Balkhy, stellvertretende WHO-Generaldirektorin für antimikrobielle Resistenz.

Trotz der möglichen Vorteile, so Balkhy, „gibt es von den sechs wichtigsten bakteriellen Krankheitserregern, die für Todesfälle aufgrund resistenter Keime verantwortlich sind, nur gegen einen, nämlich Pneumokokken, einen Impfstoff.“

Schwächen in der aktuellen Impfstoffentwicklung – beispielsweise in der Anzahl der potenziellen Impfstoffe sowie deren Wirksamkeit bei der Vorbeugung resistenter Keime – seien auf die hohen Entwicklungskosten, die wissenschaftlichen Herausforderungen und geringe Erfolgsquoten in Verbindung mit den komplexen regulatorischen und produktionstechnischen Anforderungen für Impfstoffe zurückzuführen.

Haileyesus Getahun, Direktor der Abteilung für globale Antibiotikaresistenz-Koordinierung der WHO, drängte auf disruptive Ansätze zur Anreicherung der Impfstoff-Pipeline und zur Beschleunigung der Impfstoffentwicklung.

„Die Erkenntnisse aus der Entwicklung des Corona-Impfstoffs und der mRNA-Impfstoffe bieten einzigartige Möglichkeiten für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Bakterien“, so Getahun.

In einem wissenschaftlichen Überblick über die Rolle von Impfstoffen bei der Bekämpfung von AMR, der in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde, betonten die Autoren, dass „die Entwicklung eines neuen Impfstoffs in der Regel zwischen 10 und 20 Jahren dauert.“

„Um auf die AMR-Krise zu reagieren, sollten Pharmaunternehmen den Prozess der Impfstoffentwicklung umgestalten, was neue Technologien und neue Impfstoffplattformen mit sich bringen könnte, und es wäre auch von grundlegender Bedeutung, klinische Studien zu beschleunigen und die Interaktionen mit den Zulassungsbehörden zu ändern“, heißt es in dem Artikel.

Verfügbare Impfstoffe

Neben den Pneumokokken gibt es derzeit drei weitere Impfstoffe gegen die vorrangigen bakteriellen Krankheitserreger Hib, Typhus und Tuberkulose.

In dem WHO-Bericht wird jedoch festgestellt, dass der derzeitige Bacillus Calmette-Guérin-Impfstoff (BCG) gegen Tuberkulose keinen ausreichenden Schutz bietet und dass weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht.

Die anderen Impfstoffe gelten als wirksam, aber „wir müssen die Zahl der Menschen, die sie erhalten, erhöhen, um zu einer Verringerung des Antibiotikaeinsatzes beizutragen und weitere Todesfälle zu verhindern“, heißt es in der Presseerklärung der WHO.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]