EU-Bevölkerung schrumpft weiter

Die Bevölkerungsstruktur der EU wandelt sich. Die Europäer werden immer älter, aber auch mobiler. Ohne den Zuzug von Ausländern würde die EU langsam entvölkert. Die Deutschen sind vergleichsweise alt und kinderarm. Irland bleibt bei der Geburtenrate vorn.

Im Durchschnitt bekommt jede EU-Bürgerin 1,6 Kinder. Um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen, müssten es 2,1 sein – rein mathematisch betrachtet. Foto: 	Kurt Bouda / pixelio.de.
Im Durchschnitt bekommt jede EU-Bürgerin 1,6 Kinder. Um den Bevölkerungsrückgang zu stoppen, müssten es 2,1 sein - rein mathematisch betrachtet. Foto: Kurt Bouda / pixelio.de.

Die Bevölkerungsstruktur der EU wandelt sich. Die Europäer werden immer älter, aber auch mobiler. Ohne den Zuzug von Ausländern würde die EU langsam entvölkert. Die Deutschen sind vergleichsweise alt und kinderarm. Irland bleibt bei der Geburtenrate vorn.

Die EU-Bevölkerung schrumpft. Das geht aus dem Demographie-Bericht 2010 hervor, den die EU-Kommission gemeinsam mit der europäischen Statistikbehörde Eurostat vergangene Woche veröffentlicht hat. Zwar steigt die Geburtenrate leicht an, dies kann aber nicht verhindern, dass immer weniger EU-Bürger in Europa leben. Ausgeglichen wird der Bevölkerungsschwund durch Nicht-EU-Bürger. Etwa 1 bis 2 Millionen Nicht-EU-Bürger wandern pro Jahr ein. Bis 2060 wird sich der Anteil der Migranten und ihrer Nachkommen verdoppeln, so die Prognose.

EU-Kommission pocht auf moderne Familienpolitik

Die Alterung Europas zeigt sich im kontinuierlichen Anstieg der Lebenserwartung um etwa 2-3 Monate pro Jahr. Die Zahl der Menschen, die über 60 Jahre alt sind, steigt in der EU jedes Jahr um zwei Millionen. 2008 wurden Frauen in der EU durchschnittlich 82,4 Jahre, Männer 76,4 Jahre alt. Deutschland liegt bei Frauen mit 82,8 Jahren und bei Männern mit 77,8 Jahren leicht über dem EU-Durchschnitt. 

Der Bericht dokumentiert, dass die Geburtenrate im EU-Durchschnitt seit 2003 langsam ansteigt – von weniger als 1,45 Kinder je Frau auf 1,6 in 2010. Um einen Bevölkerungsrückgang zu stoppen, wären allerdings 2,1 Kinder je Frau notwendig.

Die EU-Kommission leitet aus der Überalterung Europas Empfehlungen ab. In einer Mitteilung zum Demographie-Bericht 2009 fordert die Brüsseler Behörde eine moderne Familienpolitik, die auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie abzielt.

Geburtenrate: Kein Babyboom in Deutschland

Die Bevölkerungsstruktur entwickelt sich innerhalb der EU sehr unterschiedlich. Die höchsten Geburtenraten weisen laut Bericht Irland (2,07), Frankreich (2,00), das Vereinigte Königreich (1,96) und Schweden (1,94) auf. Deutschland liegt mit 1,34 unter dem EU-Durchschnitt (1,6). Die Daten im Bericht stammen  von 2008.

2009 ist die Zahl der Geburten in Deutschland laut dem Eurostat nochmals gesunken (EURACTIV.de vom 28. Juli 2010). Für 2010 zeichnet sich laut einem Bericht des "Spiegel" ein leichter Anstieg ab. Endgültige Zahlen für das Jahr 2010 würden dem Bundesfamilienministerium aber erst im August vorliegen. Seit Jahren versucht die Bundesregierung, mit Förderungsmaßnahmen die Geburtenrate zu erhöhen. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen führte das sogenannte Elterngeld ein. Der Erfolg der bisherigen etwa 15 Milliarden Euro Transferzahlungen ist allerdings an der Statistik noch nicht ablesbar und wird von Experten bezweifelt. 

Deutschland weist den viertstärksten Bevölkerungsschwund in der EU auf. Am stärksten sind Bulgarien, Litauen und Lettland betroffen. Auch hier können die Geburten die Sterbefälle und die Auswanderung nicht ausgleichen.

Mobilität in Europa

Der Bericht zeigt auch: die EU-Bürger werden mobiler. Etwa 20 Prozent haben schon im Ausland gearbeitet oder studiert, leben mit einem Partner aus dem Ausland oder haben in ausländische Immobilien investiert. In den EU-Staaten sind im Schnitt etwa 6,5 Prozent Ausländer. Deutschland liegt mit 8,7 Prozent über dem Durchschnitt. Noch höher ist der Ausländeranteil in Luxemburg (43 Prozent), Lettland (17,4 Prozent) und Estland (15,9 Prozent).

Kommission: Europäer müssen länger arbeiten

Die Kommission zieht aus der demographischen Entwicklung weitreichende Schlüsse. Die Sozialausgaben in den Bereichen Renten, Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege müssten deutlich effizienter und effektiver gestaltet werden, warnt die Behörde. Auch im aktuellen Bericht wird den EU-Regierungen nahegelegt, die sozialen Sicherungssysteme zu reformieren. Ein weiterer Ausgabenanstieg könnte eingedämmt werden, indem die Europäer länger arbeiten. Zu diesem Schluss kommt auch die OECD-Studie "Renten auf einen Blick 2011" (EURACTIV.de vom 17. März 2011).

mas

Links

Presse

Spiegel.de: Familienministerium bewertet steigende Baby-Zahlen skeptisch (29. Dezember 2010)

NZZ: Deutschland ist das Altersheim der EU (1. April 2011)

Dokumente

EU-Kommission/Eurostat: Demographie-Bericht 2010. Englisch (1. April 2011)

EU-Kommission: Neuer demografischer Bericht: EU?Bevölkerung wird älter und vielfältiger (1. April 2011)

EU-Kommission: Die Auswirkungen der demografischen Alterung in der EU bewältigen / KOM/2009/0180 (29. April 2009)

OECD: Renten auf einen Blick 2011

EU-Kommission: Grünbuch "Angemessene, nachhaltige und sichere europäische Pensions- und Rentensysteme" (7. Juli 2010)

EU-Parlament: Rentenreformen sollten Nachhaltigkeit und angemessenes Einkommen berücksichtigen. Pressemitteilung (16. Februar 2011)

EU-Parlament: Entschließung zum Grünbuch mit dem Titel "Angemessene, nachhaltige und sichere europäische Pensions- und Rentensysteme" (16. Februar 2011)

EU-Kommission: Folgenabschätzung zum Renten-Weißbuch (englisch)

EU-Kommission: IORP-Richtlinie 2003/41/EG über die Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung

EU-Kommission:
Website zur Europäischen Rentenstrategie

EU-Kommission: Website zu den Gemeinsamen Berichten zum Sozialschutz

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Deutschland als Vorbild bei Rentenreformen (17. März 2011)

Griechische Renten: "Derzeit büßen wir alle dafür" (17. Februar 2011)

Deutschland bleibt mit Geburtenrate EU-Schlusslicht (28. Juli 2010)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.com

Bulgaria’s population shrinking at alarming rate (6. April 2011) (englisch)