EU-Agentur bewertet mögliches Verbot 'ewiger Chemikalien'

Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat ihren lang erwarteten Vorschlag zur Beschränkung 10.000 synthetischer Stoffe veröffentlicht, die für die menschliche Gesundheit gefährlich sind. Der Bewertungsprozess soll im März beginnen.

Euractiv.com
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Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) stellen eine große Klasse von Tausenden synthetischer Chemikalien dar, die schwer abbaubar sind und Wasser und Boden verschmutzen. [<a href="https://www.shutterstock.com/image-photo/discarded-water-bottle-floats-polluted-stream-1310223748" target="_blank" rel="noopener">[Jana Shea/SHUTTERSTOCK]</a>]

Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) hat ihren lang erwarteten Vorschlag zur Beschränkung 10.000 synthetischer Stoffe veröffentlicht, die für die menschliche Gesundheit gefährlich sind. Der Bewertungsprozess soll im März beginnen.

Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) stellen eine große Klasse Tausender synthetischer Chemikalien dar, die schwer abbaubar sind und Wasser und Böden verunreinigen. Weil die Stoffe sich dort sehr lange halten, sind sie auch als „forever chemicals“, also „ewige Chemikalien“ bekannt.

Der Vorschlag zur Verringerung der Emissionen solcher Stoffe in die Umwelt und zur besseren Sicherheit von Produkten und Verfahren wurde am 13. Januar von vier EU-Mitgliedstaaten – Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Schweden – sowie vom Nicht-EU-Land Norwegen eingereicht, dessen nationale Umweltbehörde ebenfalls eng mit der EU-Agentur zusammenarbeitet.

Die ECHA veröffentlichte den Vorschlag am Dienstag (7. Februar). Die Inhalte sollen nun hinsichtlich der Risiken für Mensch und Umwelt sowie der Auswirkungen auf die Gesellschaft bewertet werden.

Der „bahnbrechende Vorschlag“ der fünf Behörden unterstütze die Ziele der EU-Chemikalienstrategie und des europäischen Null-Schadstoff Aktionsplans, sagte Peter van der Zandt, Direktor der ECHA für Risikobewertung.

„Die Bewertung eines solch umfassenden Vorschlags mit Tausenden von Stoffen und vielen Verwendungszwecken wird zwar eine Herausforderung sein, aber wir sind bereit“, erklärte er.

Was sind PFAS und wo kommen sie her?

PFAS werden in der Automobil- und Luftfahrtindustrie verwendet, können aber auch in Textilien, Haushaltsprodukten und Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt sind, vorkommen. Es kann sich um Gase, Flüssigkeiten oder feste hochmolekulare Polymere handeln.

Die Stoffe werden aus verschiedenen Quellen in die Umwelt freigesetzt, beispielsweise aus gewerblichen und industriellen Anlagen, die PFAS verwenden, bei der Verwendung von Konsumgütern wie Kosmetika und Skiwachsen sowie aus Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen.

Der Mensch kann ihnen täglich zu Hause, am Arbeitsplatz und über die Umwelt ausgesetzt sein, zum Beispiel über die Nahrung und das Trinkwasser.

Aufgrund der Kohlenstoff-Fluor-Bindung, einer der stärksten chemischen Bindungen in der organischen Chemie, sind PFAS bei ihrer Verwendung und auch in der Umwelt widerstandsfähig.

Wie die ECHA warnt, werden Menschen, Pflanzen und Tiere den Stoffen in Zukunft zunehmend ausgesetzt sein, wenn ihre Freisetzung nicht minimiert wird.

Eine vor kurzem durchgeführte dänische Studie, die sich auf sieben verschiedene PFAS konzentrierte, ergab, dass eine frühzeitige Exposition gegenüber diesen Stoffen im Mutterleib die Entwicklung der Hoden von Männern beeinträchtigt.

Je stärker die Männer PFAS ausgesetzt waren, desto geringer waren ihre Spermienkonzentration und die Gesamtzahl der Spermien. Gleichzeitig ist der Anteil der Spermien, die sich nicht richtig fortbewegen können, höher.

Es wird geschätzt, dass in den nächsten 30 Jahren etwa 4,4 Millionen Tonnen PFAS in die Umwelt gelangen würden, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Selbst wenn alle Freisetzungen von PFAS mit sofortiger Wirkung gestoppt würden, wären die Chemikalien noch über Generationen hinweg in der Umwelt und im Menschen vorhanden.

Weitere Schritte

Monique Goyens, Generaldirektorin des Europäischen Verbraucherverbandes (BEUC), begrüßte den Vorschlag. „Die Verwendung von PFAS in Konsumgütern sollte verboten werden“, betonte sie.

„Wir fordern die EU auf, diese Beschränkung so schnell wie möglich voranzutreiben und gleichzeitig das Ziel zu verfolgen, die Menschen für immer vor Chemikalien zu schützen“, fügte Goyens hinzu.

Wenn der Vorschlag die rechtlichen Anforderungen der Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) erfüllt, werden die wissenschaftlichen Ausschüsse der ECHA für Risikobewertung (RAC) und für sozioökonomische Analyse (SEAC) mit der wissenschaftlichen Bewertung des Vorschlags beginnen. Der Beginn der sechsmonatigen Konsultation ist für den 22. März 2023 vorgesehen.

Der Ausschuss für Risikobeurteilung (RAC) hat die Aufgabe, sich eine Meinung darüber zu bilden, ob die vorgeschlagene Beschränkung geeignet ist, die Risiken für die Gesundheit der Menschen und die Umwelt zu verringern. Die Stellungnahme des Ausschusses für sozioökonomische Analyse (SEAC) wird sich mit den sozioökonomischen Auswirkungen befassen.

Die Ergebnisse werden an die Europäische Kommission weitergeleitet, die dann gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten über die mögliche Beschränkung entscheiden könnte.

Derzeit hat die Kommission im Rahmen des Europäischen Green Deals eine Liste von Maßnahmen zur Bekämpfung von PFAS vorgeschlagen, die insbesondere sicherstellen sollen, dass die Verwendung von PFAS in der EU schrittweise eingestellt wird, sofern sie sich nicht als wesentlich für die Gesellschaft erweisen.

Unterdessen hat die Produktgruppe Fluorpolymere (FPG) von Plastics Europe auf die Unterschiede zwischen den PFAS-Gruppen hingewiesen.

In einem offenen Brief vom 5. Januar, der von der FPG und 21 EU- und nationalen Interessenvertreter:innen mitunterzeichnet wurde, werden die Länder, die hinter dem Vorschlag stehen, aufgefordert, zwischen Fluorpolymeren und anderen PFAS-Gruppen zu unterscheiden und dabei die unterschiedlichen Risikoprofile und Verwendungszwecke der einzelnen Gruppen zu berücksichtigen.

Die FPG argumentiert, dass Fluorpolymere nicht von dem vorgeschlagenen Verbot betroffen sein sollten, da diese Stoffe sicher sind, für das Funktionieren der modernen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sind und einen Schlüssel zur Innovation darstellen. Sie werden in einer Reihe von Sektoren verwendet, unter anderem in Batterien für Elektrofahrzeuge, in der Luftfahrtindustrie und im Elektroniksektor.

„Fluorpolymere wurden allein aufgrund ihrer Molekularstruktur als PFAS eingestuft. Ihr ökologisches und toxikologisches Profil unterscheidet sich jedoch deutlich von dem der meisten anderen PFAS mit geringerem Molekulargewicht“, heißt es in dem Schreiben.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]