Erdogan droht Athen auf Griechisch, Konflikt schwelt weiter

In einer Reihe von Tweets auf Griechisch drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Griech:innen direkt, ihre Haltung in der Ägäis nicht zu weit zu treiben, andernfalls "werden sie es bereuen."

EURACTIV.com / EURACTIV.gr
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WhatsApp Image 2022-06-10 at 7.20.01 AM [EPA-EFE/STR]

In einer Reihe von Tweets auf Griechisch drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan den Griech:innen direkt, ihre Haltung in der Ägäis nicht zu weit zu treiben, andernfalls „werden sie es bereuen.“

Die griechische Regierung rief zur nationalen Einheit gegenüber einem „unberechenbaren“ Nachbarn auf, während der ehemalige Premierminister Alexis Tsipras Erdoğan auf Türkisch antwortete.

In der Zwischenzeit besucht Bundeskanzler Olaf Scholz heute Thessaloniki, um am Südosteuropäischen Kooperationsprozess (SEECP) teilzunehmen, aber die Vermittlungsbemühungen Berlins dürften wohl eher geringe Erfolgsaussichten haben.

Inmitten einer erneuten Eskalation in den griechisch-türkischen Beziehungen nach der Rede des griechischen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis vor dem US-Kongress im vergangenen Monat drohte Erdoğan den Griech:innen auf Twitter direkt in ihrer eigenen Sprache.

„Wir warnen Griechenland noch einmal, besonnen vorzugehen, sich von Träumen, Rhetorik und Handlungen fernzuhalten, die zu Ergebnissen führen werden, die es bereuen wird, wie es vor einem Jahrhundert geschah“, twitterte Erdoğan.

Unter Berufung auf internationale Verträge drängt Ankara auf die Entmilitarisierung der an die Türkei angrenzenden griechischen Inseln und behauptet, die Präsenz der griechischen Armee sei eine Bedrohung für die Sicherheit des Landes.

Dagegen behauptet Athen, dass die dort stationierten Streitkräfte weiterhin dort bleiben, da die Türkei auf der anderen Seite der Ägäis die in İzmir stationierte „Ägäische Armee“ unterhält.

Außerdem haben die Griech:innen schlechte Erinnerungen an die Zeit, als die griechische Militärdiktatur 1974 ihre Truppen aus Zypern abzog und die Türkei illegal in zypriotisches Gebiet eindrang und es bis heute besetzt hält.

Erdoğan zeigte sich ebenfalls irritiert darüber, dass Griechenland die EU und die NATO – in letzterer ist auch die Türkei Mitglied – als Schutzschirm in seinen Beziehungen zur Türkei missbrauche. Die Türkei hat ihrerseits darauf bestanden, dass die anstehenden Fragen bilateral gelöst werden sollten.

„Der Versuch, die NATO und Drittländer zu instrumentalisieren, indem man sie in die Illegalität verschiedener Militärübungen auf Inseln mit einem nicht-militarisierten Regime verwickelt, ist nur ein Versuch, der ein katastrophales Ende haben wird“, sagte Erdoğan.

Athen reagierte durch den Regierungssprecher Yiannis Oikonomou, der sagte: „Es ist bekannt, dass Griechisch die Sprache der Logik, der Freiheit und des Rechts ist. Die einheimischen Nutzer und die westliche Welt wissen das sehr gut. Die von der Türkei gewählte Taktik passt in keine dieser Versionen.“

Mitsotakis rief zur nationalen Einheit gegenüber einem „unberechenbaren“ Nachbarn auf, der seiner Meinung nach „je mehr er isoliert ist, desto wütender wird.“

Der wichtigste Oppositionsführer und ehemalige Ministerpräsident Alexis Tsipras twitterte seinerseits auf Türkisch: „Griechenland wird seine Souveränität gegen jede Bedrohung schützen. Also lasst die Provokationen aufhören und lasst uns zum Dialog auf der Grundlage des internationalen Rechts zurückkehren. Die Antwort auf die Wirtschaftskrise, der wir alle gemeinsam gegenüberstehen, ist nicht Nationalismus.“

Scholz will vermitteln. Die Bemühungen Berlins dürften jedoch wenig Aussicht auf Erfolg haben, da Erdoğan deutlich gemacht hat, dass es für ihn „Mitsotakis nicht mehr gibt.“

Die Lage wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, dass in beiden Ländern im Jahr 2023 Wahlen abgehalten werden. In diesem Jahr feiert die Türkei auch 100 Jahre seit der Gründung des türkischen Staates.

In Athen mehren sich die Gerüchte, dass bereits im September vorgezogene Neuwahlen abgehalten werden könnten, und die regierende Neue Demokratie (EVP) will sich der „patriotischen“ Wählerschaft wieder annähern.

Darüber hinaus befinden sich beide Länder in einer noch nie dagewesenen Wirtschaftskrise, in der die steigenden Preise und die Inflation die Kaufkraft der Bürger stark beeinträchtigen.

Kritiker vermuten, dass eine Eskalation zum jetzigen Zeitpunkt beiden Seiten politisch dienlich sein könnte, doch ein „Unfall“ aufgrund dieser Eskalation könnte nicht ausgeschlossen werden.