Erasmus-Intensivprogramme gefährdet

Trauriger Trend bei den europäischen Erasmus-Intensivprogrammen: Kaum wurden Rekordzahlen erreicht, drohen drastische Einschnitte ins Budget. Viele Praktika, Studienaufenthalte und Intensivprojekte sind gefährdet.

Mit dem Blick über den Bosporus nach Asien, die Ortaköy-Moschee im Rücken, bereiten die französische Studentin Hélène Guillaume, der türkische Student Reha Kocatas und die Frankfurter Studierenden Sebastian Jehle und Cathleen Berger (v.l.) ein Seminar vor
Mit dem Blick über den Bosporus nach Asien, die Ortaköy-Moschee im Rücken, bereiten die französische Studentin Hélène Guillaume, der türkische Student Reha Kocatas und die Frankfurter Studierenden Sebastian Jehle und Cathleen Berger (v.l.) ein Seminar vor

Trauriger Trend bei den europäischen Erasmus-Intensivprogrammen: Kaum wurden Rekordzahlen erreicht, drohen drastische Einschnitte ins Budget. Viele Praktika, Studienaufenthalte und Intensivprojekte sind gefährdet.

In der Türkei über Europa debattieren? In Ungarn mit Lehramtsstudenten aus ganz Europa Unterrichtsmethoden vergleichen? Durch archäologische Fundstellen in Portugal wandeln?

Möglich ist das durch die beliebten Erasmus-Intensivprogramme. Für mindestens zehn Tage können Studenten aller Fachrichtungen Europa entdecken und sich untereinander austauschen. Über 12.500 Studenten haben 2009/2010 an solchen Intensivprogrammen teilgenommen. Doch diese Konzepte scheinen durch neue Budgetlinien der Europäischen Kommission gefährdet zu sein.

50 Euro – so viel erhielten Teilnehmer an deutschen Intensivprogrammen pro Tag bis 2010. Eine Unterkunft in einer Jugendherberge und das Essen konnten davon bezahlt werden. Die Europäische Kommission hat nun die Vergaberichtlinien ab 2010 überarbeitet. Dies bedeutet für Teilnehmer in Deutschland, dass sie durchschnittlich nur noch 20 Euro pro Tag ausgeben können.

In anderen Ländern haben die Umstrukturierungen ähnliche Auswirkungen. Esra Atuk organisierte das Intensivprogramm „Eurodemos“ an der Galatasaray-Universität in Istanbul in den vergangenen zwei Jahren. Es ist eines der wenigen französischsprachigen Seminare über Europapolitik. 28 Studenten aus Osteuropa, Deutschland, Spanien, Italien, Frankreich und der Türkei nahmen an ihm teil.

"Dieses Jahr haben wir von der Kommission elf Euro pro Student und Tag erhalten", sagt sie. "In einer Großstadt wie Istanbul ist dies nicht viel, um eine Unterkunft und Verpflegung zu bezahlen."

Das Budget für Professoren und für Fahrtkosten ist stabil geblieben, jedoch stellen die Einsparungen in den täglichen Ausgaben die Koordinatoren vor große Schwierigkeiten.

Niedrige Zuschüsse der Kommission

Zwei Wochen haben Studenten aus neun verschiedenen EU-Mitgliedsländern und der Türkei über Europa debattiert. Türkische Studenten lernten, warum Belgien seit über 250 Tagen keine Regierung hat. Deutschen Studenten wurde die Situation Kurden in der Türkei erklärt. Zusammen diskutierten die Teilnehmer über den Europabeitritt der Türkei. "Noch nie habe ich so viel in so kurzer Zeit über andere europäische Länder gelernt", meint Sebastian Jehle, Masterstudent in European Studies aus Frankfurt.

Doch die Zukunft des Programms ist ungewiss. "Auf Grund der niedrigen Zuschüsse der Kommission wird es das Eurodemos-Programm zum ersten Mal seit seiner Einführung vor 17 Jahren nächstes Jahr nicht geben“, so Esra Atuk über die Zukunft des Intensivprogramms am Bosporus. Als möglicher Ausführungsort für das Jahr 2013 ist Frankfurt (Oder) im Gespräch.

Insgesamt wurden 384 Intensivprogramme im Jahr 2009/2010 von der Kommission organisiert, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. In Deutschland fanden in diesem Zeitraum 37 Intensivprogramme statt. Insgesamt haben in diesem Zeitraum 29.000 deutsche Studenten – so viele wie noch nie – an den drei Erasmusprogrammen (Studienaufenthalt, Praktikum und Intensivprogramme) teilgenommen.

Die Teilnehmerzahlen an den Intensivprogrammen sind im letzten Jahr gestiegen. Doch auf Grund der neuen Subventionierungsvorgaben der Kommission wird es ab 2011 schwieriger, solche Programme durchzuführen. Vorerst scheint es das letzte Mal gewesen zu sein, dass Eurodemos-Teilnehmer aus ganz Europa in Istanbul vom Ruf des Imam geweckt werden, bevor sie über die Identität Europas diskutieren.

Hanna Gieffers