Elektrifizierung: Europas vergessene Option zur Dekarbonisierung der Industrie
Derzeit konzentriert sich die Industrie bei der Verringerung ihres CO2-Ausstoßes vor allem auf Wasserstoff. Laut einer neuen Studie des Think-Tanks Agora Industrie sollte allerdings ein größeres Augenmerk auf die direkte Elektrifizierung gelegt werden.
Derzeit konzentriert sich die Industrie bei der Verringerung ihres CO2-Ausstoßes vor allem auf Wasserstoff. Laut einer neuen Studie des Think-Tanks Agora Industrie sollte allerdings ein größeres Augenmerk auf die direkte Elektrifizierung gelegt werden.
„Es spricht viel dafür, ihre Nutzung zu fördern und die richtigen Anreize für ihre Anwendung zu schaffen“, erklärte Frank Peter, Leiter des Think-Tanks, der 2021 zur Ergänzung der Arbeit von Agora Energiewende gegründet wurde.
In ihrem Bericht werden bestehende und aufstrebende Technologien aufgeführt, die bis 2035 90 Prozent des Prozesswärmebedarfs in der EU decken könnten. Damit könnten zwei Drittel der industriellen Emissionen in der EU, die derzeit etwa 20 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Europa ausmachen, vermieden werden.
Diese Technologien reichen von großen Wärmepumpen, die Temperaturen von bis zu 200 Grad Celsius liefern – die Lebensmittel- und Papierindustrie beginnen bereits mit ihrer Einführung – bis hin zu neueren Plasmabrennern, die Wärme von bis zu 5000 Grad Celsius liefern.
Der Think-Tank weist darauf hin, dass Wasserstoff über die Wasserstoffbank und das Programm für wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse (IPCEI) zahlreiche EU-Subventionen erhalte, während die direkte Elektrifizierung der Industrie vernachlässigt worden sei.
„Wir fordern, dass [die politischen Entscheidungsträger] den gleichen Schwerpunkt und die gleiche Unterstützung für direkte elektrische Lösungen setzen wie wir es für Wasserstoff tun, um sie auf eine gleichberechtigte Basis zu stellen“, teilte Peter einer Gruppe von Journalisten mit.
Schließlich „sehen wir, dass Wasserstofflösungen ihre eigenen Herausforderungen mit sich bringen“, erklärte er. Die Kosten für Wasserstoff, „grün und blau“, seien viel höher als „was man vor drei bis fünf Jahren erwartet hat.“ Er betont die „langsame Einführung“ von Wasserstoff in Europa.
EU-Plan zur industriellen Elektrifizierung
Um das Ungleichgewicht bei der Unterstützung zu beheben, sollte die nächste EU-Kommission einen „Plan zur industriellen Elektrifizierung“ vorlegen. Damit sollten einige der von Agora Industrie ermittelten Hindernisse beseitigt werden.
Dies wird eine „industrielle Allianz“ erfordern, denn „in vielen kleineren Unternehmen fehlt das Bewusstsein, dass es direkte elektrische Lösungen gibt“, so Peter.
Der Plan würde jedoch bedeuten, dass möglicherweise einige EU-Gesetze wie die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED), die zuletzt im Jahr 2023 überarbeitet wurde, geändert werden müssten, um „Einführungsziele“ für die direkte Elektrifizierung festzulegen.
Theoretisch schreibt die derzeitige Erneuerbare-Energien-Richtlinie vor, dass 42 Prozent des von der Industrie genutzten Wasserstoffs aus erneuerbaren Energien stammen sollten. Das Ziel ist aktuell außer Reichweite, denn der Anteil von Wasserstoff liegt derzeit bei 0,2 Prozent. Die Öffnung des Gesetzes für die Elektrifizierung könnte sich daher für die Abgeordneten in der nächsten Legislaturperiode als verlockend erweisen.
„Wir sollten auf jeden Fall darüber nachdenken, ob wir ein spezifisches Ziel für die Nutzung von direkter Elektrizität brauchen“, sagte Peter. „Dies könnte dann in politische Regelungen wie die Erneuerbare-Energien-Richtlinie übernommen werden.“
Abgesehen von Zielvorgaben sind nach Ansicht des Think-Tanks auch Finanzierungsprogramme zur „ausdrücklichen Unterstützung der direkten Elektrifizierung“ erforderlich.
Und dann ist da noch die Frage der Stromnetze. Die Herausforderung des Ausbaus der europäischen Stromnetze war ein wesentlicher Grund, warum sich die politischen Entscheidungsträger zunächst für Wasserstoff und nicht für die direkte Elektrifizierung entschieden haben.
Die Regulierungsbehörden, die verpflichtet sind, sehr konservativ zu planen, müssten in die Lage versetzt werden, „eine starke industrielle Elektrifizierung“ in die Netzplanung zu integrieren. Zudem sollte der produzierenden Industrie ein „einfacher Netzzugang“ gewährt werden.
Dies entspricht den Forderungen des Netzverbands Eurelectric, der sich für mehr Flexibilität bei der Netzplanung durch die Betreiber einsetzt. Die gelockerten Regeln würden es den Netzbetreibern ermöglichen, in die Infrastruktur zu investieren, bevor sie benötigt wird. Dies birgt das Risiko, dass ungenutzte oder zu wenig genutzte „Geistermasten“ finanziert würden.
[Bearbeitet von Donagh Cagney/Rajnish Singh]