Egon Krenz und seine Grenzen (II)
Der letzte Staatsratsvorsitzende und SED-Chef der DDR, Egon Krenz, schildert Korrespondenten in Berlin, wie die Differenzen zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker entstanden seien, wie bankrott die DDR seiner Ansicht nach wirklich gewesen sei und wie die Geschichte das Urteil über ihn und sein Land korrigieren werde.
Der letzte Staatsratsvorsitzende und SED-Chef der DDR, Egon Krenz, schildert Korrespondenten in Berlin, wie die Differenzen zwischen Michail Gorbatschow und Erich Honecker entstanden seien, wie bankrott die DDR seiner Ansicht nach wirklich gewesen sei und wie die Geschichte das Urteil über ihn und sein Land korrigieren werde.
„Wissen Sie, die Mauer ist ja nicht vom Himmel gefallen“, klärt Egon Krenz uns Korrespondenten auf. „Als die Grenzanlagen gebaut wurde, war ich Student. Dem Bau der Mauer war ein Gespräch zwischen Kennedy und Chruschtschow in Wien vorangegangen. Es ging damals darum, eine zweite Berlin-Krise zu verhindern.“ Chruschtschow habe damals vorgeschlagen, einen Friedensvertrag mit Deutschland abzuschließen. Da die Westmächte nicht dazu bereit gewesen seien, habe er gesagt: ‚Dann werden wir einen Friedensvertrag mit der DDR machen.‘
„Als dann die ersten Grenzsicherungsmaßnahmen gebaut wurden, hat kein Geringerer als Kennedy gesagt: ‚Keine gute Lösung, aber besser als ein Krieg.’ Das war nicht Krenz, sondern Kennedy! Es gab natürlich Folgemaßnahmen. Dazu sag ich: Jeder Tote an der Grenze war einer zuviel. Das hab ich übrigens schon zu DDR-Zeiten gesagt. Aber wir waren nicht in der Lage, das zu verändern.“
Grenze gehörte nicht nur Deutschland
Das sei ja nicht nur eine innerdeutsche Grenze gewesen, sondern in erster Linie eine Grenze zwischen zwei Weltsystemen, zwischen zwei Blöcken, zwischen zwei Wirtschaftsverbänden und natürlich auch normale Staatsgrenze“, zählt Krenz auf. „Aber über die Grenze hatte nicht allein die DDR zu verfügen.“
Krenz findet es traurig, dass nach 1990 nur gefragt worden sei: „Wo liegen die Mängel der DDR?“ Nach 40 Jahren Bürgerkrieg wäre es angebracht zu sagen: „Wir gehen jetzt den Weg in die Zukunft, und der ist nicht von gegenseitigen Vorurteilen gepflastert.“
Tapetenmodell Perestroika
Wieso die DDR sich Glasnost und Perestroika widersetzt habe, wollen wir wissen. Zu dieser Frage gehört das berühmte Tapeten-Zitat des SED-Chefideologen Kurt Hager, der im April 1987 gefragt hatte, ob man seine Wohnung neu tapezieren müsse, nur weil der Nachbar neue Tapeten habe.
„Leider war es ein großer Irrtum, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen Gorbatschow und Honecker nur wegen der Perestroika entstanden sind. Es gab schon vorher zwei grundlegende Meinungsverschiedenheiten."
Alte Differenzen
"Das erste Problem", so Krenz: "Unsere sowjetischen Freunde – auch Gorbatschow selbst – befürchteten, dass die DDR und die BRD zu eng aneinander rückten. Auch Gorbatschow glaubte, hinter dem Rücken der Sowjetunion könnten beide deutsche Staaten miteinander kungeln.
Eindeutig war das 1983, als Honecker sagte, dieses Teufelszeug – die Raketen – muss weg von deutschem Boden. Er hatte keinen Unterschied zwischen den Raketen Ost und West gemacht.
Daraus entstand eine sehr komplizierte Situation. Honecker wurde nach Moskau berufen, dort wurde ihm klargemacht, dass das nicht in Ordnung sei. Damals hatte sich Honecker aber von Gorbatschow als Jüngerem im Politbüro, dem zweiten Mann hinter Tschernenko, versprochen, dass er ihn unterstüzen würde. Und genau das hat er nicht getan. Im Gegenteil. Er hat ihn angepfiffen und ist gegen einen Besuch Honeckers in der Bundesrepublik aufgetreten.
Moskaus Eifersucht auf Peking
Der zweite Punkt geht auf 1986 zurück, als eine Delegation der DDR in China war. Der damalige Parteichef Hu Yaobang und Honecker kannten einander aus gemeinsamer Arbeit im Jugendverband. Hu Yaobang hat vor der Delegation seine Strategie dargelegt, wie man die Verbindungen zu den sozialistischen Ländern gestalten kann. Wir haben das ganze Protokoll an Gorbatschow gegeben. Und der hat darauf regiert: Die Beziehungen der DDR zu China dürfen nicht besser sein als die Beziehungen der Sowjetunion zu China – und die waren schlechter.
Die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Gorbatschow und Honecker betrafen also internationale Fragen.
Spätestens 1987 kamen Honeckers Bedenken zur Perestroika, seine waren wesentlich größer als meine Bedenken. Ich habe Gorbatschow viel zu lange vertraut, das weiß ich heute. Das Ergebnis der Perestroika zeigt doch, dass die Zweifel von Erich Honecker gar nicht so unberechtigt waren. Denn das Ziel der Perestroika sollte ja nicht das Ende der Sowjetunion sein, sondern ein erneuerter Sozialismus. Das kann man nicht Honecker ankreiden, dass er das Scheitern der Perestroika früher gesehen hat.
Die Auseinandersetzung mit der DDR hat inzwischen totalitäre Züge angenommen. Alle – ob Medien, ob Politik – sind sich in der Verurteilung der DDR als Unrechtsstaat einig. Allein der Begriff ist eigens für die DDR gemacht worden. Manches, was es in der DDR gab, wird mit der Zeit des deutschen Faschismus verglichen. So ein Vergleich ist unangebracht. Aber die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Reich ist nach 1945 in der BRD sehr sparsam erfolgt. Und jetzt sagt man, man wolle die gleichen Fehler von damals nicht wieder machen.“
Die Ordnung am Tiananmen-Platz
Ein japanischer Korrespondent fragt Krenz nach seinem Besuch in Peking 1989 und seiner Billigung der blutigen Niederschlagung der Studentendemonstration am Platz des Himmlischen Friedens. In der DDR hätten daraufhin alle Angst vor einer chinesischen Lösung gehabt.
Krenz bestreitet jegliche Billigung des Massakers. Es gebe lediglich eine Äußerung von ihm aus dem Jahr 1989, als er im Saarland in einem SPD-Seminar über Sicherheit in Europa und in der Welt gesagt habe: Es sei sehr wichtig, dass Stabilität herrsche.
„Aber ich habe niemals gesagt, dass ich eine Waffengewalt gerechtfertigt hätte. Das hat übrigens auch ein Gericht in Hannover bestätigt. Es hat einer Ministerin des Kabinetts Schröder untersagt zu wiederholen, dass Egon Krenz mit dem Platz des Himmlischen Friedens auch die Bürger der DDR bedroht habe. Diese Unterstellung, ich hätte damit die Bürger der DDR bedroht, weise ich entschieden zurück.“
Er freue sich, dass nicht ein Tropfen Blut geflossen sei. Statt dass sich die Deutschen und alle anderen darüber freuten, würden immer wieder Gerüchte verbreitet.
Der japanische Journalist setzt nach: In der DDR habe damals dennoch große Angst deswegen geherrscht. „Ja, das wird so sein, aber ich habe im Oktober überall und jedem gesagt, dass es in der DDR keine Gewalt geben wird, sondern dass politische Probleme politisch gelöst werden.“
„Also Sie sind die Hebamme der gewaltfreien Revolution der DDR?“ – „Das ist für mich überhaupt keine Frage. Ich wundere mich immer, dass solche Nebensachen diskutiert werden, wer was verhindert hat. Wir sollten uns darüber freuen, dass keine Gewalt ausgeübt worden ist.“
Den Untergang sehr spät erkannt
Was er persönlich gedacht hat? „Ich habe sehr spät erkannt, dass die DDR ihrem Untergang entgegen geht. Natürlich war das auch meine persönliche Niederlage. Sie können mir glauben, dass ich sehr daran trage. Denn viele Menschen haben in diesem Land gern gelebt. Es ist ja nicht nur gegen das Volk regiert worden.
Aber ich gehöre nicht zu denen, die gerne die Mauer oder die DDR zurückhaben wollen. Man muss in die Zukunft schauen. Klar, mein Lebenstraum, mein Ideal ist geplatzt. Aber ich bin Optimist genug, um zu sagen: Diese Gesellschaft, dieser Kapitalismus, das kann nicht das letzte Wort der Geschichte gewesen sein.“
Es sei der Führung nie gelungen, „den Fortschritt und die Errungenschaften der DDR so darzustellen, dass jeder Bürger der DDR sie auch als seinen persönlichen Fortschritt betrachtet hat".
„Die DDR war nicht bankrott“
„Der DDR wird nachgesagt, sie sei bankrott gewesen. Das sagen Politiker aller Couleur. Aber die DDR ist nicht bankrott gewesen! Die DDR hatte ökonomische Schwierigkeiten, aber nennen Sie mir einen Staat auf der Welt, der keine hat.
Die DDR hatte Probleme, weil nicht alle Industrien modern waren, Probleme auch mit dem Umweltschutz und mit dem innerstädtischen Bauen. Das alles bestreite ich ja nicht. Aber die DDR hat bis zu ihrem Ende jede Rechnung bezahlt!
Die Deutsche Bundesbank hat festgestellt, dass die DDR an ihrem Ende 19,9 Milliarden DM Schulden hatte, umgerechnet nicht einmal 10 Milliarden Euro. Nun vergleichen Sie das mit den Summen, mit denen Deutschland und andere Staaten heute verschuldet sind!
Dass also die DDR nur Schulden und eine marode Industrie in die Einheit reingebracht habe, ist nicht wahr. Die Treuhand hat hier große Sünden begangen. Sie hat auch viel Modernes kaputt gemacht. 1993 – auf dem Höhepunkt der Privatisierung – ist auf dem gleichen Territorium nur noch 31 Prozent dessen produziert worden, was einst 1989 in der DDR produziert wurde.“
Ausschluss aus der Linkspartei
1990 bin ich aus der Linkspartei ausgeschlossen worden. Ungeachtet dessen hab ich meinen politischen Standpunkt und bin froh, dass es die Linkspartei gibt. Ich unterstütze sie, wo ich kann. Das Wahlprogramm der Linken ist auch mein persönliches Programm.
In Berlin dürfte Putin nicht mal Müllmann sein
Ein Mann wie Putin, in Russland immerhin Präsident und jetzt Ministerpräsident, dürfte mit seiner Vergangenheit hier in Berlin nicht mal in der öffentlichen Abfallwirtschaft beschäftigt werden. Der öffentliche Dienst ist für solche Leute nicht zugänglich. Das ist Ausgrenzung.
Ich hatte einen Prozess mit 152 Prozesstagen und ein Urteil von sechseinhalb Jahren, von denen ich vier Jahre abgesessen habe.
Aber mit diesem Urteil muss die BRD und muss auch die politische, militärische und juristische Elite der BRD leben. Ich bin selbstbewusst genug, um zu sagen, die Geschichte wird dieses Urteil irgendwann einmal korrigieren. Aber jetzt muss ich damit leben.
Natürlich hat die Bundeskasse der Justiz noch ihre Forderungen an mich. Aber ich ziehe mich nicht zurück, ich gehe auf Versammlungen und werde bis zum letzten Moment meines Lebens politisch tätig sein.“
Entvölkerung und Spaltung
Krenz konstatiert immer noch eine Spaltung dort, wo einst die Grenze verlief. Im Osten sei die Arbeitslosigkeit doppelt so groß wie im Westen, die Renten seien 20 Prozent niedriger als im Westen, manche Gebiete (etwa Ostvorpommern) seien entvölkert, weil die jungen Leute auf Arbeitssuche in den Westen gegangen und die Alten zurückgeblieben seien. „Das wird langfristige Auswirkungen haben.“
Sein Verständnis von Freiheit? „Freiheit ist erst dann Freiheit, wenn man dafür auch die Mittel hat. Freiheit ohne Arbeit ist keine volle Freiheit. Die Arbeit hat erst den Menschen zum Menschen gemacht. Nimmt man ihm die Arbeit, nimmt man ihm seine Würde.“
„Das war ein politischer Prozess“
„Ich brauchte kein Gefängnis, um über die DDR nachzudenken. Ich hab sowieso damit gerechnet, dass man mit den alten Kadern abrechnen wird. Es war ein politischer Prozess. Aber man konnte mich nicht brechen. Man hat mir signalisiert: Würde ich ein Gnadengesuch stellen, würde ich vorzeitig entlassen werden. Aber das hab ich abgelehnt. Ich hatte eine Anklageschrift von 1.555 Seiten. Eine juristische Bewertung machte nur knapp fünfzig Seiten aus. Die anderen 1.500 Seiten waren eine Darstellung der deutsch-deutschen Geschichte – aber aus der Sicht der BRD. Aus dieser Sicht war schon allein die Gründung der DDR ein Verbrechen.“
(Der erste Teil des Korrespondentengesprächs erschien am 5. Januar 2010. Darin schildert Egon Krenz, wie es zu Günter Schwabowskis Pressekonferenz vom 9. November 1989 gekommen war.)
Wird fortgesetzt.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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