E-Mobility - "Wir sind Perfektionisten"
In 20 Jahren könnte sich die Elektromobilität durchgesetzt haben, erklärt Ulrich Buller, Vorsitzender des "Forums Elektromobilität", im EURACTIV.de-Interview. Die Konkurrenz mit Asien sieht Buller "sportlich", Kritik an der Langsamkeit der deutschen Hersteller weist er zurück. Notwendig sei ein europäisches Netzmanagement der erneuerbaren Energien.
In 20 Jahren könnte sich die Elektromobilität durchgesetzt haben, erklärt Ulrich Buller, Vorsitzender des „Forums Elektromobilität“, im EURACTIV.de-Interview. Die Konkurrenz mit Asien sieht Buller „sportlich“, Kritik an der Langsamkeit der deutschen Hersteller weist er zurück. Notwendig sei ein europäisches Netzmanagement der erneuerbaren Energien.
ZUR PERSON
Prof. Dr. Ulrich Buller ist Vorstandsvorsitzender des Forums Elektromobilität e. V. und Mitglied des Vorstands der Fraunhofer-Gesellschaft (Ressort Forschungsplanung). Das Forum soll den schnellen Markteintritt alternativer Antriebstechnologien und -konzepte in Deutschland vorantreiben.
EURACTIV.de: Herr Buller, in der Vergangenheit wurden Markteinführungen von Elektroautos immer wieder verschoben. Würden Sie sagen, Elektroautos sind schon marktreif?
BULLER: Ich möchte auf das System hinweisen. Es sind nicht nur die Autos, auf die es bei der Elektromobilität ankommt. Würde man nur die Autos betrachten, könnte man einfach sagen, die Batterien sind nicht marktreif – sie sind viel zu teuer, die Leistungsdichte ist arg begrenzt, sie sind zu schwer, sie sind zu unzuverlässig und es gibt Sicherheitsprobleme. Aber wie gesagt: wir müssen am gesamten System arbeiten. Der Durchbruch der Elektromobilität als Massenphänomen kommt, wenn es eine ökonomisch attraktive Lösung mit einer komfortablen Infrastruktur gibt.
EURACTIV.de: Teilen Sie die Kritik an deutschen Herstellern, sie hätten den Trend zur Elektromobilität verschlafen?
BULLER: Die deutschen Automobilbauer gehören zu den besten der Welt. Sie sind die Meister der Benzin- und Dieselantriebe. Der ehrgeizige Anspruch – nicht nur hierzulande – ist, dass ein Elektroauto den gleichen Kriterien gerecht wird, die wir inzwischen an ein Auto mit Verbrennungsmotor stellen. Wir sind Perfektionisten – und entsprechend dauert die Entwicklung eines deutschen Elektroautos etwas länger.
EURACTIV.de: Deutschland bemüht sich auf EU-Ebene um technische Normungen. In welchen Bereichen sind Standards besonders wichtig?
BULLER: Elektromobilität ist ein komplexes System. Standards sind an der Schnittstelle Stromnetz-Fahrzeug und im Fahrzeug besonders an der Schnittstelle Energieerzeugung/-verteilung und -umsetzung von zentraler Bedeutung. Wesentlich sind auch die Standards im Zusammenhang mit dem Batteriesystem.
EURACTIV.de: Was würde passieren, wenn unterschiedliche Systeme konkurrieren, etwa beim Ladevorgang?
BULLER: Man wird das sehen. In jedem Fall kosten unterschiedliche Systeme den Verbraucher Zeit und Nerven.
Deutschland vs. Frankreich?
EURACTIV.de: Frankreich und Deutschland erheben im Sektor Elektromobilität jeweils den Anspruch auf die Führungsposition in Europa. Zugleich arbeitet man in der deutsch-französischen "Arbeitsgruppe Automobil" zusammen. Herrscht zwischen Berlin und Paris der Geist der Konkurrenz oder der Kooperation?
BULLER: Man hat immer den Wettlauf der Ideen. Klar ist jedoch allen, dass die Autobauer in Europa in der Elektromobilität vor allem mit asiatischen Herstellern konkurrieren. Und da sollten wir uns in Europa auf die Kooperation besinnen – zum Beispiel bei Normen und Standards oder auch beim gemeinsamen Ausbau der Erneuerbaren Energien beziehungsweise auf ein modernes europäisches Netzmanagement.
EURACTIV.de: In Frankreich haben jüngst 20 Großunternehmen versprochen, 50.000 Elektroautos zu bestellen. Im Jahr 2015 sollen 900.000 private und 75.000 öffentliche Ladestellen verfügbar sein. Ab 2012 sollen Neubauten Elektroauto-Steckdosen haben. Die Regierung fördert den Kauf von Elektroautos bis 2012 mit einem Zuschuss von 5000 Euro. Sollte Deutschland ähnliche Maßnahmen ergreifen?
BULLER: Zweifellos dokumentiert die französische Regierung mit diesen Maßnahmen eine große Entschlossenheit und zweifellos kann man bis 2012 den Markteintritt französischer Elektrofahrzeuge damit deutlich beschleunigen beziehungsweise die Akzeptanz der Verbraucher fördern. Die Frage ist: schaffen wir in Deutschland ähnliche Entwicklungen ohne diesen Anreiz? Ich hoffe das sehr.
EURACTIV.de: Muss die breite Einführung von Elektroautos überhaupt staatlich unterstützt werden? Man könnte auch auf die Kräfte des freien Marktes setzen…
BULLER: Wie schon gesagt, Elektromobilität ist ein komplexes System. Was wir wollen, sind leistungsstarke, sichere, zuverlässige und wettbewerbsfähige deutsche Elektroautos in einer adäquaten Infrastruktur. Der Forschungsbedarf – nicht nur in Bezug auf die Batterien – ist nach wie vor enorm. Wir müssen schnell sein mit den Innovationen. Entsprechend muss der Innovationsprozess staatlich gefördert werden.
Europäisches Netzmanagement gefragt
EURACTIV.de: Wo sehen Sie Europas Position im Vergleich zu asiatischen Herstellern? Kann Europa den Rückstand noch aufholen?
BULLER: Ich sehe das sportlich. Wir wollen eine wettbewerbsfähige europäische Elektromobilität – wir schaffen das. Wir sind stark im Automobilbau, im Maschinenbau, in der Produktionstechnologie, in der Energie- und Elektrotechnik, in der Chemie und wir haben eine leistungsfähige Forschungslandschaft. Wir sollten das in einem engen Schulterschluss aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik angehen. Und zwar sofort.
EURACTIV.de: EU-Industriekommissar Antonio Tajani hat jüngst seine neue Strategie zur Elektromobilität vorgestellt. Was erwarten Sie von Europa?
BULLER: Europa muss sich klar zur Elektromobilität als komplexe Herausforderung bekennen. Für mich heißt das zum Beispiel ein europäisches Netzmanagement der Erneuerbaren Energien oder auch Forschungsprogramme mit disziplinübergreifenden, systemischen Ansätzen. Und natürlich die schnelle Erarbeitung und Durchsetzung von Standards in Europa.
E-Hype – Innovationsprozess wird unterschätzt
EURACTIV.de: Der Energieexperte Georg Erdmann von der TU Berlin sieht ein Dilemma: "Die von der Politik vorgegebene Zeitachse zur Senkung der fahrzeugbedingten CO2-Emissionen ist nicht mit der Zeitachse zur Technologieentwicklung im Bereich der Elektromobilität kompatibel." Überfordert die Politik die Hersteller mit ihren Vorgaben?
BULLER: Komplexe Technologien und Systeminnovationen brauchen ein angemessenes Zeitmanagement. Der gegenwärtige Hype der Elektromobilität ist geprägt von großen Erwartungen; dabei wird der notwendige Innovationsprozess leider häufig unterschätzt beziehungsweise simplifiziert. Dennoch ist es wichtig, dass die Regierung Umwelt- und gesellschaftlich relevante Vorgaben macht und sagt: "Das müssen wir erreichen!"
EURACTIV.de: Rechnen Sie mit einer schlagartigen oder einer langfristigen Einführung von Elektroautos? Welcher Zeitrahmen ist für die Durchsetzung der Elektromobilität realistisch?
BULLER: Ich rechne mit 20 Jahren. Vielleicht wird es ähnlich wie bei der Entwicklung des Mobilfunks und der entsprechenden Geräte. Anfang der 90er war das auch noch keine smarte Technologie.
EURACTIV.de: Als Sorgenkind galt bislang die Batterietechnik. Wie optimistisch sind, dass die Speichertechnologie in absehbarer Zeit effizient, günstig und sicher funktioniert?
BULLER: Sicher ist die Energiespeichertechnik eine der größten Herausforderungen; es geht um geeignete Materialien, die Systemtechnik, das Batteriemanagement und nicht zuletzt um eine konkurrenzfähige Zellenfertigung. Da ist viel zu tun. Aber auch da wird es Durchbrüche geben.
E-Mobility tut dem Klima gut
EURACTIV.de: Sehen Sie in Zukunft einen harten Wettbewerb um die notwendigen Rohstoffe für Batterien?
BULLER: Eventuell ist das zu befürchten. Umso wichtiger ist es, dass wir in der Material- und Werkstoffforschung vorankommen.
EURACTIV.de: Sehen Sie die Gefahr, dass die Elektromobilität dem Klima eher schadet, wenn nicht rechtzeitig gewährleistet wird, dass Sie auf Ökostrom basiert?
BULLER: Elektromobilität tut dem Klima eher gut. Sicher erfordert sie in den nächsten Jahren keine neuen Kraftwerke. Dazu eine Zahl: eine Million Elektrofahrzeuge verbrauchen maximal 2 TWh. Im Gegenzug wächst der Anteil der Erneuerbaren Energien bis 2020 auf über 30 Prozent. Umso wichtiger ist es, dass wir die Elektrofahrzeuge "intelligent" an die Netze bringen – wir müssen an den Smart Grids arbeiten, und das europaweit.
Interview: Alexander Wragge