Döner-Offensive: Türkei will China bei Europas Herkunftsschutz überholen
Ankara intensiviert seine Bemühungen um die EU-Anerkennung beliebter Lebensmittel und rückt damit dem Spitzenreiter China näher – doch das Schicksal des Kultimbisses Döner bleibt weiterhin ungewiss.
Ankara intensiviert seine Bemühungen um die EU-Anerkennung beliebter Lebensmittel und rückt damit dem Spitzenreiter China näher – doch das Schicksal des Kultimbisses Döner bleibt weiterhin ungewiss.
Als Brüssel in den 1990er-Jahren das EU-System zur Registrierung hochwertiger Lebensmittel einführte – eine Art „Reisepass“ für traditionelle Rezepte – diente dies vor allem dem Schutz regionaler Produzent:innen und ihres Know-hows in Zeiten fortschreitender Globalisierung.
Doch das System der geografischen Angaben (GAs) ist selbst zunehmend global geworden. Es spielt nicht nur in jedem von der Kommission verhandelten Handelsabkommen eine Rolle, sondern zieht mittlerweile auch immer mehr Anträge aus Drittstaaten an.
Heute stehen nicht mehr nur Italiens Parmesan oder Frankreichs Roquefort unter EU-Schutz. Auch Chinas Anji-Weißtee und Panjin-Reis sind vor Nachahmung innerhalb der Union geschützt – ebenso wie die mit Pistazien gefüllte türkische Antep-Baklava oder getrocknete Aprikosen aus Malatya.
China und die Türkei belegen derzeit Platz eins und zwei auf der Liste der Herkunftsangaben aus Nicht-EU-Staaten – nun visiert der östliche EU-Nachbar den Spitzenplatz an.
„Es ist offensichtlich, dass die Türkei versucht, sich Europa über eine starke Position im Markt für Qualitätsprodukte anzunähern – gestützt auf geografische Nähe und touristisches Potenzial“, sagte Mauro Rosati, Direktor der in Siena ansässigen Stiftung Qualivita, gegenüber der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore.
Laut Qualivita, die Wirtschaft und Regulierung im Bereich geografischer Angaben verfolgt, stammen derzeit drei von vier anhängigen Anträgen in Brüssel aus der Türkei.
Ankara zieht das Tempo an – hat aber noch Aufholbedarf: Während bislang 36 türkische Produkte EU-weit registriert sind, führt China mit 99 Lebensmitteln, sieben Weinen und vier Spirituosen deutlich.
Doch der türkische Kurs Richtung EU-Siegel ist nicht frei von Hindernissen. Aktuell wartet Ankara gespannt auf Brüssels Entscheidung, ob das ikonische Fleischgericht „Döner Kebab“ unter Schutz gestellt wird – wobei Berlin eine Schlüsselrolle bei der Blockade spielt.
Wem gehört der Döner?
2022 stellte die Türkei einen Antrag, dem „Döner“ den Status einer „garantierten traditionellen Spezialität“ (TSG) zu verleihen – ein Schutzsystem, das im Gegensatz zu GAs nicht die geografische Herkunft, sondern die Rezeptur eines Lebensmittels schützt.
Ankara will verbindliche Regeln zur Zubereitung des Döners festlegen – von der Dicke der Fleischscheiben bis hin zur Dauer der Marinierung. Deutschland sagt: Hände weg vom rotierenden Fleisch.
„Im Sinne der vielen Fans in Deutschland soll der Döner so bleiben, wie er hier gerne gegessen wird“, erklärte das Bundeslandwirtschaftsministerium Anfang des Jahres.
Der Döner, ein kulturelles Symbol der türkischen Migration, hat sich in Deutschland zum Imbissklassiker entwickelt – und in Sachen Beliebtheit mancherorts sogar die Currywurst verdrängt.
Auch Ex-Agrarminister Cem Özdemir, selbst Sohn türkischer Einwanderer, meldete sich 2024 zu Wort, nachdem die EU Ankaras Antrag veröffentlicht hatte.
„Der Döner gehört zu Deutschland. Wie er hier zubereitet und gegessen wird, sollte jeder selbst entscheiden dürfen. Da braucht es keine Vorgaben aus Ankara“, schrieb er in einem Beitrag auf Social Media.
Auf dem dazugehörigen Foto: Özdemir mit einem Lächeln – neben ihm ein Banner mit der Aufschrift: „Döner macht schöner“.
Die Gespräche zwischen der Türkei und ihren Gegnern – darunter Deutschland und Österreich – endeten nach monatelangen bilateralen Verhandlungen ohne Einigung. Nun liegt das Schicksal des Döners bei der Europäischen Kommission. Ein Zeitplan für die Entscheidung wurde bisher nicht genannt.
Ein Kommissionssprecher erklärte gegenüber Euractiv, die Entscheidung werde „zur gegebenen Zeit“ getroffen.
Jeremias Lin hat zur Berichterstattung beigetragen.
(adm, aw)