Diplomatische und andere Kanäle

Die einen öffneten den Gullideckel, andere den Kofferraum. Die einen tauchten durch die Kloake von Ostberlin in die Freiheit, die anderen wechselten in einer Botschafterlimousine die Grenze. Der Jahrestag des Mauerfalls lässt die Emotionen von „Republikflüchtlingen“ und Fluchthelfern noch einmal hochkommen.

Ende eines Fluchtwegs. Sperrgitter im Kanal unter der Stubenrauchstraße in Berlin. (Foto: Rene Quabbe/Museum am Wasserwerk)
Ende eines Fluchtwegs. Sperrgitter im Kanal unter der Stubenrauchstraße in Berlin. (Foto: Rene Quabbe/Museum am Wasserwerk)

Die einen öffneten den Gullideckel, andere den Kofferraum. Die einen tauchten durch die Kloake von Ostberlin in die Freiheit, die anderen wechselten in einer Botschafterlimousine die Grenze. Der Jahrestag des Mauerfalls lässt die Emotionen von „Republikflüchtlingen“ und Fluchthelfern noch einmal hochkommen.

„Unser persönlicher Tag Jahrestag ist nicht der 9. November, sondern der 16. September“, erzählt Klaus-Dieter Richter. An diesem Tag im Jahr 1976 schafften sie die Flucht. Er, seine Frau Gabriele, seine Mutter Carmen und sein Vater Hans-Jürgen. Alle vier gleichsam als diplomatisches Lebendgepäck in einem Mercedes 450 SEL.

Es gab unzählige Versuche, die deutsch-deutsche Grenze zu überwinden. Der feinste war der Transfer im Diplomatenwagen, der unfeinste die Flucht durch das Kanalsystem. Beide Wege sind wenig bekannt. Riskant und lebensgefährlich waren sie alle.

CD 53-02

Im Fall der Richters war es Adriano T., ein Portugiese, der für die DDR-Botschaft von Zaire arbeitete. Er fuhr die Limousine des Gesandten mit dem Kennzeichen CD 53-02 in weißer Schrift auf rotem Nummernschild. Übersetzt: Zweiter Mann der Botschaft von Zaire (heute Kongo), das als 53. Staat die DDR diplomatisch anerkannt hatte. So einen durften die DDR-Grenzer nicht kontrollieren. Sie durften nur die Diplomatenpässe der Insassen checken. Die Insassen ohne Diplomatenpässe sahen sie nicht, die waren versteckt. Hinten im Kofferraum oder vorne im Fußraum des Wagens, zugedeckt mit Zeitungen, Decken und Einkaufstüten.

Der Transfer von der einen Seite auf die andere, vom Ostblock nach Westberlin, dauerte nur ein paar Minuten. Die Vorbereitungen dauerten eine Ewigkeit und kosteten viel Geld.

Richter senior hatte in den 15 Jahren seit dem Mauerbau schon unzählige Fluchtversuche hinter sich. Einmal im Ford Capri eines westdeutschen Verwandten an der ungarisch-österreichischen Grenze. Einmal im selbstgepanzerten Ford Eifel (Baujahr 1936) am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße. Einmal – als Idee – mit einem Propeller-Fluggerät am Rücken, das ihn über den Mauerstreifen hätte tragen sollen; einmal mit einem selbstgebauten Ballon; einmal in einem Sägespänetransport vergraben. Nie hat es geklappt, einmal wurde er sogar verhaftet.

Richter junior wollte als Schiffskoch anheuern, um einmal abspringen und die anderen nachholen zu können. Weil er Verwandte im Westen hatte, bekam er genau diese Stelle nicht.

Die Wut wuchs

Seine Wut über die gestohlene Freiheit ließ Richter senior keine Ruhe. „Die Freiheit war für mich immer das höchste Gut“, sagt er rückblickend. „Ums Geld ging es nicht, materiell hatten wir ja keine Probleme.“ Er verdiente sehr gut als Abteilungsleiter Fleisch in der Markthalle am Alexanderplatz, wo er ein Kollektiv von 70 Mitarbeitern zu führen hatte – und keine Gelegenheit ausließ, durch Manipulationen an Geld zu kommen, auch an Devisen.

Ähnlich sein Stiefsohn Klaus-Dieter, der in den Imbissständen der Markthalle so gut verdiente, dass er sich mit 18 aus selbst verdientem Geld einen Trabi kaufen konnte – völlig ungewöhnlich in der DDR.

Die Flucht als Diplomatengepäck war schließlich die rettende Idee. Aber wie unauffällig an einen Diplomaten herankommen? Einen, dem man vertrauen kann, und einen, der auch umgekehrt vertraut, dass man nicht einer von der Stasi ist?

Das Diplomatenauto von Zaire

Das befreundete Zahnarztehepaar Renate und Dietrich W. aus der Poliklinik lud zu einer Party nach Hause in Kleinmachnow. Keiner der Gäste wusste, dass es die Abschiedsparty der Gastgeber war. Ein paar Stunden nach der Einladung war das Ehepaar im Westen. Im zairischen CD-Auto. Da das Ehepaar wusste, die Richters wollten auch unbedingt „rübermachen“, machten sie sie mit Adriano bekannt.

Als Freunde des verschwundenen Ehepaars W. mussten die Richters extrem aufpassen. Sie wurden beschattet und abgehört. Sie entdeckten Teleobjektive, die auf sie gerichtet waren. Die Stasi-Akten von Richter senior füllen sieben Ordner, die von Richter junior zwei.

Um die Stasi abzulenken, verabredete sich Richter am Telefon weiterhin für die folgenden Tage. Er versuchte auch nicht, Antiquitäten oder Hausrat zu verkaufen. Viele Fluchtwillige hatten sich damit früh verraten. Er packte auch nichts zusammen zum Mitnehmen. Auch das wäre aufgefallen. „Alles Materielle kann man nachkaufen. Nur die Freiheit nicht.“

Die Angst vor einer Verhaftung machte sie extrem vorsichtig. Da Verhaftungen immer erst ab sechs Uhr früh erfolgten, verließen sie am Tag der vereinbarten Flucht schon um fünf Uhr das Haus. Alle ärgerten sich, dass Mutter Carmen reflexartig noch das Frühstücksgeschirr abwusch. Für wen? Um allfällige Verfolger loszuwerden, fuhren sie getrennt mit dem Auto los, stiegen in eine Straßenbahn um, dann in eine S-Bahn und gingen später zu Fuß weiter.

Viermal Fluchthilfe: 120.000 DM, steuerfrei

An verabredeter Stelle an der Schönhauser Allee fuhr zairische Mercedes 450 SEL vor, dann ging es direkt in die Botschaftsgarage, vorbei an den DDR-Wachposten. Zweimal fuhr Adriano hinüber: Um 7.00 Uhr mit dem älteren, um 7.30 Uhr mit dem jüngeren Paar. Im Kofferraum hörte Klaus-Dieter Richter den Grenzer sagen: „Kann passieren.“ Kurz nach dem Übergang Bornholmer Straße stoppte Adriano im tiefsten Wedding. Das Haus Sommerstraße 9 hatte eine Autoeinfahrt, in der die Richters unbeobachtet aussteigen konnten. „Erst als der Kofferraumdeckel aufging und ich ein Westberliner Kennzeichen neben uns sah, wusste ich, es hat geklappt“, sagt Richter junior. Der Senior legte Adriano das Honorar für die vierfache Fluchthilfe auf den Beifahrersitz, einen Sack mit 120.000 D-Mark.

Als alle Vier zusammen waren, lagen sie sich lang in den Armen. „Dann sind wir eine halbe Stunde nur um den Block rumgegangen, keiner von uns hat was geredet. Wir fanden einfach keine Worte.“ Für den Bus Richtung Ku’Damm hatten sie kein Westgeld, sie zeigten ihre DDR-Ausweise. Gerade geflüchtet! Eine ganze Familie! Der Fahrer sagte: „Ich fahr euch hin, wo ihr wollt!“

Spione im Aufnahmelager

Das erste Gespräch im Westen werden die Richters nicht vergessen: „Endlich waren wir im Aufnahmelager Berlin-Marienfelde, und da hat uns der Westberliner Staatsschutz gleich gewarnt, wir sollten aufpassen, was wir reden.“ Das Aufnahmelager war von Stasi-Leuten unterwandert, die alles in die DDR berichteten.

Aus Angst vor Kidnapping und Verschleppung in die DDR tauchten sie zunächst ins Saarland ab. Dort verwirklichten sie ihren Traum und öffneten das Restaurant Alt-Brandenburg. Zurück in Berlin, eröffneten sie 1979 das Spandauer Bistro Bonaparte und 1989 neben der Zitadelle im ältesten Teil Spandaus das Restaurant Kolk. „Die 20 Jahre Mauerfall sind für uns auch 20 Jahre Kolk.“ Den „Befähigungsnachweis zur Leitung einer sozialistischen Gaststätte“ hatte er. „Wenn ich geahnt hätte, dass die Mauer aufgeht, wäre ich nach Ostberlin gegangen und hätte dort sofort ein Lokal aufgemacht.“ Richter junior ist nun schon viele Jahre Vizepräsident des DEHOGA Berlin, des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands, und Vorsitzender der Fachgruppe Gastronomie.

Was die beiden heute stört? „Dass die Leute, die damals schon oben waren, jetzt wieder und immer noch oben sind.“ Dass das Zusammenwachsen der beiden deutschen Hälften länger dauert als erhofft. Dass es immer noch die Ewiggestrigen gibt. Dass man noch immer  noch kein gemeinsames deutsches Nationalbewusstsein entwickelt hat." Der 68-jährige Richter ärgert sich über die geklauten Jahre. „Die fehlen mir, das waren goldene Zeiten im Westen.“ Der 52-jährige dagegen will seine zwanzig Jahre Erfahrung in der DDR nicht missen. Er habe dort vieles gelernt, was ihm im jugendlichem Alter das Integrieren ins westliche System erleichtert habe. 

Gefälschte Papiere aus der Botschaft

Adriano hat insgesamt an die dreißig Leute rausgeholt, nach den Richters allerdings niemanden mehr. Auch Diplomaten aus anderen Ländern halfen mit ihren Privilegien, teils aus Menschlichkeit, teils aus Geschäftemacherei. Manche Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter halfen auch mit gefälschten Papieren und Pässen.

Andere Flüchtlinge brauchten keine echten und gefälschten Pässe, sie hätten nach dem Seiten- und Systemwechsel nur noch aufgeweichten, nach Kloake stinkenden Papierfetzen gehabt.

DDR lebt in Gullideckeln fort

"Made in GDR" steht noch heute auf rund 25.000 Berliner Gullideckeln. In den Deckeln, die ewig halten, wird die DDR noch Generationen weiterleben. Kein Tourist, kaum ein Berliner ahnt, welche Tragödien sich unter einigen Kanaldeckeln abgespielt haben.

Die darunter liegenden Abwasserkanäle benutzten DDR-Bürger einst zur Flucht in den Westen. Wieviele Menschen einen dieser 93 Wege nahmen, ist unbekannt.

Stasi-Leute als Kanalexperten

Schon vor dem Mauerbau wurden in einige Abwasserkanäle Sperrgitter eingebaut, die das Einsickern von Spionen von West nach Ost verhindern sollten. Nach dem Mauerbau war es umgekehrt, da sollten Fluchtversuche von Ost nach West vereitelt werden. Deshalb hatte sogar das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die Oberaufsicht über die unterirdischen Abwasserkanäle übernommen.

Zum Jubiläum des Mauerfalls gibt das Museum im Wasserwerk am Müggelseedamm in Berlin-Friedrichshagen eine Ahnung von den 54 Sperranlagen im unterirdischen Grenzausbau. Trotz der Gitter war die Kanalisation ein wichtiger Fluchtweg. Bis Mitte 1962 gelangten viele Menschen durch einige begehbare Kanäle nach Westberlin, dann war die Berliner Unterwelt hermetisch abgeriegelt – mit einer neuen Art von Gittern. Die Stahlstäbe befanden sich in drehbar gelagerten Rohren, so ließen sie sich nicht mehr durchsägen. Selbst Kanäle unter 500 Millimeter Durchmesser wurden damit ausgestattet, wie Lothar Siegert, Leiter Technik im Kanalbetrieb der Berliner Wasserbetriebe, schildert.

Signalgeräte unter der Schachtabdeckung

Auch die Einstiege wurden gesichert, Zwischendeckel angebracht, die Deckel teilweise verschlossen und elektrische Signalgeräte unter der Schachtabdeckung oder Druckmelder eingebaut. Manche Kanäle wurden durch den Einbau kleiner Betonröhren noch enger gemacht.

Ulrich Pfeifer ist einer von denen, die vor 1962 durch die Kanalisation nach Westberlin entkamen. Der betagte Bauingenieur und freiberufliche Statiker kam damals unter der Gleimstraße durch. Die Kanalisation verläuft dort unter dem Bahngelände und dem Gleimtunnel, einer Unterführung, und biegt dann rechts ab. Annähernd 100 Menschen gelang im September und Oktober 1961 auf diesem Weg die Flucht. 

Ulrich Pfeifer, unterirdisch

Sein Entschluss zur Flucht fiel gleich am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus. In der Nacht davor war er mit seiner Freundin im Kino. Anschließend sei er nichtsahnend mit der S-Bahn zurück in seine Wohnung nach Ostberlin gefahren, erzählt Pfeifer. Kurz nach Mitternacht sei noch nichts zu sehen gewesen.

In den Frühnachrichten habe er von der Abriegelung gehört. "Ich bin fast aus dem Bett gefallen", sagt er. "Das kann sich doch die Bevölkerung nicht bieten lassen!" Er fuhr mit seiner Freundin zum Brandenburger Tor, als gerade Stacheldraht ausgerollt wurde. "Das Volk hat sich‘s gefallen lassen, und wir auch.”

FDJ-Sekretär als Fluchthelfer

Sie haben kurz überlegt, gleich dort zu fliehen. "Aber da hat uns so ’n bisschen der Mut gefehlt", räumt Pfeifer ein. Als die beiden Urlaub in Dresden machten, traf er im Bühlauer Bad einen Kommilitonen aus Berlin, der ihm einen Fluchthelfer vermittelte. "Witzigerweise war es ausgerechnet unser FDJ-Sekretär", erinnert sich Pfeifer.

Am 6. September sei er dann für einen Anderen zur Schönhauser Allee gegangen. Dort warteten schon vier Frauen und ein Mann zwischen 25 und 27. Da höchstens sechs Flüchtlinge mit konnten, habe er mit seiner Freundin ausgemacht, dass er mitgehe und sie später rüber komme.

Um zwei Uhr nachts kamen sie mit Haken für die Deckel. Denn darunter sei noch ein Blechdeckel als Laubfang gewesen.

Der Kanal war ein eiförmiger Mischwasserkanal von 1,40 Metern Höhe. "Man konnte gebückt gehen", erzählt Pfeifer. "Ich bin dann als Letzter über die Eisensprossen rein und habe mich im Kanal an der Wand langgetastet, wo die Abflüsse der Wohnhäuser waren.” Es sei total eklig gewesen. "Man war natürlich verdreckt und verschlammt. Aber der Wunsch war so groß, dass der alles überdeckt hat."

Das System mit dem “Deckelmann”

Sie haben dann Lichter von Taschenlampen in der Ferne gesehen. "Studenten von der TU haben den Gullideckel im Westen angehoben und mit einem VW-Bus auf uns gewartet.” Der Siebte, der sogenannte "Deckelmann", musste in Ostberlin bleiben, um den dortigen Gullideckel wieder zu verschließen. "Der war dann Anführer der nächsten Gruppe", erzählt Pfeifer.

Hauptmotiv seiner Fluchthelfer sei gewesen, Freunde, Ostberliner Studenten an der TU-Berlin, rauszuholen. "Jeder, der rüberkam, hatte einen Rattenschwanz an Freunden, die auch fliehen wollten.”.

Mit 22 ins Zuchthaus

Die Gruppe mit seiner Freundin versuchte es unter der Esplanade in Pankow. Aber die Volkspolizei nahm sie alle fest. “Im Dezember 1961 war der Prozess, meine Freundin kriegte sieben Jahre Zuchthaus.” Sie war 22. Nach drei Jahren Haft wurde sie “intensivst bearbeitet, bis sie letztlich unterschrieben hat als IM”. Als Informelle Mitarbeiterin der Stasi wurde auf prominente Ärzte in der Geschwulstklinik an der Akademie der Wissenschaften angesetzt, bei denen man fürchtete, dass sie abhauen könnten. Da sie sich “zu passiv” verhielt, ließ man sie nach eineinhalb Jahren in Ruhe.

Burkhart Veigel: Acht Jahre lang Fluchthelfer

Ulrich Pfeifer betätigte sich noch lange Zeit selber als Fluchthelfer. Wie auch Burkhart Veigel. Der Rentner schreibt gerade ein Buch über die Fluchthilfe, bevor ihm die Zeitzeugen wegsterben. „Die Motivation als Fluchthelfer war Freiheit“, erläutert er seine Bereitschaft.

Er habe acht Jahre nur Fluchthilfe gemacht und nebenher weiterstudiert. „Am Anfang waren die Fluchthelfer ja Helden“, berichtet er. Die Amerikaner haben gar nichts gemacht. Die Presse habe sich anfangs fantastisch zurückgehalten und nichts über Flucht und Fluchthelfer geschrieben. „Es war eine tolle Kooperation“, schwärmt Veigel.

Der Roten Hilde entkommen

Die DDR machte Schwierigkeiten bei Passierscheingesprächen mit dem Westen und verlangte vom Westberliner Senat: „Stellt eure Fluchthelfer kalt!” Als der Senat versuchte, ihn zum Aufhören zu bewegen, habe Veigel erwidert: "Ich könnt‘ schon aufhören, wenn ihr mir meine Flüchtlinge rüberholt", erinnert er sich amüsiert. Das haben sie natürlich nicht gekonnt. „Ab da hat‘s eine schlechte Presse gegeben.“

"Die Hauptfluchthelfer waren selbst aus dem Osten", sagt Veigel. Hilfe für Verwandte oder Hass auf das System waren die Hauptgründe. "Die Stasi hat sich ihre Gegner selbst zusammengeprügelt", meint er und nennt als Beispiel Hasso Herschel, der drei Tage von der Stasi in die Mangel genommen worden sei. Vorher sei Herschel ein Überzeugter gewesen, dann habe er die DDR nur noch gehasst.

Als Fluchthelfers sei er zwei Mal fast gekidnappt worden. Beide Male sei er entkommen. "Die Rote Hilde" – Hilde Benjamin war die Justizministerin der DDR – “wollte mich zum Tode verurteilen.” Aber er habe gute Nerven gehabt und war als Zehnkämpfer durchtrainiert.

Durchlass nur für Ratten

Obwohl es im Kanalsystem ohnehin keine Fluchtchancen mehr gab, wurden Mitte der sechziger Jahre dünnere Gitterrohre in die Kanäle eingebaut und sogar mit Signaldrähten versehen. Die Drähte verliefen zu den Beobachtungstürmen der Grenztruppen.  Ende der Achtziger veränderte man die Zu- und Auslassöffnungen der Kanalisation und sicherte sogar Kanäle ab 300 Millimeter Durchschnitt. Nur noch Ratten konnten in den Westen.

1988/89 begann die DDR schließlich, das gesamtstädtische Kanalsystem zu entflechten. Man trennte die Abwasserentsorgung, baute Kanäle um, verlegte neue Rohrleitungen und errichtete eigene Pumpwerke im Osten, damit die Abwässer nicht in Richtung Westen flossen. Der verhasste kapitalistische Nachbar sollte kein Geld mehr für die Entsorgung bekommen.

"Der Rückbau hat in den 1990er Jahren begonnen", erinnert sich Lothar Siegert von den Wasserbetrieben. Übrig blieb nur das Gitter in der Invalidenstraße/Ecke Scharnhorststraße. Für Besichtigungen.

Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.

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