Digitaler Wandel könnte zu Fachkräftemangel und Massenarbeitslosigkeit führen

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Die Gutachter warnten vor einer “verschärften Diskrepanz der angebotenen und nachgefragten Qualifikationsprofile”. 
Die Gutachter warnten vor einer “verschärften Diskrepanz der angebotenen und nachgefragten Qualifikationsprofile”.  [BMWK/Susanne Eriksson]

Das Nebeneinander von Fachkräftemangel und Massenarbeitslosigkeit stelle eine große Herausforderung für den deutschen Arbeitsmarkt in der digitalen Transformation dar, so ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). 

Deutschland solle daher einen “Aufholprozess” starten und betriebliche Weiterbildungs- und Umschulungsangebote reformieren. Mittlerweile sei das Land nämlich in vielen Bereichen kein Industrieführer mehr. 

Das Gutachten wurde am Donnerstag (28. April) von dem Beiratsvorsitzenden Klaus Schmidt und dem Beiratsmitglied Jens Südekum bei einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Grund zur Panik vor einer technologisch bedingten Massenarbeitslosigkeit bestehe zwar momentan nicht, da technologischer Fortschritt auch zur Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten führe, jedoch warnten die Gutachter vor einer “verschärften Diskrepanz der angebotenen und nachgefragten Qualifikationsprofile”. 

Reform der Weiterbildung

Um dem entgegenzuwirken, müsse die Bundesregierung eine umfassende Reform der beruflichen Weiterbildung unternehmen. Auch eine gesetzliche Verankerung eines Rechtsanspruchs auf Weiterbildung solle geprüft werden, so die Gutachter. 

Der Digitalverband Bitkom hält allerdings wenig von einer solchen Idee.

“Weiterbildung soll dabei bedarfsorientiert und passgenau erfolgen. Ein allgemeines Recht auf Weiterbildung ist nicht dazu geeignet, die dauerhafte Beschäftigungsfähigkeit praxisgerecht sicherzustellen”, sagte Elisabeth Allmendinger, Bildungsexpertin beim Digitalverband Bitkom, gegenüber EURACTIV.

Der Sinn eines solchen Rechtsanspruchs, so die Gutachter, wäre jedoch nicht, dass Kurse belegt werden, die an den Unternehmensinteressen vorbeigehen. Deswegen sollen Unternehmen konkrete Inhalte definieren und von einem “Anspruch”, nicht einer “Pflicht” die Rede sein. 

Allmendinger meinte zudem, dass die Bringschuld für Weiterbildung nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch den Mitarbeiter:innen liege, die aktiv einfordern sollen, wo sie Unterstützung brauchen. 

Für einen niederschwelligen Zugang zu und Überblick über Weiterbildungsmaßnahmen und Förderangeboten braucht es laut Allmendinger einen Online-Weiterbildungsmonitor, der eng mit der nationalen Bildungsplattform sowie den Maßnahmen der nationalen Weiterbildungsstrategie verzahnt werden sollte. 

Bezüglich IT-Fachkräftemangel pocht die Bildungsexpertin auf eine Förderung von praxisnahen Coding-School- und Bootcamp-Kursen und die Bereitstellung von Geldern für die Finanzierung der Kurse für Quereinsteiger.

Erhöhung der Ungleichheiten 

Außerdem befürchten die Gutachter, dass disruptive Arbeitsplatzverluste auch Ungleichheiten bei Löhnen und Einkommen weiter erhöhen könnten, was zu zusätzlichen Belastungen in den sozialen Sicherungssystemen führen würde. 

International werden diesbezüglich weitreichende Instrumente vorgeschlagen, wie etwa die Einführung von “Robotersteuern”. Noch sei es zu früh, hier spezifische Empfehlungen für die Bundesregierung auszusprechen, jedoch solle diese Literatur ernst genommen werden, so die Gutachter. 

Die doppelte Besteuerung – von sowohl Robotereinsätzen als auch Gewinnen – sollte aber aus wettbewerbsrechtlicher Sicht eingehend geprüft werden. Es stelle sich die Frage, ob solche neue Steuern ohne internationale Koordination eingeführt werden sollten. 

Insbesondere aufgrund der starken Abhängigkeit Deutschlands vom Außenhandel könnte es hier zu negativen wirtschaftlichen Effekten kommen. 

“Wir müssen uns in hierzulande überlegen, ob wir uns damit nicht selbst ins Knie schießen würden. Diejenigen, die in diesen Technologien am weitesten entwickelt sind, haben die geringsten Probleme mit dem Kulturwandel,” so Schmidt. 

[Bearbeitet von Oliver Noyan]