Die Wendehälse vom 4. November 1989
Die Massendemonstration vom 4. November 1989 am Alexanderplatz – ein Meer von Menschen und Transparenten, eine Rednerbühne für mutige Bürgerrechtler, ein Schauspiel an Verrenkungen politischer Wendehälse. Fünf Tage, bevor die Mauer fiel, verfiel die ganze Autorität des Regimes.
Die Massendemonstration vom 4. November 1989 am Alexanderplatz – ein Meer von Menschen und Transparenten, eine Rednerbühne für mutige Bürgerrechtler, ein Schauspiel an Verrenkungen politischer Wendehälse. Fünf Tage, bevor die Mauer fiel, verfiel die ganze Autorität des Regimes.
Die Formation war perfekt. Das Militär hätte es nicht akkurater machen können. Auf jeder der vier Fahrspuren bewegte sich ein Reinigungsfahrzeug, jeweils um genau eine halbe Fahrzeuglänge versetzt. Sie rollten im Schritttempo voran, absolut gleichmäßig. Wie eine preußische Choreographie zum Ende des DDR-Regimes.
Die Reinigungskommandos schoben viel Müll vor sich her und kehrten die Fahrbahn. Sie reinigten die Straßen, als sollten Spuren vernichtet und ein Stück Geschichte weggewischt werden. Bis heute interessiert mich weniger, was den „Wendehälsen“ der DDR-Nomenklatura am Abend des 4. November 1989 durch den Kopf ging, als vielmehr, was in den Köpfen dieser Stadtreiniger vorgegangen sein mag.
Dass ab diesem Tag nichts mehr sein würde wie vorher, das muss ihnen klar gewesen sein. Denn mit Aufräumarbeiten zum Abschluss einer oppositionellen Demonstration waren sie in der Hauptstadt der DDR bisher noch nie beauftragt gewesen.
Kurz vorher hätte man noch damit rechnen müssen, dass die Vehikel zum Verscheuchen der Demonstranten und zur Auflösung einer Kundgebung eingesetzt würden. Dafür war es diesmal zu spät.
Etwa eine Million Menschen – fast so viele, wie Ostberlin Einwohner hat, hatten sich an der größten Demonstration beteiligt, die jemals in der DDR stattfand. Ob es tatsächlich eine oder nur eine halbe Million Menschen waren, wird sich nie mehr feststellen lassen. In jedem Fall war der 4. November 1989 überwältigend.
Widerspruch und Salz und Pfeffer
Mit der SED und dem Stalinismus gingen die Demonstranten und die meisten der 26 Redner am Ostberliner Alexanderplatz hart ins Gericht. Wer von der SED selbst das Wort ergriff wie etwa Politbüromitglied Günter Schabowski, der hatte kaum Chancen, sich gegen Buh-Rufe und „Aufhören! Aufhören!“ Gehör zu verschaffen. Schabowski hatte den schwersten Stand. Pfiffe übertönten seine Fünf-Minuten-Rede. Sprechchöre wie „Wir sind das Volk!“ erstickten seine Frage: „Was bewegt einen Kommunisten in dieser Stunde?“ Mit „Lüge! Lüge!“ quittierte die Masse sein Versprechen, die SED werde lernen, „mit Widerspruch, mit Salz und Pfeffer“ zu leben.
Volkspolizei war kaum zu entdecken. Zwar stand die Exekutive massiv in den Seitenstraßen bereit, aber sie schritt nicht ein. Es gab keinen Zwischenfall. Allerdings hatten die Polizisten den Weg zum Brandenburger Tor und zur Berliner Mauer versperrt. Ein spontaner Umweg der Menschenmassen von der genehmigten Demonstrationsroute sollte auf jeden Fall verhindert werden.
Kralle der Macht, Pfötchen des Dialogs
Manfred Gerlach von der Liberalen Blockpartei (LDPD) forderte die Volkskammer auf, endlich zur Lage Stellung zu nehmen. Tosender Applaus erhielt er für den Satz: „Jetzt geht es auch um den Rücktritt der Regierung.“ Jens Reich vom Neuen Forum sagte, der Dialog sei nicht das Hauptgericht, sondern die Vorspeise.
Pfarrer Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg wandte sich an die Ausreisewilligen: „Hier lohnt es sich, hier wird es spannend, bleibt doch hier!“ Er bekundete Respekt vor denen, die freiwillig zurücktreten. „Wer gestern noch die scharfe Kralle der Macht gezeigt hat und heute das sanfte Pfötchen des Dialogs hinhält, soll sich nicht wundern, wenn man darunter noch die Kralle vermutet.“
"Deutsche haben immer gekuscht"
Als „Nestor“ der Bewegung sagte der Schriftsteller Stefan Heym, das Volk habe die Sprachlosigkeit überwunden und den aufrechten Gang erlernt – „und das in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen daneben gegangen sind und die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis und später auch“.
Die Schriftstellerin Christa Wolf sprach offenbar vielen aus dem Herzen: „Wir können das Wort Dialog schon nicht mehr hören!“ Dann zitierte sie aus dem „Literarischen Volksvermögen“: „Stell Dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg.“ Und: „Ein Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei.“
Markus Wolf und die Scheinwelt
Markus „Mischa“ Wolf, der 34 Jahre lang die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) – den Auslandsspionagedienst im Ministerium der Staatssicherheit – geleitet hatte, präsentierte sich wie viele andere als Wendehals: “Trotz mahnender Stimmen in unseren eigenen Reihen konnten wir nicht verhindern, dass unsere Führung bis zum 7. Oktober in einer Scheinwelt lebte und selbst dann noch versagte, als die Menschen anfingen, mit den Füßen abzustimmen. Das war bitter für uns Kommunisten.“ Der Fackelzug am Abend des 6. Oktober und die Militärparade am Morgen des 7. Oktober wirkten, so Wolf, wie ein Abschied von einer längst vergangenen Zeit, und doch liege diese Zeit erst vier Wochen zurück. „Wir dürfen ihre Rückkehr nie wieder zulassen.“ Hunderttausende Kommunisten, die ehrlich gearbeitet hätten, erwarteten einen klaren Kurs.
Initiiert hatten die Demonstration Berliner Künstler und das Neue Forum. Hunderte Künstler fungierten mit gelb-grünen Armschleifen und der Aufschrift „Keine Gewalt“ als Ordnungskräfte.
Schließlich forderten die Organisatoren die Einsetzung einer unabhängigen Kommission aus Historikern, Juristen und interessierten Bürgern. Dieses Gremium sollte alle Verfahren aufrollen, in denen jemand wegen angeblicher Straftaten gegen den Staat verurteilt worden sei. Unschuldig Inhaftierte sollten nicht nur amnestiert, sondern voll rehabilitiert werden.
Sie forderten ein "Abrüstungsprogramm" für Wasserwerfer, Rechenschaft über den Anteil am Nationaleinkommen, der für die Sicherheitstruppen ausgegeben wird, Rechenschaft, wie die SED mit dem Valutamonopol umgegangen sei, was sie für sich abgezweigt habe und welche Investitionsmöglichkeiten sie damit verhindert habe.
Sie verlangten die Offenlegung der politischen Biographien und Strafen für jene, die sich der Rechtsbeugung schuldig gemacht hätten.
Und sie forderten, dass bei der nächsten Massendemonstration – zu der es freilich nie mehr kommen sollte – auch Wolf Biermann mitmachen könne. Dem ausgebürgerten Liedermacher war die Einreise verweigert worden.
„Kein Artenschutz für Wendehälse“
Auf ihren Transparenten forderten die Demonstranten Reformen, Demokratie und Freiheitsrechte sowie den Abbau der gigantischen Staatssicherheitsapparats: „Vopos, Stasi, Volksarmee – Fließbandarbeit tut nicht weh!“
Eine Tafel zeigt eine Karikatur mit dem neuen Regierungschef Egon Krenz: „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ Weitere Sprüche auf den Transparenten: „Eure Politik ist zum Davonlaufen“, „Wer sich nicht bewegt, fühlt seine Fesseln nicht“, „Reformen, aber unbekrenzt“, „Das Volk sind wir, gehen solltet ihr“, „Kein Artenschutz für Wendehälse“, „Privilegien für alle!“, „Pässe für alle, Laufpass für die SED“, „Wir wollen endlich Taten sehen, sonst sagen wir Auf Wiedersehen“ oder „Lieber eine Wanze im Bett als eine in der Steckdose“ und „Visafrei bis Hawaii!“
Mit dem Slogan "Egon zu Tisch!" war keine Essenseinladung gemeint, sondern dass Honecker-Nachfolger Egon Krenz in Haft zu Gewerkschaftsboss Harry Tisch gewünscht wurde.
Hass auf die Schnüffler von der Post
Als der Demonstrationszug an der großen Post am Alexanderplatz vorüberzog, entlud sich der Hass auf die Schnüffler: „Stasi aus! Stasi raus!“ Die Millionen und Abermillionen Briefe, die geöffnet, die zurückgehalten, die gefälscht wurden, denen Schriftproben oder die D-Mark-Scheine der westdeutschen Verwandten entnommen wurden – viele Millionen D-Mark pro Jahr, die zur Finanzierung von Investitionen in neue Stasi-Gerätschaften dienten -, Briefe, mit denen die Stasi sogar Desinformationskampagnen steuerte, etwa mit gefälschten westdeutschen oder österreichischen Poststempeln auf antisemitischen Pamphleten, die an jüdische DDR-Bürger adressiert waren und Empörung über den Westen und im Westen produzieren sollten, all dies geschah in Postämtern wie diesem.
Eigentlich unglaublich, dass das Amt an dem Tag nicht gestürmt worden ist wie später die Stasi-Zentrale. Wenigstens befestigten ein paar Berliner das Transparent "Schnüffler und Unterschlager" an der Hausfassade.
DDR-Fernsehen entschuldigte sich
Auch die publizistischen Handlanger des Regimes kamen dran. In einem Aufruf wurden Chefredakteure und Leitartikler gefragt, wie viele besorgten Leserbriefe sie unterschlagen hätten, wie viele von ihnen noch in den Redaktionen säßen, "die nur ihren Sessel um 180 Grad gedreht haben!" Immerhin: Der DDR-Rundfunk brachte die komplette Demonstration und alle Reden in Direktübertragung.
Auch das DDR-Fernsehen übertrug die fünfstündige Kundgebung live. Kurz vorher wäre das noch undenkbar gewesen. Die „Aktuelle Kamera“ bat sogar die Zuschauer für die frühere Art der Berichterstattung in aller Form um Entschuldigung.
Ich kann es an dieser Stelle nicht lassen, die Ignoranz des diensthabenden außenpolitischen Redakteurs in der Wiener Redaktion aufzuspießen. Dass die größte regimekritische Demonstration aller Zeiten in der DDR eine große Reportage auf Seite Drei wert sei, wollte mir der Kollege, sonst Nahostspezialist der "Presse", nicht glauben. Er meinte, ich sei von all diesen Demos in der DDR befangen und betriebsblind geworden. Er wollte mir einen Einspalter freihalten. In harter Verhandlung einigten wir uns wenigstens auf einen Vierspalter auf der zweiten Seite (die nach Analysen des Leserverhaltens stets zu den am wenigsten beachteten Seiten gehört). Diese Fehleinschätzung schmerzt bis heute.
Das Brandenburger Tor war tabu
Im Rückblick hat die Demo vom 4. November eher durch ihre Masse an Teilnehmern und die Spritzigkeit der Parolen an Wirkung erzielt. Hier mitzumarschieren und die Redner teils anzufeuern, teils auszubuhen, erforderte nicht mehr den Mut wie zuvor die Kundgebungen in Leipzig, Plauen oder Dresden. Obwohl auch hier in Berlin noch hätte geschossen werden können. Wäre die Masse von der vorgeschriebenen Route abgewichen und in Richtung Brandenburger Tor marschiert, wären womöglich Waffen zum Einsatz gekommen. Die Vorbereitungen dafür waren getroffen.
Zum 20. Jahrestag der entscheidenden Leipziger Montagsdemo vom 9. Oktober ist die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley gern gekommen. „Aber sollte es eine Feier zum 20. Geburtstag der Demo vom 4. November geben, würde ich nie hingehen“, sagte sie vor kurzem. „Als die mit polizeilicher Erlaubnis demonstriert haben, war ja schon alles vorbei. Was will man denn mehr, als dass auch Markus Wolf mitläuft?“ Und zum Jahrestag des Mauerfalls wird sie schon gar nicht kommen. Am 9. November wird sie in Taiwan sein. Sie will nicht mit ansehen, wie am Brandenburger Tor das Umfallen einer Dominomauer inszeniert wird, und sie will nicht „für Herrn Wowereit Mauerfall spielen“.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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