"Die Mauer, wie Sie das nennen"
Natürlich spielen bei der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 die Mauer, die Teilung und der Schießbefehl eine zentrale Rolle. Im selben Jahr beeinflussen auch Ronald Reagan und ungarische Feldhasen die Geschichte der Grenzanlagen. Ohne es zu wollen, sprenge ich eine Pressekonferenz im Roten Rathaus.
Natürlich spielen bei der 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 die Mauer, die Teilung und der Schießbefehl eine zentrale Rolle. Im selben Jahr beeinflussen auch Ronald Reagan und ungarische Feldhasen die Geschichte der Grenzanlagen. Ohne es zu wollen, sprenge ich eine Pressekonferenz im Roten Rathaus.
Es ist im Mai 1987, mehr als zwei Jahre vor dem Fall der Mauer. Die ganze Stadt feiert ihren 750. Geburtstag. Nicht gemeinsam, dafür doppelt. Einmal hüben, einmal drüben. Zu gemeinsamen Feierlichkeiten haben sich Ost und West nicht durchringen können. Gegenseitige Einladungen wurden jeweils abgesagt.
Die Atmosphäre in der geteilten Stadt ist aggressiv aufgeladen, als eine Gruppe internationaler Korrespondenten aus Bonn Berlin West und Berlin Ost besucht.
Der Ostteil hat sich für das Jubiläum herausgeputzt. Rechtzeitig sind die Dome am Platz der Akademie (heute wieder Gendarmenmarkt) und die Restaurierung des Nikolaiviertels fertig geworden, die schmucke Simulation eines historischen Stadtkerns aus Plattenbauelementen. Rechtzeitig konnte auch das Ephraimpalais eröffnet werden. Speziell bei der Renovierung dieses Rokoko-Palazzo am Spreeufer hat der Westen die Wirkung politischer Gesten verschenkt. Denn Originalteile des Palastes waren seit Kriegsenede in Westberlin gelagert und wurden zur Renovierung an Ostberlin rückerstattet. So selbstverständlich war diese Kooperation ja nicht. Im Jubiläumsjahr 1987 hätte man etwas draus machen können.
300.000 Hosen zusätzlich
Unser Journalistenbus fährt auf Ostberlins Straßen an Plakaten und Transparenten vorbei:
"Wir produzieren 1987 300.000 Hosen zusätzlich für die Bevölkerung"
"Mit Tatkraft und Initiative – Begeisterung zu Dauerleistungen"
"All unser Können für die Erreichung des Titels: ‚Betrieb der gehobenen Qualität’"
"Mein Arbeitsplatz Kampfplatz für den Frieden"
"Mit Berliner Tempo aufgedeckt, was in uns steckt"
"Jugend vereinige dich im Kampf, Frieden ist unser 1. Menschenrecht"
Am VEB Backwarenkombinat Berlin verrät eine rote Tafel mit weißer Schrift: "Je stärker der Sozialismus, desto stärker der Frieden!"
In der Berliner Zeitung heißt es an dem Tag in einem Bericht über Parteiwahlen in den SED-Grundorganisationen mit sechsspaltigem Titel: "Alle die Werktätigen bewegenden Fragen wurden schöpferisch beraten".
Das Neue Deutschland berichtete über dieselbe Veranstaltung ebenfalls über alle sechs Spalten: "Parteiwahlen Angelegenheit des ganzen Volkes".
Bevor wir durchs VEB Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober" geschleust werden, empfängt uns Erhard Krack im Wappensaal des Roten Rathauses zum Pressegespräch. Mit dem Oberbürgermeister von (Ost-)Berlin treten auf: Hannelore Mensch und Wolfgang Schmahl, seine Stellvertreter.
Das ehedem gesamtberlinerische Rathaus diente zu DDR-Zeiten natürlich nur dem Ostberliner Magistrat als Sitz. Westberlin hatte seine Stadtregierung und den Senat im geräumigen Rathaus Schöneberg unterbringen müssen. Ostberlin hatte einen Oberbürgermeister, Westberlin (wie heute ganz Berlin) einen Regierenden Bürgermeister. Erst seit 1991 ist das Rathaus wieder gemeinsamer Regierungssitz.
Rotes Rathaus heißt es weder wegen der damaligen SED-Funktionäre unter Erhard Krack noch wegen der späteren rot-roten Koalition (SPD, Linke) unter Klaus Wowereit. Der Name geht schlicht auf die Fassadengestaltung mit roten Ziegelsteinen zurück.
Abruptes Ende im Wappensaal
Krack lässt ein zwölfseitiges Redemanuskript an die Korrespondenten verteilen, bevor er es Wort für Wort vorträgt. Zeit genug, um sich den Fußboden und die Portale aus rotem Marmor und die Fenster mit den Wappen der Berliner Bezirke anzusehen. Bemerkenswert, dass auch die Wappen der Westberliner Bezirke eingearbeitet sind. Indiz dafür, dass der DDR-Magistrat einmal ganz Berlin hatte vertreten wollen.
Dass Krack ein paar Tage vor dem Pressegespräch als Wahlleiter für Ostberlin an der Fälschung der Kommunalwahl beteiligt war und die SED-Ergebnisse hatte schönrechnen lassen, findet sich in seinem Vortrag nicht wieder.
Der Anfang des Journalistengespräches verläuft sehr freundlich. Das Ende weniger. Dafür fühle ich mich verantwortlich – wenn auch nicht schuldig.
Vor mir fragt ein Kollege Krack vorsichtig, wie er zur Mauer stehe.
Kracks Antwort: "Die Mauer – wie Sie das nennen – ist ja die Staatsgrenze der DDR zu Berlin West." Sie sei, belehrt er uns, auf Grund bestimmter Bedingungen entstanden. “Denn wir mussten verzeichnen, dass wir ausverkauft werden."
Die Staatsgrenze der DDR zu Berlin West werde sich erst dann in ihrem Charakter verändern, wenn sich die Bedingungen dafür verändern hätten, sagt Krack. "Und wie schwer das ist, das hat ja wieder die Feier vom 30. April bewiesen. Alles andere wäre Phantasterei und Illusion." Damit spielt Krack auf die Besuchsabsage des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (vom Westteil der Stadt) an.
Meine erste Nachfrage dazu – sie betrifft die Todesschüsse an der Mauer – ignoriert der Oberbürgermeister, als habe er sie gar nicht gehört. An meinem dezenten österreichischen Akzent dürfte es nicht gelegen haben.
Ich mache einen neuerlichen Versuch zum Thema Schießbefehl. Das reicht Krack. Statt zu antworten, erklärt er das Pressegespräch mit den Korrespondenten abrupt für beendet.
Das kommt etwas überraschend, auch für den damaligen Vorsitzenden der Auslandspresse, den Luxemburger Marcel Linden, der unsere Gruppe anführt.
Der Kracksche Abbruch ist aber ehrlicher als das hohle Gerede, das es sonst zu Fragen der Mauer zu hören gibt. Diplomaten beispielsweise, die damals nach der Zukunft der Mauer fragen, ärgern sich über diesen "permanenten Dialog für Taube" und die "ausgeleierten Grammofonplatten", wie sich später ein niederländischer Botschafter äußert. Das hat man uns Korrespondenten immerhin erspart. Keine Antwort sagt oft mehr als tausend Worte.
“Niemand hat die Absicht…”
Ein kurzer Rückblick. "Die Mauer, wie Sie das nennen" – Hier ist Krack zu korrigieren. Denn das Wort "Mauer" hatten nicht feindselige Journalisten aufgebracht, sondern Walter Ulbricht höchstpersönlich. Bis dahin war der Begriff öffentlich nie gefallen. Weder vor dem 13. August 1961 noch die Monate danach fand man das Wort, schon gar nicht in offiziellen Dokumenten. Einer der westdeutschen Korrespondenten merkte rückblickend an: "Kein noch so emsiger Historiker fand bisher im Vorfeld des Mauerbaus einen Hinweis oder einen Beschluss eines SED- oder eines KPdSU-Gremiums mit dem Wort ‚Mauer’".
Das Wort war also Ulbricht entfleucht. Das war übrigens ebenfalls auf einer Pressekonferenz. Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau hatte den SED-Chef am 15. Juni 1961 nicht nach Mauerplänen gefragt, sondern wollte nur wissen, wie er den Flüchtlingsstrom von Ost- nach Westberlin unterbinden wolle.
Ulbricht damals, es war im Haus der Ministerien an der Leipziger Straße: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der DDR dazu mobilisieren, eine Mauer zu errichten. Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht."
Und dann der berühmte Satz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."
(AUDIO-DATEI: http://www.ddrtechnik.de/DDR/Staatsoberhaeupter/Walter_Ulbricht_/mauerbau.mp3)
Das war nur zwei Monate, bevor mit dem Bau der Mauer begonnen wurde. Der Rest ist bekannt: In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 wurden Ostberlin und die DDR provisorisch mit Stacheldraht und Spanischen Reitern, aufgerissenen Straßen und Pflastersteinbarrikaden abgeriegelt, später durch den "antifaschistischen Schutzwall", eine feste Mauer aus vier Meter hohen Betonplattenwänden, Todesstreifen, beleuchtete Kontrollstreifen, Wachtürme.
Auf Flüchtlinge schossen die jungen Grenzsoldaten ohne Vorwarnung. Der 18-jährige Peter Fechter aus Ostberlin war das erste Todesopfer. Er wurde im August 1962 angeschossen und verblutete. Das letzte Opfer war Chris Gueffroy im Februar 1989.
Meine Frage nach dem Schießbefehl auf der Pressekonferenz im Wappensaal war also durchaus legitim. Oberbürgermeister Erhard Krack war ihr nicht gewachsen.
Nun doch ein Denkmal für Ronald Reagan?
Ein paar Tage nach unserer Jubiläumsreise übrigens brachte US-Präsident Ronald Reagan ein klassisches Zitat nach Berlin. “Mister Gorbatschow, tear down this wall!” – Reißen Sie diese Mauer ein! (AUDIO-DATEI: http://www.youtube.com/watch?v=YtYdjbpBk6A).
Ein Zitat, von dem ihm seine eigenen Redenschreiber abgeraten haben und das auch in Deutschland kritisch aufgenommen wurde. Es hätte den Kalten Krieg verschärfen und einen Atomschlag auslösen können…
Sogar noch 2008 stieß der Plan von Michael Reagan, dem Adoptivsohn des Präsidenten, zur Erinnerung an die Rede eine Gedenktafel in Berlin zu montieren, auf keinerlei Resonanz.
Erst jetzt tut sich wieder etwas. Der US-Korrespondent Don Jordan (Bonn) war jüngst mit der Leiterin des Berliner Mauermuseums nochmals bei Michael Reagan in Los Angeles, bei der Ronald Reagan Stiftung mit der alten Air Force One und auf Reagans bescheidener Ranch. "Leider wird Reagan in Deutschland und Berlin keineswegs entsprechend gewürdigt", findet Jordan. Für November 2009 ist immerhin im Mauermuseum am Checkpoint Charlie eine Ausstellung geplant. Michael Reagan wird sie am 6. November eröffnen.
Fehlalarme durch Feldhasen und ein Beschluss in Ungarn
Ungefähr zur gleichen Zeit in diesem Jahr 1987 fiel in Ungarn eine politische Grundsatzentscheidung, die sich später für die DDR als letal erwiesen sollte. Ungarn hatte kein Geld, um die verrotteten Überwachungsanlagen an der Grenze zu Österreich zu renovieren. Jede Nacht Dutzende Fehlalarme, ausgelöst durch Feldhasen und Vögel, das nervte die Grenzschutztruppen.
Ohnehin diente der Eiserne Vorhang weniger dazu, die Ungarn im Land zu halten, die ja mit einem “Weltpass” ausreisen durften, sondern die DDR-Bürger und Rumänen am Ausreißen ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) zu hindern. Die 2.000 Fluchtversuche pro Jahr an der 270 Kilometer langen Grenze betrafen nicht Ungarn, sondern zumeist DDR-Bürger. Für eine aufwändige Generalüberholung fehlten in Ungarn die Akzeptanz und die Mittel. Die Entscheidung von 1987 – Erhard Krack im Roten Rathaus und Erich Honecker im Staatsratsgebäude hatten davon noch keine Ahnung – führte zum Abbau 1989 und zum Ausbluten der DDR via Ungarn.
Nach dem Fall der Mauer und zur Öffnung des Brandenburger Tores übrigens ließ sich Krack zusammen mit Walter Momper (genau, der mit dem roten Schal), dem Regierenden Bürgermeister aus Westberlin, feiern. Wenigstens übernahm er dann die Mitverantwortung für die Wahlfälschungen von 1987, weshalb seine Haftstrafe auf Bewährung ausgesetzt wurde. Er starb 2000 mit 69 Jahren.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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