"Die Lage ist explodiert und nicht mehr zu steuern"

Wegen der andauernden Gewalt im Süden von Kirgistan weitet sich die humanitäre Katastrophe in Zentralasien immer weiter aus. Die UN befürchten bald 100.000 Flüchtlinge. Usbekistan schloss nun seine Grenze. Die Interimsregierung appelierte erneut an das von Russland geführte Militärbündnis, mit Soldaten einzugreifen.

Rosa Otunbajewa, Interimspräsidentin Kirgistans, bekannte in einem Fernsehinterview, die Lage nicht mehr kontrollieren zu können. Foto: dpa
Rosa Otunbajewa, Interimspräsidentin Kirgistans, bekannte in einem Fernsehinterview, die Lage nicht mehr kontrollieren zu können. Foto: dpa

Wegen der andauernden Gewalt im Süden von Kirgistan weitet sich die humanitäre Katastrophe in Zentralasien immer weiter aus. Die UN befürchten bald 100.000 Flüchtlinge. Usbekistan schloss nun seine Grenze. Die Interimsregierung appelierte erneut an das von Russland geführte Militärbündnis, mit Soldaten einzugreifen.

Die Behörden im benachbarten Usbekistan berichteten von 75.000 Menschen, die auf ihrer Seite der Grenze Schutz suchten, sagte der Sondergesandte der Vereinten Nationen, Miroslav Jenca. "Aber diese Zahl steigt und könnte bald bei mehr als 100.000 liegen."  Die kirgisische Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa sprach von etwa 40.000 Flüchtlingen, allerdings schätzen Hilfsorganisationen die Zahl auf bis zu 80.000. Die Usbeken sind auf der Flucht vor den ethnischen Konflikten in den südkirgisischen Städten Osch und Dschalal-Abad.

Weil der Flüchtlingsstrom nicht abreißt, schloss Usbekistan seine Grenze. "Wir haben einfach keine Kapazitäten mehr", sagte der usbekische Vize-Regierungschef Abdulla Aripow nach Angaben des zentralasiatischen Nachrichtendienstes CA-News. Neben Kirgistan fordert nun auch Usbekistan Hilfe, um der Krise Herr zu werden.

Meldungen von bis zu 2.000 Toten

Der Weltsicherheitsrat verurteilte die Gewalt und forderte, Nahrungs- und Hilfsmittel in das Krisengebiet zu schicken. Nach offiziellen Angaben stieg die Zahl der Toten auf 170. Allerdings gehen Augenzeugen von deutlich mehr Opfern aus, weil die Usbeken ihre Leichen aus Angst nicht in kirgisische Einrichtungen bringen. Medien nannten am Dienstag die Zahl von 2.000 Toten in Osch und Dschalal-Abad. Viele Leichen wurden ohne Identifizierung in Massengräbern verscharrt. Beweise für diese höhere Zahl gab es zunächst nicht.

Die kirgisische Interimsregierung appellierte erneut eindringlich an das von Russland geführte Militärbündnis ehemaliger Sowjetrepubliken, mit Friedenssoldaten in den Konflikt einzugreifen. Man gehe davon aus, dass die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) dem Land helfen werde, sagte in der Hauptstadt Bischkek der Sekretär des Sicherheitsrats, Alik Orosow. "Die Lage ist explodiert und nicht mehr zu steuern, es herrschen Mord und Totschlag", sagte Orosow der Moskauer Zeitung "Iswestija".

Russland liefert 130 Tonnen Lebensmittel und Decken

Zur Unterstützung der Flüchtlinge flog UNICEF Medikamente und Zelte in das Gebiet. "Zahlreiche Patienten mit Schusswunden müssen behandelt werden. Die hygienischen Verhältnisse sind schlecht", teilte das UN-Kinderhilfswerk mit. Russland will an diesem Mittwoch mit drei Sondermaschinen 130 Tonnen Lebensmittel und Decken an Kirgistan liefern. In Usbekistan wurden die Flüchtlinge in Zeltlagern und Schulen sowie in Kindergärten und Krankenhäusern des Gebiets Andischan untergebracht. Nötig seien vor allem Medikamente, Betten und Verbandsmaterial für die Verletzten, teilten die Behörden mit.

Jenca appellierte an die Interimsregierung, trotz der Unruhen an einer für Ende Juni geplanten Volksabstimmung festzuhalten. Mit dem Referendum über eine neue Verfassung sollen demokratische Strukturen im Land gefestigt werden.

Auswärtiges Amt organisiert Evakuierungen aus Osch

Angesichts der Unruhen flog das Nachbarland China rund 200 seiner Staatsbürger aus dem Krisengebiet aus. Weitere 400 Chinesen sollten im Laufe des Tages in Sicherheit gebracht werden, zitierten Staatsmedien in Peking das Außenministerium.

Das Auswärtige Amt organisierte in der Nacht zu Dienstag die Evakuierung von 89 Europäern und anderen Ausländern aus Osch. Die deutsche Botschaft in Bischkek sei die einzige Vertretung eines EU-Staates vor Ort, sagte Außenminister Guido Westerwelle in Berlin. Zudem stelle Deutschland 500.000 Euro für humanitäre Hilfen zur Verfügung, um die Lage der zahlreichen Flüchtlinge zu verbessern. Westerwelle rief erneut alle Seiten zur Beendigung der Gewalt auf.

dpa / rtr / dto