David Cameron ist zu dem Zeitpunkt schon längst wieder abgereist. Am Abend zuvor durfte der britische Regierungschef zwar beim gemeinsamen Dinner noch dabei sein. Doch übermäßig viel zu sagen hatten sich Cameron und die übrigen Regierungschefs dann wohl nicht mehr. Das Abendessen ging für Brüsseler Verhältnisse vergleichsweise schnell – noch vor Mitternacht – zu Ende. Cameron ließ die Presse hinterher wissen, es sei ein „positives, konstruktives, ruhiges und zielgerichtetes Treffen“ gewesen. Dann zwängte er sich um 23.39 Uhr mit seiner Entourage in den Lift, um das Ratsgebäude zu verlassen – Exit aus Brüssel. Noch vor den wichtigen informellen Gesprächen.
Wir können ja Freunde bleiben
Beim EU-Gipfel suchen die 27 EU-Partner Großbritanniens nach dem richtigen Weg nach dem Brexit-Votum: Eine…
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Erstmals haben die 27 Staats- und Regierungschefs nun also ohne die Briten getagt – es ist eine Premiere. Und es ist gut möglich, dass zum nächsten Gipfel Cameron gar nicht mehr erscheint, sondern sein Nachfolger.
Während Cameron das Ratsgebäude verlässt, spricht Frankreichs Präsident François Hollande in der Nacht immer noch über die Folgen des Referendums. Auch in Frankreich, erklärt er, gebe es „eine Partei“ – den rechtsextremen Front National nennt er nicht beim Namen –, die ein Referendum über den Austritt aus der Euro-Zone fordere. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Jahr werde es um die Teilhabe Frankreichs an der EU gehen, sagt Hollande voraus. Seine Äußerung gibt eine Ahnung davon, was in Europa in diesen Tagen auf dem Spiel steht.
Merkel will keine Spekulationen
Andererseits ist der Brexit mitsamt seinen negativen Auswirkungen für Großbritannien, die sich abzuzeichnen beginnen, auch ein ganz gutes Argument für alle, welche die EU in ihrer bestehenden Form verteidigen wollen. So stellt Hollande die rhetorische Frage, ob es denn nun besser sei, innerhalb oder außerhalb der Europäischen Union zu sein. Er zuckt mit den Schultern, als er das sagt. Ob er hofft, dass sich die Briten am Ende doch anders besinnen oder ob er nur einen möglichen Dominoeffekt in weiteren EU-Ländern verhindern will, ist auch eine der vielen offenen Fragen dieses Gipfels.
Auch Angela Merkel will sich auf Spekulationen, dass die Briten möglicherweise am Ende ihren Antrag auf Verlassen der Union gar nicht einreichen, nicht einlassen. Sie halte ein derartiges Szenario für „nicht möglich“, sagt die Kanzlerin. „Das Referendum steht da als Realität. Wir haben uns mit Realitäten auseinanderzusetzen. Das ist es, was Politik ausmacht.“ Keine Trauer über den Verlust des britischen Partners? Die Antwort der deutschen Bundeskanzlerin klingt nicht danach, als wolle sie sich allzu lange mit dem Blick auf die vergangenen fünf europäischen Chaostage beschäftigen: „Wir sind nicht dafür da, uns mit Trauer lange aufzuhalten.“
Das worst-worst-worst-case-Szenario
Wie groß die Unsicherheiten sind, die das britische Referendum ausgelöst hat, ist überall im Europaviertel Brüssels zu spüren. Gegenüber dem Ratsgebäude, wo die Staats- und Regierungschefs tagen, liegt der Sitz von Junckers EU-Kommission. Entlang der Rue de la Loi, der Hauptstraße im Europaviertel, geht es in vielen Gesprächen um den Brexit – wie man immer wieder an Gesprächsfetzen hören kann, am Morgen sind viele Kommissionsbeamte auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz: „ … aber das wäre natürlich das worst-worst-worst-case-Szenario“, sagt einer dieser Mitarbeiter zu seinem Nebenmann. Gedankenspiele, was im schlimmsten Fall passieren könnte, gehören zurzeit in Brüssel zum Alltag.
Weiter unten an der Rue de la Loi marschiert eine Gruppe von Männern in dunklen Anzügen die Straße hoch. „Wir sind Landwirte aus Irland“, sagt einer der Männer, die in Brüssel an der richtigen Stelle nun auf ihre Interessen aufmerksam machen wollen. „Wir sind sehr besorgt.“. Warum? „Die Hälfte der landwirtschaftlichen Exporte aus Irland geht nach Großbritannien“, erklärt der Mann, „neue Handelsbarrieren würden uns erheblichen Schaden zufügen.“ Und außerdem könne es sein, dass es nach dem Brexit neue Kontrollen zwischen Nordirland und dem Rest der Insel gebe. Eine neue Grenze auf jener irischen Insel, die am Ende des vergangenen Jahrhunderts erst so mühsam den Weg zum Frieden gefunden hat – auch der ist vom Brexit bedroht.
Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.