Die Hausbesetzer von Ostberlin
Die Ausreise- und Flüchtlingswelle verkehrte das Wohnungsproblem ins Gegenteil. Vorher akuter Mangel, nachher Leerstand. Die "wohnraumlenkenden Organe“ der DDR verloren jeden Überblick. Sie mussten Hausbesetzer dulden. Sogar Angela Merkel war eine. Und Claudia L., die wir hier begleiten.
Die Ausreise- und Flüchtlingswelle verkehrte das Wohnungsproblem ins Gegenteil. Vorher akuter Mangel, nachher Leerstand. Die „wohnraumlenkenden Organe“ der DDR verloren jeden Überblick. Sie mussten Hausbesetzer dulden. Sogar Angela Merkel war eine. Und Claudia L., die wir hier begleiten.
Das eingemauerte Westberlin war berühmt für seine Hausbesetzer. Punks, die sich in leerstehenden Häusern niederließen und nicht daran dachten, Miete zu zahlen. Sie nutzten Leerstand, protestierten gegen Spekulanten, zettelten Straßenschlachten mit der Polizei an und praktizierten über Jahre hinweg – je nachdem – Instandbesetzung oder Kaputtbesetzung. Die besetzten Häuser waren aus dem Stadtbild gar nicht mehr wegzudenken.
Von Ostberlin war dies kaum bekannt – und dennoch gang und gäbe. Wohnungsbesetzungen durch brave Bürger, die dringend ein Dach über dem Kopf brauchten und selber eine Bleibe auskundschafteten, die unbenützt schien, waren durchaus üblich.
DDR-Ämter ohne Überblick
Diese "Selbsthilfe-Initiative der Bürger" wurde von den DDR-Behörden nicht nur geduldet, sondern auf dem Höhepunkt der Flüchtlings- und Ausreisewelle sogar gefördert. Denn über den Wohnungsmarkt hatten die verantwortlichen „wohnraumlenkenden Organe" längst jeglichen Überblick verloren.
Seit der Übersiedlerwelle hatten sie keinerlei Kontrolle, welche Wohnungen frei geworden waren. Die Flüchtlinge der Zeit vor der Wende durften sich ja durch vorzeitigen Verkauf von Möbeln und Hausrat oder gar durch Abmeldung der Wohnung nicht verraten. Sie mussten alles zurücklassen.
Manche Übersiedler haben sicherheitshalber "vergessen", die Wohnung abzumelden. Da die DDR-Mieten sehr niedrig waren, behielten sie ihre Wohnung im Arbeiter- und Bauernstaat, obwohl sie in Westberlin oder in Westdeutschland Arbeit und Quartier gefunden hatten.
Aufbrechen und einrichten
Was in den Karteien der Kommunalen Wohnungsverwaltungen (KWV) stand, war folglich völlig veraltet. Ihnen unterstanden 436.000 Wohnungen. Immobilienmakler gab es nicht. Es lohnte sich vor allem für junge Leute, Straßen ihrer Wahl aufmerksam zu erforschen oder alle Bekannten auszufragen: Wo fehlen Vorhänge, Fußabstreifer, Namensschilder? Wo brennt nie Licht? Erkundigungen bei Nachbarn und ein Blick ins "Hausbuch" beim Hausbuchführer halfen weiter.
Schien eine Wohnung schon länger leerzustehen, wurde sie einfach aufgebrochen und eingerichtet. Freilich musste dies dann bei der zuständigen KWV gemeldet und die Besetzung behördlich abgesegnet werden.
Selbsthilfe in Bruchbuden
Claudia L., 24-jährige Bürokraft aus Leipzig, weiß, dass sie demnächst ihre dienstliche Ein-Raum-Wohnung in Berlin-Pankow verlassen muss. Verbissen geht sie jedem Hinweis nach. Sie tastet sich in ihrem Bezirk durch die finstere Hauseinfahrt in den Hinterhof. Dort soll eine Wohnung frei sein. Im Treppenhaus fehlen Fensterscheiben und Ganglicht. Jede Stufe knarrt bedrohlich. Die Bahn direkt daneben erschüttert das Haus. Die Wohnung, nach der Claudia sucht, scheint tatsächlich frei zu sein.
Sie läutet beim Nachbarn im darunter gelegenen Stockwerk. Der Mann ohne Hemd und ohne Zähne sperrt umständlich zwei Türschlösser auf, die er offenbar aus Sicherheitsgründen montiert hat. Die Wohnung darüber habe einem Soldaten gehört, der sofort nach seiner Wehrpflicht in den Westen abgehauen sei.
Dass man den Balkon nicht betreten darf, überrascht Claudia nicht. Das ist fast normal bei den Altbauten in der DDR. Sogar in den Gebäuden, in denen die KWV-Büros untergebracht sind, warnen Tafeln vor Einsturzgefahr. Auch das Befahren der Innenhöfe mit dem Auto ist deshalb verboten.
Mit klopfendem Herzen verlässt Claudia das Haus und will es nie wieder betreten: "Diese Bruchbude soll ein anderer besetzen."
„Wohnraumlenkende Organe“
Der nächste Versuch, Bezirk Friedrichshain. Eine Wohnung steht nach Auskunft der Nachbarn seit zwei Jahren leer. Eine Säuferin sei darin gestorben. Die Erben hätten die Möbel längst abgeholt. Nachfragen bei der KWV waren ernüchternd: Per Abbuchungsverfahren wird nämlich noch immer Miete bezahlt. Daher kann Claudia die Wohnung nicht zugesprochen werden.
Die eine Referentin der Wohnungsverwaltung rät ihr, weiter nach Fenstern ohne Gardinen zu suchen. Die andere Angestellte dagegen klärt sie auf, dass dies noch lange nichts bedeuten müsse. Sie selbst wohne auch ohne Vorhänge, erzählt sie, und unlängst habe prompt ein Wohnungssuchender bei ihr im Amt vorgesprochen, der ausgerechnet ihre eigene Wohnung haben wollte.
Glücksfall mit dem Telefon
Während Claudia von den "wohnraumlenkenden Organen" der KWV immer wieder vertröstet wird und – wie alle anderen in der Warteschlange auch – zwei Wochen später wieder kommen soll, hört sie von ihrer Freundin, einer Journalistin, die sich in eine möblierte, aber unbewohnte Wohnung gesetzt, die Kontonummer der KWV herausgefunden hat und nun die Miete einfach weiterzahlt.
Diesen Trick wenden auch andere an, so dass die KWV-Karteien viele Anonyme führen. Die Miete geht ein, aber das Amt weiß nicht, von wem. Die Wohnung der Journalistin hat sogar ein Telefon, was ein ganz seltener Glücksfall ist. Um nicht irgendeine Behörde auf sich aufmerksam zu machen, traut sie sich aber nie, einen Anruf zu tätigen. Sie hebt nur ab, wenn es läutet.
Ein junger Ostberliner, der es besonders eilig hatte, kam dafür vor Gericht. Er heftete an die Tür einer vermeintlich leeren Wohnung sein Namensschild. Zwei Wochen später war es noch immer nicht entfernt, also brach er ein und warf die alten Sachen aus der Wohnung. Als der eigentliche Mieter von einer längeren Auslandsreise zurückkehrte, musste der Besetzer laut Gerichtsurteil den ganzen Schaden ersetzen. Aber er bekam wenigstens eine andere Wohnung zugewiesen.
Angela Merkels Besetzung in der Marienstraße 24
Auch Angela M. machte es wie Claudia L. und viele andere. Die heutige Bundeskanzlerin gestand jüngst einem Magazin, auch sie habe in ihrer Studentenzeit keinen Unterschlupf über die Wohnungsverwaltung der DDR zugewiesen bekommen. „Die DDR rechnete fast mit der Fähigkeit vieler, ihr Wohnproblem ’kreativ’ zu lösen, weil es einen unglaublichen Mangel an Wohnraum gab und ein großes Durcheinander in der Wohnungsverwaltung“, schilderte die Regierungschefin.
Die Wohnungsverwaltung habe damals keine Ahnung gehabt, wie viele Wohnungen in Ostberlin verlassen standen. "Das habe ich genutzt, einfach aus der Not heraus.“ So wurde Merkel als Hausbesetzerin aktiv und bezog mit ihrem ersten Mann, Ulrich Merkel, das leere Haus Nummer 24 in der damals völlig heruntergekommenen, heute sehr gehobenen Marienstraße in Berlin-Mitte. Sie habe aber regelmäßig dafür Miete gezahlt. Erst bei ihrer nächsten Wohnung in der Templiner Straße hat sie sich ins Melderegister eintragen lassen.
Ewald König, Chefredakteur von EURACTIV.de, war zu Zeiten der Wende Deutschland-Korrespondent der österreichischen Zeitung DIE PRESSE. Für die Leser von EURACTIV schildert er in einer Serie, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat.
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